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Auch in den Tagen nach der Eskalation am 20. Juni protestierten die Menschen in Tiflis weiter.

Krise

Russlands Peitsche und Georgiens Zorn

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Moskau und Tiflis haben sich als alte, neue Feinde wiederentdeckt.

Es war eine riskante Geste. Beim Jubel im Pokalspiel gegen Kuban Krasnodar Ende Juni legten sich Revas Brodseli und Sava Iluridse, Georgier und Rugby-Spieler von Slawa Moskau, die Hand aufs Auge. Die Geste hatte sich in Georgien massenhaft verbreitet, nachdem am 20. Juni Polizisten bei nächtlichen Protesten in der Hauptstadt Tiflis mit Gummigeschossen zwei Demonstranten ein Auge ausschossen. Die Geste habe mit Politik nichts zu tun gehabt, sei spontan gewesen, erklärte Brodseli dem Portal sports.ru: „Leute, wir leiden mit euch!“ Es kam dennoch zum Skandal. Der Präsident Slawa Moskaus erklärte, die Georgier müssten den Klub verlassen, das verlange der russische Rugby-Verband.

Zwischen Georgien und Russland herrschen wieder Misstrauen und Feindseligkeit. Fußballer der georgischen Erstligaklubs Torpedo Kutaissi, Lokomotive Tiflis und FC Rustavi liefen in T-Shirts mit englischem Text auf: „Wir sind aus Georgien und unser Land wird von Russland okkupiert.“ Zuvor hatte Russlands Staatschef Wladimir Putin verfügt, ab dem 8. Juli den Flugverkehr nach Georgien einzustellen. Eine Reaktion auf jene aus dem Ruder gelaufene Protestkundgebung in Tiflis. Damals hatten sich Tausende wütende Demonstranten vor dem Parlament versammelt, weil sich der russische Duma-Abgeordnete Sergej Gawrilow bei einer internationalen Tagung christlich-orthodoxer Parlamentarier auf den Sitz des georgischen Parlamentssprechers gesetzt hatte. Die Menge versuchte, das Gebäude zu stürmen, die Polizei setzte Tränengas und Gummikugeln ein, 240 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Die russische Delegation reiste unbeschadet ab.

Die Beziehungskrise mit Russland hat in Georgien auch innenpolitische Dimensionen. Seit Wochen veranstaltet die Opposition Kundgebungen, bei denen der Rücktritt von Innenminister Giorgi Gakharia gefordert wird. „Er behauptet, er wolle die Gewalttaten am 20. Juni aufklären“, sagt Khatuna Samnidse, Vorsitzende der liberalen „Republikanischen Partei“ der FR. „Wie kann er etwas aufklären, für das er selbst verantwortlich ist?“

Nach Ansicht politischer Beobachter rangeln die Regierungspartei „Georgischer Traum“ und die größte Oppositionspartei „Vereinte Nationalbewegung“ schon jetzt um Ausgangspositionen vor den Parlamentswahlen 2020. „Russland ist nun für sie ein Instrument, um Vorteile zu erlangen“, erklärt der Moskauer Politologe Sergej Markedonow. Auch Präsidentin Salome Surabischwili, die dem „Georgischen Traum“ nahesteht, bezeichnete Russland als „Feind und Okkupant“.

Tatsächlich tut der große Nachbar im Norden einiges, um diesem Bild gerecht zu werden: Russland unterstützt seit Jahrzehnten die georgischen Rebellenrepubliken Abchasien und Südossetien militärisch und politisch. 2008 vereitelten russische Panzer einen georgischen Versuch, Südossetien zurückzuerobern. Gerade erst beklagte Amnesty International in einem Bericht neue Befestigungen und Verschärfungen an den innergeorgischen Grenzen. „Die Handlungen Russlands und der faktischen Behörden in Abchasien und Südossetien“, heißt es in einer Verlautbarung der Menschenrechtsorganisation, „haben zu ernsthaften Einschränkungen des Rechts auf Bewegungsfreiheit und der Verletzung anderer Menschenrechte geführt.“

Flugverbot nach Georgien

Anlässlich georgisch-russischer Routineverhandlungen in Genf erklärte Russlands Vizeaußenminister Grigori Karassin am Mittwoch drohend: „Entweder treffen wir uns in Genf oder wir verstärken die Streitkräfte und führen Krieg.“ Auch die Militärzeitung „Woennoje Obosrenije“ macht Stimmung: „Hunderttausende Georgier leben in Russland, die kriminellen Aktivitäten der Abkömmlinge aus dieser Republik stellen ein eigenes Problem dar.“

Dagegen rechnet man in Tiflis aus, wie teuer Georgien Putins Flugverbot zu stehen kommt. Nach Angaben der nationalen Tourismusverwaltung machten allein 2018 1,4 Millionen Russen in Georgien Urlaub. Ihr Ausbleiben könnte über 700 Millionen Dollar kosten. Gerade junge Russen verbringen ihre Ferien gerne im preiswerten, landschaftlich schönen und liberalen Georgien.

Und auch wenn nach den Unruhen in Tiflis mehrere Männer ein Kamerateam des russischen Staatsfernsehens attackiert hatten, wurden nationalistische Übergriffe gegen russische Urlauber bislang nicht registriert. „Russlands Bürger genießen bei uns mehr Sicherheit als in ihrem im eigenen Staat“, behauptet Politikerin Samnidse.

Das Ende des Flugverbots ist nicht abzusehen. Dafür entschloss sich soeben zumindest der russische Rugby-Verband zu einem Zugeständnis: Die Georgier Brodseli und Iluridse dürfen doch weiter für Slawa Moskau spielen.

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