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Familien fliehen aus der Kampfzone im Grenzgebiet zwischen Syrien und der Türkei.

Türkische Offensive

Russlands neue Rolle

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Die Syrienoffensive der Türkei beunruhigt auch den Kreml – doch er sieht mehr Chancen als Gefahren.

Die Lage ist heikel, auch für Russland. Die türkische Armee und die syrischen Regierungstruppen, beide eigentlich Moskaus Verbündete, veranstalten ein Wettrennen um die von den US-Streitkräften preisgegebenen Kurdengebiete im Norden Syriens. Es ist schon zu Zusammenstößen zwischen syrischen Einheiten und islamistischen Hilfstruppen der Türken gekommen. Und nach Angaben syrischer Medien soll bei der Stadt Manbisch westlich des Euphrats auch russische Artillerie in die Kämpfe eingegriffen haben.

Am vergangenen Montag verkündete Donald Trump überraschend den kompletten Abzug der Amerikaner aus Syrien, zwei Tage später startete die Türkei ihre Offensive gegen die Kurden. Die Fronten des syrischen Bürgerkriegs sind wieder in Bewegung. Moskau verfolgt die Entwicklung mit gemischten Gefühlen. Aber aus russischer Sicht scheinen die neuen Chancen größer als die Gefahren. Den ersten russischen Erfolg lieferten die Führer der kurdischen Autonomie, als sie in der Nacht auf Montag die syrische Regierung um militärische Hilfe gegen die Türken baten.

Damit eröffnet sich die Möglichkeit, das bisher von den USA und der Kurdenmiliz YPG kontrollierte Nordsyrien wieder in den Machtbereich Baschar el-Assads zu bringen. Das wäre fast ein Drittel des Landes – inklusive der reichen Ölquellen bei Deir ez-Zor im Osten. Auch wenn nach Angaben der „Nesawissamaja Gaseta“ am Montag dort noch US-Einheiten standen, hofft man in Moskau, sie würden künftig von russischen Konzernen ausgebeutet.

Doch einige russische Medien melden nicht ohne Stolz, Parlamentäre des Kremls hätten die Einigung zwischen Assad und den Kurden ausgehandelt. Über deren Inhalt wird allerdings auch in Russland nur spekuliert. Das Nachrichtenportal meduza.io schreibt, vermutlich bleibe die kurdische Autonomie bestehen. Aber das nur auf lokaler Ebene und vorläufig, bis zur Annahme jener neuen Verfassung, die Russland zum Endziel seiner Friedensbemühungen erklärt hat.

Außerdem würde die YPG aufgelöst und dem 5. Stoßkorps der syrischen Armee einverleibt, das direkt dem russischen Verteidigungsministerium unterstehen soll. Noch vor einer guten Woche galten die Kurden als stärkster militärischer und unter dem Schutz der USA unangreifbarer Assad-Gegner. Jetzt scheint ihre Streitmacht Damaskus – und damit auch Moskau – regelrecht in den Schoß zu fallen. Dafür ist mit den vorrückenden Türken ein neues Problem aufgetaucht. „Ein unangenehmer Moment für Russland“, sagt Aschdar Kurtow, Chefredakteur der Zeitschrift „Problemy naziolalnoi strategii“. „Die Türkei will als Erlös für ihren Einsatz im syrischen Bürgerkrieg Sicherheit nach eigenen Vorstellung schaffen. Und dazu gehört zumindest die Ausschaltung der Kurdischen Arbeiterpartei in Syrien.“ Ankara strebe zwar kaum eine Annexion der Gebiete an, die es nun versucht zu besetzen. Aber es wolle dort eine Kontrollzone nach ihrer Fasson errichten.

Kurtow und andere Moskauer Experten glauben, dass Russland eine kriegerische Konfrontation mit der Türkei vermeiden möchte. Am Montag telefonierten der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar und sein russischer Kollege Sergei Schoigu.

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan erklärte am selben Tag, man koordiniere sich mit Russland, Kremlsprecher Dmitri Peskow bestätigte das.

Wladimir Putin und Erdogan gelten als Männerfreunde, formal ist die Türkei zwar Nato-Mitgliedsland, lässt sich von den Russen aber Gaspipelines, Atomkraftwerke und Luftabwehrraketen liefern. Zwar murrte Putin über Erdogans Syrien-Invasion im gleichen Wortlaut wie vorher über den Einsatz der US-Truppen dort: „Die territoriale Souveränität Syriens muss vollständig wiederhergestellt werden.“ Aber die Türkei ist für Moskau ein Klient, dem zuliebe man Kompromisse macht, in diesem Fall auf Kosten der syrischen Kurden.

Die Moskauer Zeitungen prophezeien einen Deal zwischen Ankara und Damaskus unter russischer Vermittlung. Er soll es der Türkei erlauben, eine Pufferzone im Grenzgebiet zu errichten, die eine neue Trennlinie durch das syrische Kurdengebiet zieht. Aber zu Zeit wird heftig gekämpft, noch sind auf dem neuen Schlachtfeld alle möglichen Streitkräfte und 160 000 Flüchtlinge in Bewegung. „Es wird lange dauern“, sagt Kurtow, „bis sich die Situation neu ausbalanciert hat.“

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