Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Vom FSB-Direktor zum Dauer-Präsident in Russland: Wladimir Putin.
+
Vom FSB-Direktor zum Dauer-Präsident in Russland: Wladimir Putin.

Russland

Spionage im Ausland: Die Schattenarmee des Wladimir Putin

  • VonMirko Schmid
    schließen

Wladimir Putin verlässt sich auf ein Heer von Spionen, das in ehemaligen Sowjet-Staaten und weltweit den Einfluss der russischen Föderation sicherstellen soll.

Moskau – Andrei Alexejewitsch Soldatow arbeitet als investigativer Journalist und Geheimdienstexperte. Bereits seit 1996 ist er für verschiedene russische Medien tätig. Doch seinen eigentlichen Durchbruch feierte er als Sektionsleiter der Wochenzeitung Versiya,  die unter anderem prominent über die Geiselnahme im Moskauer Dubrowka-Theater am 23. Oktober 2002 berichtete. In diese Zeit fiel auch der erste Kontakt Soldatows mit der Schattenarmee des russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Für das US-amerikanische Nachrichtenportal The Daily Beast meldete sich Soldatow nun in einem exklusiven und umfangreichen Essay zu Wort, das einige Brisanz birgt. Der Journalist, dem als Mitarbeiter der Nowaja Gaseta 2008 die Akkreditierung entzogen worden war, da er gemeinsam mit seiner Kollegin Irina Borogan Recherchen zum Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja vorangetrieben hatte, beschreibt infolge jahrelanger Aufarbeitung den Aufbau eines Netzwerks von Spionen, die Wladimir Putin über die gesamte Welt verteilt haben soll, um den Einfluss Russlands auszuweiten.

Die Geschichte beginnt mit einem Hochsommer im Jahr 2002. In ganz Moskau litten die Menschen unter der enormen Hitze, doch auf einem Dachboden eines fünfstöckigen Gebäudes im mondänen Stadtviertel Arbat im historischen Zentrum der russischen Hauptstadt herrschte emsige Betriebsamkeit. Soldatow, seinerzeit Leiter des Ressorts Nationale Sicherheit der Wochenzeitung Versiya, und sein Team arbeiteten an einer Story, die ihn noch lange Zeit beschäftigen sollte.

Wladimir Putin baut den Inlandsgeheimdienst zum Auslandsgeheimdienst aus

Die Versiya galt damals, so erzählt es Soldatow selbst, als ein eher skandalös angehauchtes Blatt im Besitz einer Geschäftsfrau mit einem Faible für große amerikanische SUVs und lange schwarze Nerzmäntel. Ihr Büro schmückte ein Foto, das sie mit dem damaligen Direktor des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB zeigte. In den Reihen des FSB und des Auslandsnachrichtendienstes SVR soll sich die Wochenzeitung einer großen Beliebtheit erfreut haben. Wladimir Putin war bereits seit zwei Jahren russischer Präsident und arbeitete daran, seinen ehemaligen Kollegen der Nachrichtendienste zu einem besseren Standing in der Bevölkerung des Riesenreiches zu verhelfen.

Laut Soldatow machte dieses Bestreben des noch jungen Präsidenten seine Abteilung zu einem zentralen Bestandteil der redaktionellen Aufgabe der Versiya. Was genau die Spione vorhatten, sei zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht ganz klar gewesen, was das Thema Sicherheitsdienste für seine Abteilung besonders faszinierend gemacht habe. Eines Tages landete ein Brief auf seinem Schreibtisch. In dem weißen Umschlag ohne Beschriftung befand sich lediglich ein Blatt Papier mit einer kurzen Notiz. Sie enthielt gerade einmal drei Absätze im Schreibmaschinen-Blocksatz.

In dem Schreiben hieß es: „Nach dem FSB-Gesetz besteht eine der Hauptaufgaben des FSB darin, nachrichtendienstliche Aktivitäten durchzuführen (Artikel 8). Laut dem Dekret des Präsidenten der Russischen Föderation von 1999 wurden zu diesem Zweck die externen Geheimdienststellen des FSB Russlands eingerichtet.“ Soldatow deutete die kryptische Nachricht als klare Ansage des FSB im internen Wettstreit der Nachrichtendienste: Der Inlandsgeheimdienst trachtete danach, seinen Einfluss auf das Ausland auszuweiten.

SVR und GRU: Russland verfügt neben dem FSB bereits über zwei Auslandsgeheimdienste

Der anonyme Verfasser der kurzen Nachricht fügte noch einen eigenen Kommentar hinzu und erklärte, dass das Gremium „Operational Information Coordination Directorate“ (UKOI) die externen Geheimdienstabteilungen des FSB beaufsichtige. Als Leiter des UKOI fungierte Wjatscheslaw Uschakow, ein Schützling Putins, den der spätere Präsident 1990 in seiner damaligen Funktion als FSB-Direktor eigens aus dem Ruhestand in den aktiven Dienst zurückbeordert hatte.

Russland verfügte bereits über zwei Auslandsgeheimdienste. Dabei handelte es sich um den militärischen Geheimdienst GRU, der seit den Tagen der Bolschewiki über die Jahre des Kalten Krieges bis in die postsowjetische Zeit heute ununterbrochen seinen Dienst verrichtet. Und um den SVR, der in der direkten Nachfolge der Ersten Chefdirektion des KGB steht. Warum also sollte ein dritter Auslandsgeheimdienst innerhalb des FSB geschaffen werden, der sich hauptsächlich auf Terrorismusbekämpfung und Spionageabwehr konzentriert? Der Grund, so der anonyme Briefschreiber, sei in den Folgen des Zusammenbruchs der Sowjetunion zu finden.

Russlands Sicherheitsdienste bemühten sich um enge Beziehungen zu den ehemaligen Sowjetrepubliken außerhalb des Baltikums und halfen ihnen dabei, das Vakuum in ihren eigenen Sicherheitsstrukturen zu füllen. Im April 1992 unterzeichnete die Leitung des SVR mit ihren Amtskollegen in diesen Ländern, zu denen die Ukraine, Georgien, Belarus und zentralasiatische Republiken gehörten, eine Vereinbarung, sich nicht gegenseitig auszuspionieren. Der FSB hingegen verzichtete auf eine solche Vereinbarung und fühlte sich von jeher frei von Verpflichtungen gegenüber den Vertragspartnern des SVR.

Der FSB erbt auslandsgeheimdienstliche Abteilungen des KGB

Der FSB argumentierte darüber hinaus, dass er selbst einige Geheimdiensteinrichtungen vom KGB geerbt hatte. Zu Sowjetzeiten waren die Nachrichten- und Spionageabwehr des KGB eng miteinander verwoben. Neben der Spionage im Ausland war der KGB stets damit beschäftigt, „Geheimdienste aus dem Territorium“ zu sammeln, Ein Euphemismus für die Anwerbung ausländischer Staatsangehöriger in der Sowjetunion, die anschließend als Agenten in ihre Heimatländer zurückgeschickt wurden. Um diese Anwerbung ausländischer Kräfte voranzutreiben, bildete der KGB regionale Abteilungen.

Jede regionale Abteilung hatte eine sogenannte Erste Sektion, die für die Anwerbung und Administration ausländischer Angestellter zuständig war. Wenn also ein amerikanischer Student nach Moskau kam, um Russisch zu lernen, beobachtete ihn die örtliche KGB-Zweigstelle und wartete auf den richtigen Moment, um ihn anzusprechen und zu rekrutieren.

Als der KGB nach dem Fall der Sowjetunion aufgelöst und aufgeteilt wurde, bediente sich der FSB an der Konkursmasse und übernahm die Ersten Sektionen unter Beibehaltung ihrer Funktionen. Jedoch fehlte ihnen eine zentrale Koordination. Dieses Fehlen eines Dachverbandes nutzte der FSB als Vorwand, um eine Abteilung zu schaffen, mit der er seine Reichweite dramatisch ausweiten konnte. Die Existenz der Ersten Sektionen und das offensichtliche Geheimdienstvakuum in den postsowjetischen Republiken boten die Chance: Die neue Direktion des FSB wurde vom Kreml damit beauftragt, die nächsten Nachbarn Russlands auszuspionieren.

Der FSB ist unzufrieden mit der Berichterstattung über die Erstürmung des Dubrowka-Theater

Der Verfasser des anonymen Briefes war sich laut Soldatow sicher, dass der Hauptgrund für die Entstehung der Direktion der Wunsch war, mehr Stellen für Generäle zu schaffen. Quellen der Versiya in der Lubjanka, dem Hauptquartier des FSB, stimmten dieser Einschätzung zu. Der FSB war auf dem Vormarsch, die Behörde sollte die Kontrolle über die Armee, andere Sicherheitsdienste und Strafverfolgungsbehörden übernehmen. Ihr Wunsch, in das Auslandsgeheimdienstgeschäft einzusteigen, wurde als Teil dieser unablässigen Bemühungen angesehen, die von Wladimir Putin persönlich gefördert wurden.

Die Versiya schickte eine Anfrage an den damaligen Sprecher des FSB, ob die Gerüchte über eine neue ausländische Spionageeinheit wahr seien. Zwar konnte dieser aus Gründen der Geheimhaltung nicht mit einer Bestätigung dienen, gab Soldatow gegenüber aber zu: „Grundsätzlich ist die Existenz eines solchen Dekrets logisch.“ Also veröffentlichte der Journalist einen kleinen Artikel über den Brief und dieses nicht vollständige Dementi und vergaß die Sache nach eigener Aussage bald darauf.

Vier Monate später kam es in Moskau zu einem, wie Soldatow es nennt, “schrecklichen Terror-Albtraum“, als das Moskauer Dubrowka-Theater angegriffen und ein Publikum von mehr als tausend Menschen als Geisel genommen wurde. Der FSB sei sehr unzufrieden mit der Berichterstattung der Versiya über die Geiselnahme und die anschließende Razzia gewesen, bei der eine Form des Knock-out-Gases Fentanyl eingesetzt wurde. Mit diesem Gas nämlich sollten die Geiselnehmer außer Gefecht gesetzt werden, allerdings gelang es nicht, allen Geiseln ein Gegenmittel zu geben, wodurch viele von ihnen erstickten. 

Der FSB unter Wladimir Putin geht gegen kritische Presseberichte vor

Die kritische Berichterstattung der Versiya führte dazu, dass der FSB die Verlagsräume durchsuchte, Computer beschlagnahmte und eine, wie Soldatow sagt, „monatelange Schikanierungskampagne gegen unsere Journalisten“ startete. Das Foto der Besitzerin beim Händeschütteln mit dem Direktor des FSB hatte „offenbar seine magischen Kräfte verloren“, so Soldatow bitter.

Dieser Ansatz für die Beziehungen zwischen Regierung und Medien folgte in den kommenden Jahren auf weitere Terroranschläge und mal mehr und mal weniger erfolgreiche Reaktionen des FSB auf diese. Soldatows Kolleginnen und Kollegen mussten in der Folge „fast jedes Jahr“ den Job wechseln und begannen eine Odyssee von einer in Schwierigkeiten geratenen Zeitung zur nächsten. Er selbst heuerte im Oktober 2008 bei der Novaya Gazeta an, die er als eine „der furchtlosesten unabhängigen Nachrichtenagenturen Russlands“ wahrnahm und die den plötzlichen Tod mehrerer Korrespondenten hinzunehmen hatte. Soldatow spricht von „brutalem Mord infolge ihres kritischen Journalismus“. 

Dementsprechend habe Soldatow an seinem Schreibtisch gesessen und „ungläubig gestarrt“, als ein Beamter des FSB hereingekommen sein soll – „nicht um uns zu überfallen, sondern um zu reden“. Bei dem Beamten habe es sich um einen „unscheinbaren Mann in den Fünfzigern mit asiatischen Gesichtszügen, einfachen Manieren und bescheidener Kleidung“ gehandelt, der sich als Oberst des UKOI vorstellte. Infolge inzwischen achtjähriger Berichterstattung über die Tätigkeit des FSB kannte Soldatow viele Angestellte dieser Behörde. Er beschreibt sie als imposante Generäle, Anti-Terror-Agenten, Spezialeinheiten, Experten für Bombenentsorgung, Vernehmungsbeamte, vom FSB rekrutierte Mitarbeiter. Aber noch nie zuvor habe er einen Auslandsspion des FSB getroffen.

Wladimir Putin wird nach Revolutionen in ehemaligen Sowjet-Staaten „paranoid“

Mikhail, so sei sein „richtiger Vorname“ gewesen, habe erklärt, dass er sich als in Usbekistan geborener ethnischer Tatar als junger Mann aus Idealismus freiwillig zum KGB gemeldet habe. Er habe seine Karriere damit begonnen, islamistische Bewegungen in der Sowjetunion im Auge zu behalten. In den 1990er Jahren sei er nach Moskau zum FSB versetzt worden, wo sich seine Spezialisierung in der Abteilung Terrorismusbekämpfung ausgezahlt habe. Gleich an seinem ersten Tag in der Lubjanka sei er auf einen betrunkenen Vorgesetzten getroffen, der Michail gegenüber über die tatarische Invasion Russlands im 13. Jahrhundert geschimpft habe und seinen neuen Offizier aufgefordert haben soll, sich dafür zu entschuldigen. 

Den russische Investigativjournalist Andrei Alexejewitsch Soldatow.

Mit der Gründung des UKOI sei Mikhail in die neue Abteilung versetzt worden, berichtete er Soldatow. Habe es sich anfangs noch um eine Art bürokratische Umbildung gehandelt, sei schnell etwas „viel Ernsteres“ aus dem FSB-Arm geworden. Ein Jahr nachdem er den anonymen Brief erhalten habe, begann eine Reihe von Volksaufständen, die als „Farbrevolutionen“ bekannt wurden und nacheinander zum Ziel hatten, die Regime in den postsowjetischen Republiken zu stürzen: die Rosenrevolution in Georgien (2003), die Orangene Revolution in der Ukraine (2004) und die Tulpenrevolution in Kirgisistan (2005).

Mit jeder Revolution sei Wladimir Putin paranoider geworden. Moskau verlor seinen Zugriff auf seinen Einflussbereich. Putin soll hinter jeder dieser „Katastrophen“ den „dunklen Arm der Vereinigten Staaten und ihrer europäischen Verbündeten“ und nicht etwa ein autonomes Handeln „müder pro-demokratischer Aktivisten“ gewittert und danach getrachtet haben, die Kontrolle Russlands wiederherzustellen und jeden weiteren Regimewechsel zu verhindern. Also wurde das UKOI ins Leben gerufen, um das Problem zu lösen: Ein Inlandsgeheimdienst, der dazu verwendet wurde, politische Unruhe in Ländern zu unterdrücken, die Putin grundsätzlich als Teil des russischen Einflussbereichs betrachtete.

FSB-Abteilung DOI nimmt unter Wladimir Putin Einfluss in Belarus, Moldawien und Abchasien

Im Jahr 2004 wurde die Spionagedirektion zu einer vollständigen Abteilung mit dem Namen „Department of Operative Information“ (DOI) und ihr Chef, Uschakow, zum stellvertretenden Direktor des FSB befördert. Sehr bald wurde Uschakow durch Sergej Beseda ersetzt, einen, wie Soldatow ihn nennt, „großen, imposanten General mit schwarzem Haar“, der zuvor in der FSB-Abteilung gedient hatte, die die Verwaltung des Präsidenten überwachte. Dabei soll es sich um eine Art Prätorianergarde mit ausgezeichneten Verbindungen handeln, die sich Putins Vertrauen verdient hatte. 

Beamte des DOI wurden auf Reisen nach Belarus, Moldawien und Abchasien gesichtet, einer abtrünnigen Region in Georgien, deren separatistische Aufstände von Moskau unterstützt wurden. Dort spionierten sie nicht nur aus, sondern versuchten auch, Einfluss auf die lokale Politik zu nehmen. In Belarus unterstützten FSB-Offiziere den diktatorischen Präsidenten Alexander Lukaschenko bei den Kommunalwahlen 2003. In Moldawien soll der DOI-General einen prominenten lokalen Anti-Kreml-Politiker, Juri Raschka, versucht haben zu rekrutieren und ihn auf die Seite Moskaus zu ziehen. Und in Abchasien sei die Führung des DOI angereist, um bei den Präsidentschaftswahlen 2004 den prorussischen Kandidaten Raul Khajimba zu unterstützen, der die Wahl dennoch verlor. 

Während der gesamten Zeit, so soll es Mikhail Soldatow erzählt haben, sei er in Moskau geblieben, wo er den sensiblen Auftrag erhalten habe, die Stadtregierung zu infiltrieren, um die Politik der Hauptstadt gegenüber Muslimen zu überwachen. Er sei vom FSB in die Stadtregierung berufen worden, um sich mit Fragen wie dem Bau einer neuen Moschee in der Stadt zu befassen. Zur gleichen Zeit habe Mikhail heimlich Vermögenswerte in den ethnischen Gemeinschaften und Diasporen Zentralasiens zusammengezogen, Informationen gesammelt und Informationen an den FSB weitergeleitet.

Offiziere der „versteckten Reserve“ verdienen mehrfach – auch durch Korruption

Dabei habe es sich laut Soldatow um ein markantes Merkmal des FSB der 2000er Jahre gehandelt: seine Agenten in Unternehmen, Nachrichtenorganisationen und im öffentlichen Sektor zu platzieren, wo sie zwar „echte Vollzeitjobs“ hatten, aber immer noch dem Geheimdienst unterstellt waren. Für solche Agenten wurde ein besonderer Euphemismus erfunden: DR-Offizier. DR steht für „destvuyushego rezerva“ – „aktive Reserve“. Diese Offiziere arbeiteten verdeckt, infiltrierten und rekrutierten Agenten aus allen Rängen der russischen Gesellschaft. 

Die Stärke dieses versteckten Kaders sei allein in Moskau auf tausende Angestellte geschätzt worden. Für viele in der Lubjanka sei der Einsatz als DR-Offizier ein Traumjob gewesen, weil er de facto zwei Einkommensquellen bedeutete: Das Staatsgehalt und das Deckungsgehalt. Arbeiteten die Spione beispielsweise als leitende Angestellte einer Bank oder einem Energieunternehmen, war es ihnen möglich, sehr viel Geld zu verdienen. Laut Soldatow waren die aktiven Reserveoffiziere in Regierungspositionen in der Lage, ungestraft das zu tun, „was andere russische Beamte taten“: Bestechungsgelder und Schmiergelder entgegenzunehmen und so gar einen dritten Strom an (nicht deklariertem) Einkommen zu generieren.

Mikhail habe Soldatow aufgesucht, um ihm davon zu berichten, dass einige seiner Offizierskollegen neidisch auf seinen Erfolg gewesen seien und sich gegen ihn verschworen hätten. Sein Gehalt sei zwar bescheiden gewesen, aber seine Position dafür reich an Möglichkeiten, nebenbei viel Geld zu verdienen. Soldatow nennt Mikhails Karriere ein Produkt „der umfassenden Angst Putins, dass Demonstranten eines Tages seine Regierung stürzen könnten“, welche zum Wiederaufbau des russischen Überwachungsstaates geführt habe. 

Journalist Soldatow reist mit Natalia Morar nach Tallinn

Die Folge dieser Entwicklung habe direkt zu „allgemein zerstörerischen Auswirkungen der grassierenden FSB-Korruption“ geführt. Der Journalist veröffentlichte daraufhin einen Artikel, der auf Mikhails Enthüllungen basierte, achtete aber darauf, dessen Namen zu ändern und alle Dokumente aus seiner Wohnung zu entfernen, die der FSB nicht finden sollte. Für die Nowaja Gaseta zu arbeiten bedeutete in dieser Zeit, „sich eine Zielscheibe auf den Rücken gemalt zu haben“, bereits 2008 wurden drei strafrechtliche Ermittlungen gegen ihn eingeleitet, einschließlich einer Reihe von Verhören in Lefortowo, einem berüchtigten FSB-Gefängnis.

Zwei Monate später, im Dezember 2008, reiste Soldatow nach Tallinn, der Hauptstadt von Estland. Ein lokaler Think Tank veranstaltete in einem rechteckigen Glasturm des Reval Hotels eine kleine Konferenz über russische Medien und Sicherheitsdienste. Soldatow war vor Ort, um einen Stargast der Konferenz zu unterstützen, eine moldawische Journalistin namens Natalia Morar. Ein Jahr zuvor hatte Morar für das unabhängige russische Wochenmagazin New Times gearbeitet. Nachdem sie sechs Jahre in Moskau gelebt hatte, wurde ihr die Wiedereinreise nach Russland verweigert. Der Grund lag laut Soldatow auf der Hand: Morar hatte hochrangige FSB-Beamte in kritischen Artikeln der Korruption beschuldigt. Ihr wurde gesagt, dass sie eine Gefahr für die nationale Sicherheit Russlands darstelle.

NameAndrei Alexejewitsch Soldatow
BerufInvestigativer Journalist
Alter45 Jahre (4. Oktober 1975)
GeburtsortMoskau, Russland

Der Konferenzsaal in Tallinn war größtenteils mit estnischen Parlamentariern, hochrangigen Beamten und Journalisten gefüllt. Dennoch wurden Soldatow und Morar seitens der Organisatoren davor gewarnt, dass in der zweiten Reihe ein Diplomat der russischen Botschaft sitze. Morar habe das Publikum mit ihrer Geschichte gefesselt, erinnert sich der Investigativjournalist, an Fragen habe es nicht gemangelt. Irgendwann sei auch ihm eine Frage gestellt worden: Was er über die Aktivitäten des russischen Geheimdienstes, insbesondere des FSB, in Estland wisse, wollte der Fragesteller wissen.

Journalist Soldatow wird von FSB kontrolliert und bedroht

Saldatow sagt, dass er Fragen dieser Art hasse. Nicht zuletzt, weil er sich nie als Estland-Experte gesehen habe. Aber das Publikum habe seine Antwort mit Spannung erwartet und so habe er dem russischen Diplomaten zugewunken und gesagt: „Nun, warum fragen Sie nicht den russischen Vertreter in der zweiten Reihe?“ Dieser sei ihm wie ein klassischer Spion vorgekommen, der unter diplomatischem Deckmantel arbeitet – da es sich bei Estland um eine postsowjetischen Republik handelt, habe der Kreml das Land als Operationsgebiet des FSB angesehen. Umgehend sei jedes Geräusch im Saal erstickt und der russische Diplomat aus dem Saal gestürmt.

Am nächsten Morgen flog er zurück nach Moskau. Am Flughafen Domodedowo habe ein Grenzschutzbeamter des FSB in einer Kabine seinen Pass kontrolliert, ihn angesehen und nach seinem Telefon gegriffen. Daraufhin seien zwei FSB-Agenten aufgetaucht und hätten ihn in einen isolierten Raum ohne Fenster geführt. Er erinnert sich, Stunden damit verbracht zu haben, auf und ab zu gehen  ohne Erklärungen, ohne Fragen, ohne Kontakt mit der Außenwelt. Schließlich seien die Agenten mit seinen Dokumenten zurückgekommen und hätten ihm erklärt, es sei ihm freigestellt, „vorerst“ zu gehen. Soldatow sah darin eine „subtile, aber klare“ Botschaft: „Leg dich nicht mit unseren Leuten im Ausland an.“

Zwei Jahre später, im Juni 2010, erhielt er einen zweiten Brief, diesmal in einer E-Mail anstatt in einem weißen, unbeschrifteten Umschlag. Genau wie der erste war er nicht unterschrieben und bestand aus einer sehr kurzen Ankündigung, dass eine Website eingerichtet wird, um sensible Dokumente des FSB durchsickern zu lassen. Es gab einen anklickbaren Link. Die Website wurde unter dem Domainnamen lubyanskayapravda.com gehostet, „die Wahrheit über die Lubjanka“ auf Russisch. Tatsächlich enthielt sie eine Fülle sehr sensibler Dokumente, wie zum Beispiel Berichte über erfolgreiche aktive Maßnahmen des DOI, die direkt an Putin gerichtet waren. Die meisten trugen die Unterschrift von General Beseda.

Wettstreit der Geheimdienste: DOI stellt SVR bloß

Es handelte sich dabei um Operationen in der Ukraine, Turkmenistan und anderen postsowjetischen Republiken. Es ging um ein Dokument, das gefälscht worden sei, um die Beziehungen zwischen der Ukraine und Turkmenistan zu untergraben. Um einen gefälschten Bericht des ukrainischen Sicherheitsdienstes, dem zufolge Kiew die Opposition in Turkmenistan finanziert habe. Das DOI soll den Bericht dann an ukrainische Medien weitergegeben haben. Der SVR seinerseits hatte ihn in einem Schreiben an den Kreml als authentisch bezeichnet: ein Beweis dafür, so soll es Beseda „glücklich“ berichtet haben, dass sein russischer Geheimdienst einen anderen russischen Geheimdienst getäuscht hatte.

Soldatow war zu dieser Zeit schon nicht mehr die Novaya Gazeta tätig und konnte lediglich einen sehr kurzen Artikel über das Leck für eine unabhängige Website mit kleiner Auflage schreiben. In den russischen Zeitungen hingegen wurden die Dokumente nie wieder erwähnt, die Webseite lubyanskayapravda.com ging nur wenige Wochen nach der Veröffentlichung offline. Soldatows Quellen berichteten ihm, dass der FSB die Leaker identifiziert hatte und sie umgehend festgenommen wurden.

Wladimir Putin nutzt FSB-Abteilung DOI als „imperialen Gendarm“

Im Jahr 2014 wurde Beseda, inzwischen zum Leiter des Fünften Dienstes, der übergeordneten Abteilung des DOI, befördert, laut Soldatow zum Protagonisten einer diplomatischen Auseinandersetzung mit der Ukraine. Im April 2014 soll das ukrainische Außenministerium einen Antrag an seine russischen Amtskollegen gerichtet haben, Beseda zu befragen. Kiew soll angeführt haben, Beseda sei vom 20. bis 21. Februar desselben Jahres während der Maidan-Revolution in der Ukraine gewesen. 

Der FSB bestätigte nach Informationen des Journalisten, dass Sergei Beseda vom 20. bis 21. Februar tatsächlich in Kiew war. Er sei allerdings nur dort gewesen, um das Schutzniveau der russischen Botschaft zu eruieren. In der Ukraine soll diese Erklärung niemand „gekauft“ haben. Seit 2014 steht Beseda auf US- und EU-Sanktionslisten. Der FSB, so das US-Finanzministerium, sei „an der Finanzierung und Unterstützung separatistischer Aktivitäten auf der Krim und der Ostukraine beteiligt“.

Der im Ausland operierende Geheimdienst des FSB, der als dritter Spionagedienst der Russischen Föderation begann, hatte sich inzwischen zu Putins, wie es Soldatow nennt, „imperialem Gendarm“ entwickelt und förderte die Kreml-Agenda in einer Vielzahl postsowjetischer Länder mit „allen verfügbaren Mitteln“. Moskaus Sicherheitseliten seien „schon immer von Insignien besessen“ gewesen, weil „ein neues Regime eine neue Ikonographie und Sprache braucht“, um seine Ideologie zu prägen. Die Rote Armee hatte ihre roten Sterne und der KGB Schwert und Schild.

Journalist Soldatow: Für Wladimir Putin „ist Moskau die Welt“

Putins Sicherheitsdienste führten diese Tradition fort, indem sie ihre Heraldik neu gestalteten. Jede Einheit des FSB bekam ein Wappen, die meisten recht schlicht: ein von einem Speer durchbohrter Drache für die Abteilung für die Bekämpfung von Extremismus und politischer Opposition; ein Schlüsselloch zur Überwachung; und so weiter. Wie Soldatow erfuhr, entschied sich der DOI als Symbol für einen Globus. Das gleiche Bild der weltumspannenden Reichweite also, das auch der SVR verwendet hatte, auf dessen Gelände DOI-Offiziere jetzt ihre Panzer parkten. Darüber hinaus sollen DOI-Offiziere an immer mehr russische Botschaften angeschlossen worden sein.

Ungeachter der Tatsache, dass Abteilungsleiter Beseda, dem das DOI untersteht, auf Sanktionslisten im Ausland steht, unterhält der ihm untergeordnete Fünfte Dienst laut Soldatows Recherchen Kontakte zu seinen Kollegen im Ausland. Aller Sanktionen zum trotz sei es noch immer „sein Geschäft“, sich an Diplomaten in Washington und Brüssel zu wenden, wenn es etwa um die Entwicklungen in Syrien oder um Konflikte mit Überflugsrechten geht. Dementsprechend verwundere es kaum, so Soldatow, dass Beseda auf der „Shortlist möglicher Kandidaten für den nächsten FSB-Direktor“ stünde, dem Posten also, den Wladimir Putin einst selbst bekleidet hatte.

Während des Kalten Krieges führte die Sowjetunion weltweit aggressive geheimdienstliche Operationen durch, für die sie den KGB und den GRU einsetzte. Zehn Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges eröffnete Putin unter dem Dach des FSB einen dritten ausländischen Spionagedienst, um mit seiner Hilfe ein viel kleineres Land zu regieren, das damals von wirtschaftlichen Turbulenzen schwer erschüttert wurde. Dass dieser Dienst aus Putins eigener politischer Polizei hervorgegangen ist, die ursprünglich der Absicherung seines Regimes dienen sollte, ist laut Soldatow ein Indiz dafür, dass er seinen Einfluss im Inland untrennbar mit dem Russlands im Ausland verbunden sieht. Soldatow schließt seinen Bericht mit den Worten: „Für den Herrscher des Kreml, ist Moskau die Welt.“ (Mirko Schmid)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare