1. Startseite
  2. Politik

Online-Dating: Wenn Patriotismus und Pragmatismus sich finden

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Stefan Scholl

Kommentare

Ledige Russinnen suchen massenweise in den sozialen Medien nach einem Bräutigam im Kampfanzug

Abonnieren Sie unsere Kanäle auf Telegram und Facebook Messenger.
Russinnen suchen online nach einem Bräutigam. © Andrea Trajanoska

Tatjana aus der Region Perm hat ein Gedicht zu ihrem Foto gestellt: „Mein 40. Geburtstag ist schon vorbei. Eine Tochter hab ich auch, ganz ohne Schönfärberei. Nur Liebe fühlte ich gerne. Und Dich, meinen Schatz, in der Ferne.“ Wladimir Putins „Spezialoperation“ in der Ukraine wirkt sich sehr unterschiedlich auf die russische Gesellschaft aus. Während ein Teil der Bevölkerung bemüht ist, das blutige Geschehen im Nachbarland zu ignorieren, suchen Tausende Russinnen nach einem Bräutigam im Kampfanzug. Und Soldaten suchen Bräute.

Im russischen Pendant zu Facebook, dem sozialen Netzwerk vk.com, gibt es mehrere Dutzend entsprechender Kennenlerngruppen. Die größte heißt „Bekanntschaft mit Soldaten – Wir lassen die Unsrigen nicht im Stich“ und zählt mehr als 23 000 Mitglieder. „Ich möchte einen russischen Offizier im Alter von 35 bis 45 zur Gründung einer Familie kennenlernen. Ich bin 38. Wohnort St. Petersburg.“ „Die meisten Frauen, die einen Soldaten zum Mann haben wollen, platzieren Fotos mit eher lakonischem Texten in die Gruppen. „Wo bist du, meine zweite Hälfte?… Lass uns uns gegenseitig finden!“

Die prospektiven Bräutigame präsentieren sich vorzugsweise maskiert, in Kampfanzügen, mit Kalaschnikow oder leichtem Maschinengewehr im martialischen Anschlag und auf Geländefahrzeugen. Und mit noch weniger Text: „Gruß vom ,Dämonen‘. Die 37. Region ist auf Funk.“

Dafür hagelt es Likes, Herzchen und euphorische Kommentare der Teilnehmerinnen: „Gott beschütze euch!“ „Was für ein witziger Codename.“ „Die 73. Region ist mit euch.“ Friedensaktivistinnen werden auch in diesen Gruppen nicht laut.

Das alles findet sich unter Titelleisten auf den jeweiligen Gruppenseiten, die teilweise in einer Kriegerromantik schwelgen, wie sie schon vor 100 Jahren (also nach der „Jahrhundertkatastrophe“ des Ersten Weltkriegs, die sich dann 20 Jahre später in der nächsten Katastrophe fortsetzen sollte) im Westen zumindest nur noch Abscheu erregten: überdeutlich weichgezeichnete Pärchenbilder, er in Uniform, beide in zarten Bonbonfarben.

Die „Spezialoperation“ entwickelt ihren speziellen Sexappeal. Laut der Redaktion der vk-Seite „Wir lassen die Unsrigen nicht im Stich“ erhält jeder der Soldaten, der bei ihnen postet, schriftliche Rückmeldungen von nicht weniger als 150 Frauen. Und die Frauen zahlen eine „Spende“ von umgerechnet nicht weniger als 4,50 Euro, um sich selbst auf der Seite platzieren zu können.

Russlands Frauen, die traditionell über einen Mangel an zuverlässigen Partnern klagen, setzen jetzt offenbar verstärkt auf Kriegertugenden. Soldaten seien tapferer, schätzten Beziehungen und Familie mehr als Zivilisten, meint Marina aus dem russischen Fernost beim Portal „verstka.media“, das Dutzende Suchende befragt hat. „Mit ihnen muss man in dieser schrecklichen Welt keine Angst haben, sie geben dir immer Rückendeckung.“

Es gebe heute eine Unmenge beschränkter Blogger, die Millionen scheffelten, ärgert sich Vera aus Krasnodar. Sie aber wolle wenigstens einen der Männer glücklich machen, die ihr Leben aufs Spiel setzten, „um der russischen Erde ihr Recht auf eine eigene Stimme zurückzugeben“.

Nach einer Teilnehmerinnenumfrage auf „Wir lassen die Unsrigen nicht im Stich“ wollen 53 Prozent der Frauen einen Berufssoldaten oder einen Beamten aus anderen Sicherheitsorganen, 8,7 Prozent einen Söldner, und nur 2,8 Prozent einen mobilisierten Zivilisten. Aber viele der Heiratskandidaten in Uniform argwöhnen, dass sie es nicht nur mit selbstlosen Patriotinnen zu tun haben. „Worauf fahren die Mädchen ab?“, fragt Nationalgardist Alexei. „Ein Soldat, das bedeutet erstens Status. Und zweitens für eine Verwundung drei Millionen Rubel (das sind 41 000 Euro). Wenn er fällt, gibt es noch mehr.“

Aber es gibt auch andere Pragmatikerinnen. Eine 25-jährige Offizierstochter aus Moskau sucht ebenfalls einen Soldaten als Mann, selbst wenn der ständig auf „Dienstreise“ sei. „Ich bin bereit, auf ihn zu warten, weil ich immer weiß, er ist gerade bei der Arbeit und amüsiert sich nicht mit anderen Frauen.“

Auch interessant

Kommentare