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Der deutsche Botschafter Rüdiger von Fritsch trifft in Moskau vor dem russischen Außenministerium ein.

Skripal-Affäre

Russland weist vier deutsche Diplomaten aus

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Der Streit zwischen Russland und dem Westen spitzt sich weiter zu. Das russische Außenministerium bestellt den deutschen Botschafter ein und weist vier Angehörige der deutschen Botschaft aus.

Ganz symmetrisch fiel die Antwort nicht aus. Die russische Botschaft in Washington hatte per Twitter zu einer Abstimmung aufgerufen: „Welches US-Generalkonsulat würden Sie in Russland schließen?“ Zur Auswahl standen Jekaterinburg, Sankt Petersburg und Wladiwostok. Von über 57.000 Teilnehmern stimmte eine Mehrzahl von 47 Prozent für das US-Konsulat in Sankt Petersburg.

Gemäß diesem volksdiplomatischen Votum verkündete Außenminister Sergei Lawrow am Donnerstagabend die Antwort auf die Sanktionen des Westens gegen die russischen auswärtige Vertretungen: „Die Maßnahmen werden spiegelbildlich sein und noch mehr“, sagte er vor Journalisten im Moskau: Russland weist 60 US-Diplomaten aus und schließt das Petersburger US-Konsulat. So wie die USA 60 russischen Landesvertreter und dem russische Generalkonsulat in Seattle das Bleiberecht entzogen hatten.

Russlands Antwort kam nicht überraschend

Außerdem kündigte Lawrow an, man werde auch diplomatisches Personal der anderen Länder, die Anfang der Woche russische Diplomaten ausgewiesen hatten, in der gleichen Zahl nach Hause schicken. Das betrifft 68 Diplomaten aus 24 Ländern, darunter auch vier Deutsche. Zuvor hatten Großbritannien und Russland schon jeweils 23 Diplomaten bilateral herausgeworfen. Nur gegenüber der Nato, die sieben russische Vertreter nach Hause schickte, funktioniert Spiegelbildlichkeit nicht: Im Moskauer Nato-Büro ist nur ein akkreditierter Diplomat tätig.

Russlands Antwort kam nicht überraschend. Ebenso wie der Kommentar von US-Außenamtssprecherin Heather Nauert, diese sei nicht gerechtfertigt, Washington behalte sich ein Recht auf neue Gegenmaßnahmen vor. „Das erinnert schon mehr an Mixed Fight als an Kalten Krieg“, kontert der russische Senator Konstantin Kosatschjow.

Russlands Antwort zeigt, dass man bereit ist, zurückzuschlagen. Viele Beobachter hatten erwartet, Moskau werde auf die Schließung seines Konsulats in der pazifischen Hafenstadt Seattle mit der Schließung des US-Konsulats in der pazifischen Hafenstadt Wladiwostok reagieren. Aber es traf Petersburg, die zweitgrößte Stadt des Landes, wo jährlich 120.000 amerikanischen Kreuzfahrt-Touristen flanieren. Und wo umgekehrt 2017 fast 32.000 Russen US-Visa erhielten, mehr als in Jekaterinburg und Wladiwostok zusammen. „Diese Verschlechterung trifft vor allem einfache Leute“, sagt der liberale Politiker Wladimir Ryschkow der Frankfurter Rundschau. „Die Schlangen nach Visa werden noch länger, die Russen reisen weniger, die russische Gesellschaft wird sich noch mehr isolieren, die staatliche Propaganda noch lauter über die Russophobie des Westens wettern.“

Moskau verweist weiterhin darauf, dass London im Giftfall Skripall noch immer keine Beweise für seine Mitschuld auf den Tisch gelegt hat. Aber auch in Moskau macht sich die Ansicht breit, der Fall sei wohl nur der Tropfen gewesen, der das Geduldsfass des Westens zum Überlaufen gebracht hat.

Die Zeitung „Kommersant“ veröffentlichte eine Präsentation der britischen Botschaft in Moskau für westliche Diplomaten. Sie listet eine ganze Kette mutmaßlicher und tatsächlicher Vergehen Russlands auf, vom Polonium-Strahlenmord an Alexander Litwinenko in London, über die Besetzung der Krim, den Abschuss der MH-17-Boeing 2014, Cyberattacken gegen mehrere westliche Länder bis zur russischen Propaganda im Fall der angeblich vergewaltigten Lisa in Berlin.

Moskauer Medien spekulieren, ob die Briten dem Putin nahen Milliardär Roman Abramowitsch seine Mehrheitsanteile am FC Chelsea abnehmen wollen. Und Oppositionelle diskutieren schon hoffnungsvoll neue Wirtschaftssanktionen gegen Russland. Abgesehen von den Diplomatenrauswürfen haben bisher nur die USA neue Sanktionen vom Stapel gelassen: Sie verweigerten Russlands Freistilringer die Visa für den Weltcup in Iowa. Aber Moskau rechnet mit Schlimmerem. „Man muss begreifen, dass wir mitten in einer Zeit massiver Eskalation stecken“, sagt der Publizist Konstantin Eggert. „Und das ist schon eine Schlägerei ohne Handschuhe.“

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