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Dramatische Botschaften zum Ukraine-Konflikt: Russland und die Staatsmedien

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Von: Stefan Scholl

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In den russischen Medien verdrängen alarmistische Schlagzeilen zu den Ereignissen im Donbass zunehmend Berichte über Alltagsthemen.

Moskau - Eilmeldung: „Ein ukrainisches Geschoss hat einen russischen Grenzposten zerstört.“ Meldung: „Der Chef der DNR (Donezker Volksrepublik) berichtet von Kämpfen an der russischen Grenze.“ Meldung: „Putin beruft heute eine Sondersitzung des (russischen) Sicherheitsrates ein.“ Das Portal der Moskauer Zeitung „Kommersant“, eigentlich für Wirtschaftshintergründe bekannt, scheint seit Tagen nur noch Kriegsberichterstattung zu betreiben. Auch in den meisten anderen Medien in Russland verdrängen die Schlagzeilen aus dem Donbass inzwischen die übrigen Meldungen.

Die meisten Portale haben jetzt Newsticker zur Ukraine und vor allem zur Ostukraine geschaltet. Die dramatischen Botschaften von den Abwehrkämpfen gegen ukrainische „Saboteure“ in den ostukrainischen Rebellenrepubliken und an der russischen Grenze klingen wie die Hornsignale zu einer kriegerischen Einmischung Moskaus.

Die Mehrzahl der linientreuen Medien bemüht sich weiter um eine Berichterstattung, die ohne Krieg auskommt. (Archivbild)
Die Mehrzahl der linientreuen Medien bemüht sich weiter um eine Berichterstattung, die ohne Krieg auskommt. (Archivbild) © Sergei Savostyanov/dpa

Ukraine-Konflikt: Medien in Russland betreiben Kriegsberichterstattung und Propaganda

Aber nicht nur kritische Medien relativieren. Das kremlnahe Massenblatt „Moskowski Komsomoljez“ etwa interviewte am Samstag Donezker Bürger:innen, die trotz des angeblich massiven Beschusses keine Lust zeigten, ihre Kinder aus der Schule zu nehmen und nach Russland zu fliehen. Die unabhängige Internetzeitung meduza.io riskiert es, in ihrem Bericht über einen zerschossenen russischen Grenzposten einen ukrainischen Politiker zu zitieren, der von „Fantasien“ der russischen Seite spricht. Und das Portal znak.com berichtet, ein Video von einer angeblichen Autobombe unter einer Brücke, über die Autobusse mit Flüchtlingen rollten, stamme aus dem Jahr 2019.

Aber gerade die Mehrzahl der linientreuen Medien bemüht sich weiter um eine Berichterstattung, die ohne Krieg auskommt. So lauten die Vormittagsthemen von Kommersant FM, dem Radiosender des Kommersant-Verlags, „Wie erhält man einen QR-Code für nachgewiesene Antikörper?“ oder „Warum steigen die Ausgaben der Russen für Herzuntersuchungen?“

Russland: Staatstreue Medien bemühen sich auch um Berichterstattung mit Sorglosigkeit und ohne Krieg

Natürlich empören sich Moderator:innen und Gäste der politischen Talkshows im Staatssender Rossija 1 über den „Genozid“, den die Ukraine im Donbass veranstalte, auch wenn die Rebellen selbst nach dreitägigen „massiven“ Bombardements auf ihrer Seite gerade drei Todesopfer melden. Aber am selben Abend verlieren sich die Staatsjournalist:innen desselben Senders bei einem Hintergrundbericht über das Treffen Wladimir Putins mit dem deutschen Kanzler Olaf Scholz (SPD) in Nostalgie: „In allen vergangenen Jahrzehnten war das Verhältnis zwischen Russland und Deutschland einer der Grundpfeiler der Stabilität in Europa.“ Es folgen fast zehn Minuten Archivaufnahmen Putins mit Angela Merkel und mit Gerhard Schröder. Der Staatssender erinnert an die Zeiten, als der russische Präsident noch jung und drahtig war, Deutschlands Kanzler über seine Witze lachten und das russische Bruttosozialprodukt wuchs und wuchs. Vergangene Sorglosigkeit.

Viele russische Fernsehzuschauer:innen sind schon seit Jahren dazu übergegangen, umzuschalten, sobald es Nachrichten gibt. Nach einer Umfrage des staatlichen Meinungsforschungsinstituts WZIOM von Mitte Dezember – damals währte der russische Aufmarsch schon länger als einen Monat – verfolgen nur 21 Prozent der Menschen das Geschehen in der Ukraine. (Stefan Scholl)

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