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Putins Krieg: „In Russland haben die Leute Angst, auf die Straße zu gehen“

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Von: Yağmur Ekim Çay

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Stan (Mitte) und Anna (rechts) im Helferteam am Hauptbahnhof in Berlin.
Stan (Mitte) und Anna (rechts) im Helferteam am Hauptbahnhof in Berlin. © Yagmur Ekim Cay

Tausende Menschen aus der Ukraine fliehen nach Deutschland. Ein russisches Paar in Berlin erzählt von seiner Hilfe für Geflüchtete – und die Lage in Russland.

Berlin – In Berlin werden derzeit Tag für Tag rund zehntausend Geflüchtete aus der Ukraine erwartet. Da die Stadt darauf nicht vorbereitet war, müssen mehrere Tausend freiwillige Helferinnen und Helfer einspringen. Mehr als 8000 Berliner:innen koordinieren sich dafür in der Telegram-Gruppe „HBF-Ankunftsteam“. Sie organisieren Unterkünfte, Essen, warme Getränke und Kleidung. Unter den Freiwilligen ist das russische Paar Anna und Stan, deren Namen zur Sicherheit geändert wurden.

Warum habt ihr euch dazu entschieden, an den Berliner Hauptbahnhof zu kommen und den ankommenden Geflüchteten aus der Ukraine zu helfen?

Stan: Wir fühlten uns in der letzten Woche sehr schlecht und deprimiert. Wir wussten nicht, was wir machen können. Dann erfuhren wir, dass die Hilfe von Freiwilligen gebraucht wird. Für uns ist das der einzige Weg, um die jetzige Situation zu verarbeiten. Denn wir nehmen das Ganze wirklich persönlich und tragen das emotional mit. Wir wissen, dass die Menschen in der Ukraine auf jeden Fall Hilfe brauchen, also ist das die einzige Möglichkeit für uns, unsere eigenen Ängste gerade zu überwinden.

Zu den Personen

Stan und Anna kommen aus der russischen Millionen-Metropole Sankt Petersburg. Sie sind verheiratet und leben und arbeiten seit einem Jahr in Berlin.

Wie lange seid ihr schon hier und was sind eure Aufgaben im Helferteam?

Anna: Das ist unser zweiter Tag hier. Wir nehmen gerade Urlaub von unseren Jobs, um die nächsten Tage hier zu verbringen. Am ersten Tag waren wir am Ostbahnhof und versuchten, die Leute bei ihrer Weiterfahrt im Zug zu halten - denn es wurde berichtet, dass einige People of Color gezwungen wurden, den Zug zu verlassen. Heute sind wir am Hauptbahnhof. Am Anfang gab es viel Chaos, aber im Moment haben wir hier mehr oder weniger alles organisiert. Wir versuchen, alles zu tun, was wir können, darunter auch Fahrkarten kaufen, Essen vorbereiten, oder übersetzen. Es kommen jede Stunde sehr viele Menschen an, also wird immer irgendetwas gebraucht.

In Russland gibt es auch eine große Opposition. Es gibt viele Menschen, die gegen den Krieg sind und aus Protest dagegen auf die Straße gehen. Wie seht ihr die Situation dort?

Stan: In Russland ist es genau das Gegenteil von dem, was wir hier haben. In Berlin waren viele Menschen auf der Straße. In Russland haben die Leute Angst, auf die Straße zu gehen. Sie können einfach verhaftet werden und das ist ziemlich beängstigend. Gleichzeitig gibt es leider auch viele Menschen, die das alles unterstützen. Es ist eine wahre Katastrophe. Ich möchte weinen. Ich kann nicht glauben, dass mein Land so etwas tut.

Seit Russlands Invasion wird vermehrt von antirussischen Äußerungen und Kommentaren auch in Deutschland berichtet, im Netz und im Alltag. Fühlt ihr euch in dieser Hinsicht von Rassismus oder Diskriminierung betroffen? Habt ihr Angst davor?

Anna: Wir haben das noch nicht erlebt und haben auch keine Angst davor. Aber wir fühlen uns dadurch vorbereitet. Dass man uns, den Russen, die Schuld geben wird und wir das nicht so leicht überwinden können. Die Leute sind schockiert und sehen uns natürlich als Feinde. Aber ich kann irgendwie nachvollziehen, wenn Ukrainer und Ukrainerinnen schlechte Dinge über uns sagen. (Interview: Yagmur Ekim Cay)

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