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Teilmobilmachung in Russland: Aktivistin spricht von „ethnischem Völkermord“

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Von: Tim Vincent Dicke

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Putin schickt bevorzugt ethnische Minderheiten in den Ukraine-Krieg. Eine Aktivistin berichtet von erschreckenden Situationen in Russland.

Moskau – Um die Unterstützung in der russischen Mehrheitsgesellschaft nicht zu verlieren, schickt Kreml-Chef Wladimir Putin auffällig viele Angehörige ethnischer Minderheiten in den Ukraine-Krieg. Eine Aktivistin bezeichnet die Vorgehensweise im Riesenreich als „Völkermord“.

Sie kommen aus Tschetschenien, Dagestan, Burjatien und aus dem Fernen Osten in Russland: Seitdem der russische Präsident die Teilmobilmachung angekündigt hat, um das Blatt im Angriffskrieg gegen die Ukraine zu seinen Gunsten zu wenden, zieht das Militär unzählige Kämpfer aus den eher abgelegenen Regionen des Landes ein.

Russland setzt bei Teilmobilmachung auf Minderheiten

In Dagestan kam es daraufhin zu Protesten, bei denen nach Angaben der Nichtregierungsorganisation OVD-Info Hunderte Menschen festgenommen wurden. Russische Medien veröffentlichten Videos von Frauen, die sich während der Demonstration mit Polizisten streiten. „Warum nehmt ihr unsere Kinder?“, fragte damals eine von ihnen. Aus anderen Regionen war zu hören, dass fast ganze Dörfer mobilisiert wurden. Ukrainer:innen berichten von russischen Kämpfern, die Tausende Kilometer von der Grenze zur Ukraine aufgewachsen sind, meist wüssten sie gar nicht, was sie in dem Land machen würden.

Viktoria Maladajewa, Vizepräsidentin der Stiftung „Freies Burjatien“, kritisiert Putin für die Teilmobilmachung und das massive Einziehen der Minderheiten mit deutlichen Worten. Die Stiftung sitzt in den USA, wurde als Reaktion auf den russischen Überfall auf die Ukraine am 24. Februar gegründet und setzt sich für eine Autonomie der Teilrepublik Burjatien ein.

In Russland ist die Propaganda für Krieg und Militär allgegenwärtig.
In Russland ist die Propaganda für Krieg und Militär allgegenwärtig. © Yuri Kadobnov/AFP

„Wir wissen, dass Dagestan, die Republik Tuwa und die Republik Burjatien, in denen Minderheiten leben, statistisch gesehen die meisten Todesopfer zu beklagen haben“, sagte Maladajewa dem Nachrichtensender Al Jazeera. Es sei 7,8 Mal wahrscheinlicher, dass ein Mensch aus Burjatien im Ukraine-Konflikt falle als ein ethnischer Russe, klagte die Aktivistin an.

Vorgehensweise im Ukraine-Krieg „ethnischer Völkermord“

„Am Tag von Putins Ankündigung kamen die örtlichen Behörden in Burjatien nachts zu den Menschen nach Hause. Sie holten die Menschen aus ihren Betten. Manche bekamen nicht einmal einen Einberufungsbescheid. Sie wurden einfach in Busse gezerrt und in Militärstützpunkten eingetragen. Sie nahmen jeden mit, sogar Menschen mit fünf Kindern, mehrere Männer aus einer Familie“, schilderte Maladajewa die Lage in der Teilrepublik.

Die Stiftungsvertreterin sieht in Putin einen Imperialisten, dem Minderheiten komplett egal sind. „Er propagiert alles, was russisch ist. Wenn man in Russland kein Russe ist, ist man ein Bürger zweiter Klasse“, erklärte sie gegenüber Al Jazeera. Der russischen Regierung wirft sie Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor: „In Dagestan gibt es gefährdete ethnische Gruppen. Einige sind sehr kleine Gemeinschaften mit etwa 13.000 Einwohnern, und sie wurden trotzdem eingezogen. Wir sehen das als einen ethnischen Völkermord.“ (tvd)

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