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Russland startet die „Evakuierung“ von Cherson

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Von: Stefan Scholl

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Vielleicht das nächste Schlachtfeld: die Stadt Cherson am Dnipro.
Vielleicht das nächste Schlachtfeld: die Stadt Cherson am Dnipro. © Andrey Borodulin/afp

Steht eine ukrainische Offensive bevor? 60 000 Menschen sollen auf die Krim oder nach Russland gebracht werden.

Es begann mit nächtlichen SMS-Mitteilungen: „Verehrte Einwohner. Verlassen Sie sofort die Stadt, die ukrainischen Streitkräfte werden die Wohnviertel beschießen.“ Der proukrainische Telegramkanal „Chujowyj Cherson“ veröffentlichte am Mittwoch mehrere Warnungen der prorussischen Besatzungsbehörden vor angeblich drohenden Artillerieschlägen Kiews. Laut der Moskauer Zeitung „Kommersant“ hat der ukrainische Großangriff bereits begonnen. Und „Russia Today“ versicherte mit Verweis auf die prorussische Regionalverwaltung, die russischen Truppen wehrten bisher alle Attacken erfolgreich ab. Wladimir Putin unterstrich den Ernst der Lage, indem er in allen besetzten ukrainischen Gebieten das Kriegsrecht ausrief. Dabei sagte er aber, es habe dort ja schon vorher gegolten.

Glaubt man Moskaus Medien und Offiziellen, so scheint jedenfalls in der Südostukraine eine neue Entscheidungsschlacht entbrannt zu sein. Von ukrainischer Seite gibt es allerdings bisher keine Bestätigung für die vom Gegner vermeldeten Massenangriffe in der Region Cherson. Vitali Kim, der Chef der ukrainischen Nachbarregion Mykolajiw, unterstellte den Russen am Mittwoch, sie würden mit ihrem Medienlärm nur eigene Artillerieüberfälle auf Cherson propagandistisch vorbereiten.

Vorher hatte Wladimir Saldo, der prorussische „geschäftsführende Gouverneur“ Chersons, verkündet, all seine Behörden würden auf das linke, südöstliche Ufer des Dnjeprs umziehen. Auch sollen vor allem Lehrer:innen, Ärzt:innen und andere öffentliche Bedienstete die Stadt Cherson und ihre Umgebung rechts des Dnjeprs verlassen. Insgesamt geht es um etwa 60 000 Personen. Laut russischen Flugblättern erwarten sie auf der Krim und in Südrussland Erholung und Bildung. Putins Kriegsrecht könnte nach Einschätzung der Zeitung „Komsomolskaja Prawda“ noch weitere Umsiedlungen bedeuten.

Die Stadt Cherson

Cherson geht auf eine Gründung durch die von der russischen Zarin Katharina der Großen im 18. Jahrhundert ausgesandten Kolonisatoren zurück. Der Name bezieht sich auf eine antike griechische Siedlung auf der Krim, Chersonesus.

Von Anbeginn an war Cherson eine maritime Stadt. Zuerst war sie Feste für die russische Schwarzmeerflotte, dann Seehandels- und Schiffsbauzentrum. Zur Wende nach 1900 bestand die Bevölkerung zur Hälfte aus Russen und zu einem Drittel aus Juden.

Eine russische Stadt aber war Cherson dennoch nie: In den bis zur Unabhängigkeit 1991 einzigen freien Wahlen dort deklassierten 1917 die ukrainischen Sozialisten, die moderaten Sozialrevolutionäre und die Jüdische Arbeiterpartei die Bolschewiken.

1991 stimmte eine massive Mehrheit der Bevölkerung für die ukrainische Eigenständigkeit. Die Menschen in Cherson identifizieren sich laut einer US-Umfrage von 2020 stark mit ihrer Stadt und als Teil der Ukraine. Gleichzeitig blieb die Sympathie für die russischen Nachbarn groß. rut

Propagandamaschine läuft

Sergej Surowikin, Kommandeur der russischen Truppen in der Ukraine, hatte kurz zuvor erklärt, es gebe Informationen, dass Kiews Streitkräfte den Einsatz verbotener Waffen im Gebiet Cherson planen. Sie bereiteten einen Raketenschlag gegen den Staudamm des Kachowsker Wasserkraftwerkes vor, das flussaufwärts liegt. Um Menschenleben zu retten, sei man bereit, auch „schwierige Entscheidungen“ zu fällen.

Beobachter:innen in Kiew verweisen dagegen darauf, dass es die Russen seien, die seit Wochen ukrainische Energieobjekte mit Raketen beschießen. Aus Kiew und Winniza wurden am Mittwoch wieder mehrere Einschläge gemeldet. Natalja Gumenjuk, Sprecherin des ukrainischen Militärkommandos „Süd“, sagte Radio NW, die Russen versuchten, vor allem Kinder aus Cherson abzutransportieren, um ein „demonstratives Bildchen für ihre Propagandamedien“ zu schaffen.

Es gibt allerdings auch ukrainische Stimmen, die militärische Ziele hinter der Evakuierung sehen. Die Lage der russischen Armee in der Stadt und ihrer Umgebung gilt als heikel, seit Kiews Artillerie die Brücken über den Dnjepr außer Gefecht gesetzt hat. Seitdem müssen Putins Truppen Nachschub und Verstärkung auf Pontonbrücken oder Fähren herüberschaffen. Zivilpersonen wurde jetzt für zunächst sieben Tage das Überqueren des Flusses in nordwestliche Richtung ohne Sondergenehmigung verboten. „Entweder halten es die Russen wirklich für notwendig, sich zurückzuziehen“, sagt der Aktivist Kiril M. (Name v. d. Red. geändert) aus Cherson. „Oder sie fühlen sich hier umgekehrt noch so stark, dass sie unsere Streitkräfte zu einem Angriff verleiten wollen.“ Jedenfalls wolle nur ein Bruchteil der Bewohner:innen Chersons die Stadt verlassen.

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