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Ein Greenpeace-Aktivist überprüft die Strahlung am Ufer des Techa-Flusses, etwa 30 Kilometer östlich vom Mayak-Komplex.

Mayak-Komplex

Russland schweigt zum Atomunfall

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Ein Jahr nach dem mutmaßlichen Austritt radioaktiven Materials aus dem Mayak-Komplex sind noch viele Fragen offen.

Auch nach einem Jahr ist der größte Atomunfall seit Fukushima nicht aufgeklärt: Obwohl die Indizien dafür sprechen, dass hinter den europaweit erhöhten Strahlenwerten vom vorigen Oktober ein Vorfall im berüchtigten Atomkomplex Mayak im südlichen Ural steckt, verweigern die russischen Behörden die vollständige Aufklärung. Das geht aus einer Antwort des Bundesumweltministeriums auf eine Anfrage der Grünen hervor, die der Frankfurter Rundschau vorliegt. 

Demnach offenbart der Vorgang nicht nur die Schwächen des geltenden internationalen Frühwarnsystems. Die Bundesregierung befürchtet wegen der offenen Fragen sogar, dass sich vergleichbare Unfälle wiederholen.

Größter Atomunfall nach Tschernobyl und Fukushima

Was bislang über den drittgrößten Atomunfall nach den Super-GAUs Tschernobyl und Fukushima bekannt ist, beruht auf Messungen und Berechnungen westeuropäischer Behörden: Vor genau einem Jahr hatten die Wetterdienste in Deutschland, Österreich und Italien eine Wolke von radioaktivem Ruthenium-106 registriert, die quer durch Europa zog. Hierzulande war die Dosis des strahlenden Isotops ungefährlich. Aber im südlichen Ural, den das Bundesamt für Strahlenschutz anhand der Luftbewegungen und Messwerte als mutmaßliche Quelle errechnete, war das Ausmaß „erheblich“, so das Schreiben. 

Inzwischen geht die Bundesregierung von einem Atomunfall der dritthöchsten Kategorie auf der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES) aus: Kategorie 5, ein „ernster Atomunfall“. Aus Russland hatte es seinerzeit jedoch keinerlei Warnung gegeben.

In Russland wurde eine internationale Untersuchungskommission eingerichtet – allerdings nicht etwa durch die staatliche Atomaufsicht, sondern von der russischen Akademie der Wissenschaften. Sie kommt aber mit der Aufklärung nicht voran, weil ihr zu wenige Messdaten geliefert worden seien, heißt es. „Die Untersuchungskommission konnte bislang mit den ihr verfügbaren Messdaten einerseits nicht den Ursprung der Freisetzung lokalisieren“, so das Umweltministerium, „andererseits aber bislang auch keine im Süd-Ural gelegene Atomanlage abschließend als Ursprung ausschließen.“

Die vorliegenden Daten sowie Satellitenbilder sprechen für den Ursprung im berüchtigten Atomkomplex Mayak in Tscheljabinsk. Dafür liefert auch das Regierungsschreiben neue Hinweise. So gehört die Mayak-Produktionsgesellschaft zu dem kleinen Kreis derer, die der internationalen Untersuchungskommission Daten geliefert hatte. 

Die Mayak-Anlage war im Kalten Krieg gegründet worden, um Atomwaffen zu produzieren, dient heute aber nur noch der Wiederaufbereitung und Lagerung von Atommüll sowie der Produktion von Material für Forschung und Medizin.

Die Unklarheit über den Fall birgt laut Bundesregierung die Gefahr, „dass es unmöglich ist, angemessene Maßnahmen zur Vermeidung vergleichbarer Zwischenfälle zu ziehen, solange Ursprung und Ursachen des Unfalls vom September 2017 unklar sind“. 

„Ein Jahr nach dem Unfall stochert die Welt noch immer im Nebel und es ist nicht ersichtlich, dass der sich bald lichtet“, kritisiert die Vorsitzende des Umweltausschusses im Bundestag, Sylvia Kotting-Uhl, die die Anfrage gestellt hatte. „Geboten wären jetzt als Erstes weitere Messungen in den naheliegenden Gebieten, insbesondere rund um Mayak“, so die Grüne. „Da ist Russland in der Pflicht und sollte die Mitglieder der Ruthenium-Untersuchungskommission dazu einladen.“ Zudem müsse das globale Frühwarnsystem rasch reformiert werden, fordert Kotting-Uhl.

Tatsächlich plädiert die Bundesregierung – die bei der Aufklärung des Falls eine treibende Kraft war – dafür, dass bei Strahlungsfällen, die auch Nachbarstaaten betreffen, „auch über die Informationspflichten der Frühwarnkonvention hinaus entsprechende Notifizierungen durch das Ursprungsland erfolgen sollten“.

Die nach Tschernobyl eingeführte internationale Frühwarnkonvention tritt bislang nicht in Kraft, wenn ein Staat behauptet, in seinen Anlagen sei kein Unfall passiert und zugleich die Quelle zu unklar ist, um auf Basis der Konvention Druck auszuüben. 

Für seinen Aufklärungswillen in dem Fall lobt Kotting-Uhl das Umweltministerium sogar. Dennoch zeige der Vorfall für die Grüne erneut, „dass die Welt mit der Atomkraft überfordert ist“ und ein gesamteuropäischer Atomausstieg nötig sei, sagt sie. „Die Bundesregierung muss sich für beides ins Zeug legen, bevor der nächste Atomunfall passiert.“

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