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Der Musiker Sergei Shnurov im Oktober 2019

Russland

Rockstar will in die Politik - als Pausenclown

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Der von vielen Russen verehrte Rockstar Sergej Schnurow gibt Musik und Spott auf.

Der russische Rockstar Sergei Schnurow will statt Musik Politik machen. Populär ist der 46-jährige St. Petersburger ohne Frage, trotzdem hat er kaum eine Chance, das Land zu verändern.

Auch sein jüngstes Couplet, für das er sich selbst auf der Balalaika begleitet, ist roh gereimt: „Ich öffne schüchtern meinen Schlund, füll’ den Einkaufskorb und ab nach Hause. Bier, Wodka, Martini nimmt kein Teufel in den Mund. Ich aber sauf in Quarantäne und das leider ohne Pause.“ Schnurow, kurz „Schnur“, jahrzehntelang Chef der Ska-Band „Leningrad“ spottet auf Videos und in Versen ebenso über die Selbstisolation wie über die Gebete gegen den Coronavirus.

Rockstar Sergei Schnurow nationale Kultfigur

Der abgebrochene Theologiestudent und ehemalige Rocksänger veröffentlicht auf seiner Instagram-Seite, die 5,5 Millionen Abonnenten hat, fast täglich politische Gedichte. Und inzwischen macht er auch selbst Politik, Ende Februar trat er der gemäßigt liberalen „Partei des Wachstums“ bei und will im Juni für sie auch bei Nachwahlen zum Petersburger Stadtrat antreten. Schon spekulieren kremlnahe Politologen, ob er bei den Duma-Wahlen 2021 Spitzenkandidat der Wachstums-Partei sein wird.

Vergangenes Jahr veranstalte Schnur mit „Leningrad“ eine fulminante Abschiedstournee durch die Fußballstadien Russlands, zu Silvester gaben sie vor 67 000 Menschen in St. Petersburg ihr letztes Konzert. „Ein Ende auf dem Gipfel“, kommentierte eines der Bandmitglieder.

Als Rocker avancierte Schnur zu einer nationalen Kultfigur, auch wegen seiner mit Flüchen gespickten und oft sozialkritischen Texte: „Die Geschäfte laufen, die Bäuche wachsen, uns harrt ein schreckliches Gericht.“ In Moskau hatte Schnur jahrelang Auftrittsverbot, schlief nach Konzerten seinen Rausch in den Gängen von Zweite-Klasse-Zügen aus. Der Schnur gilt vielen Russen als „echt“.

Rockstar Sergei Schnurows Auftritt ohne Hose

Die Gagen von 150 000 Dollar, die „Leningrad“ für Auftritte bei Festen des Geldadels kassierte, teilte der Chef mit seinen Musikanten. Aber Schnur machte auch den Moderator bei TV-Spielshows, Reklame für Sprudel oder Elektromärkte, war laut „Forbes-Magazin“ zuletzt mit einem Jahreseinkommen von knapp 14 Millionen Dollar der Spitzenverdiener im russischen Showbusiness.

Früher stand er oft in Unterhose auf der Bühne, jetzt trägt er Nadelstreifen. Schon wird er mit Wolodymyr Selenskyj verglichen, dem Ex-TV-Komiker, der nun ukrainischer Präsident ist. Auch Schnur lästert über alles und jeden, über russischen Sex genauso wie über den oppositionellen Antikorruptionsbekämpfer Alexej Nawalny. Und politische Heiligtümer wie die Annexion der Krim und Wladimir Putin – „ein Prachtkerl, bis er in die Politik gegangen ist“ – sind auch nicht vor seinem Spott sicher .

Rockstar Sergei Schnurows wird keine politische Kraft

Aber doch gilt es als ausgeschlossen, dass der Rocker zur politischen Kraft wird. Zumal die Wachstums-Partei als zahmes Kremlprojekt abgetan wird. „Ich weiß nicht, was in seinem Kopf vorgeht“, sagt der Petersburger Politologe Dmitri Trawin, „aber ich bin sicher, dass Kultur-Stars nur in Absprache mit dem Kreml in die Politik gelangen.“ Nur so habe auch die TV-Moderatorin Xenia Sobtschak bei den Präsidentschaftswahlen 2018 gegen Putin kandidieren dürfen. Die Partei aber, die sie später zusammen mit dem radikaleren Regimegegner Sergei Gudkow gründen wollte, sei nie zugelassen worden. Anscheinend zum Trost habe es lukrative Fernsehangebote gegeben. Auch für Schnur scheint die Staatsmacht nur die Rolle eines oppositionellen Pausenclowns vorzusehen.

Er selbst macht sich kaum Illusionen darüber, in Russland etwas zu verändern. „Alle, die auf die Straße gehen, kriegen einen Gummiknüppel auf die Zähne“, sagte er Anfang des Jahres in einem Interview. „Sie laufen wieder nach Hause, und das war es.“

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