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„Ein Hegemon wird auferstehen“: Experte fabuliert in Putins Staatsfernsehen

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Von: Florian Naumann

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Der Sinologe Nikolai Wawilow spricht im russischen Staats-TV über Militär, Innenpolitik und Expansion.
Der Sinologe Nikolai Wawilow spricht im russischen Staats-TV über Militär, Innenpolitik und Expansion. © Screenshot: twitter.com/JuliaDavisNews

Das russische Staats-TV begnügt sich nicht mit Durchhalteparolen – ausgerechnet ein Sinologe erhebt dort „Anspruch“ auf Polen, den Balkan und natürlich die Ukraine.

Moskau/Washington, D.C. – Kurz vor dem erwarteten bitteren Kriegs-Winter in der Ukraine ist die Lage für die russische Armee offenbar schwierig: Zumindest nach Kiewer Informationen erleiden Putins Truppen weiter Verluste. Und es scheint, als wachse hier und da der Unmut im Land.

Das staatliche TV bemüht sich in dieser Situation um hoffnungsfrohe Töne. Und im Fall der Sendung von Ober-Propagandist Wladimir Rudolfowitsch Solowjow auch um Großmachts- und Expansionsfantasien. In einer aktuellen Ausgabe seines Talks im Kanal Rossija 1 musste dafür allerdings statt einem Kriegsexperten ein Sinologe herhalten. Ein Sprach- und Literaturwissenschaftler mit Spezialisierung auf China also. Nikolai Wawilow sprach nicht nur von einem „triumphalen“ Kampf Russlands. Sondern auch von einem „russischen Heim“, das Europa in Angst und Schrecken versetzen werde.

Putins Staats-TV: „Triumphaler Kampf“? Sinologe spricht über militärische Lage

Geteilt hat den bemerkenswerten Clip einmal mehr die US-Journalistin Julia Davis über ihren „Russian Media Monitor“ auf Twitter. Wawilows nüchtern – fast schüchtern – vorgetragener Monolog zerfiel in zwei Teile: Zunächst ein Durchhalteappell. Dann eine scheinbar mit sprachlichen Argumenten begründete, kaum verhohlene Drohung an Russlands Nachbarstaaten. Präsident Wladimir Putin dürfte Zweiteres gefallen haben: Der Kreml-Chef verweist nicht nur immer wieder auf Tage sowjetischer Größe. Er hatte im Sommer auch eine neue Doktrin zur „russischen Welt“ erlassen.

Russland kämpfe „triumphal gegen eine Milliarde Menschen“, sagte Wawilow aber zunächst und fütterte damit die These vom Krieg mit der Nato. Der Westen sei über das Jahr hinweg unfähig gewesen zu kontern. „Es gibt Warmwasser, es gibt Essen, es gibt Jobs, der Verkehr funktioniert, die U-Bahnen fahren, die Löhne werden bezahlt und wir entwickeln uns sogar weiter, unsere Wirtschaft wird restrukturiert. In der Realität ist das ein Triumph Russlands!“, behauptete der Sinologe. Mehr noch: Eine Isolation Russlands auf weltpolitischer Bühne sei nicht erkennbar. Besonders China stehe an Russlands Seite, postulierte Wawilow – jüngsten Warnungen aus Peking zum Trotz.

„Damit zum Thema Dialekte“, leitete er zum dramatischeren Teil seiner mehr als zweiminütigen Redezeit über.

Russland im Ukraine-Krieg: „Kollektiv“, „Hegemon“, „russisches Heim“ – drastischer Monolog bei Solowjow

Ukrainisch sei ein Dialekt der russischen Sprache, erklärte Wawilow, „die ukrainische Sprache existiert nicht“. Binnen „zehn oder zwanzig Jahren“ werde Russland seine Kontrolle über „dieses Territorium wiederherstellen“. Gemeint war damit offenbar aber nicht nur die Ukraine. „All diese Nationen, die sich unabhängig nennen, werden in ein großes russisches Heim absorbiert werden“, sagte der Sinologe.

Für Europa mit seinen 500 Millionen Einwohnern werden ein „200-Millionen-Kollektiv“ russisch sprechender Menschen bedrohlich erscheinen. Darum „fürchte“ der Westen Russland so sehr. „Wir können ruhigen Gewissens Anspruch auf den Balkan, Polen und so weiter erheben“, fabulierte Wawilow. „Ein Hegemon wird in Osteuropa auferstehen“, eine „gigantische Gemeinschaft“. Russland solle den „Anzug des Globalismus“ ablegen, sagte der Philologe weiter – offenbar in Anknüpfung an ein Trauma der Nachwende-Zeit. Eine Strategie, die etwa der Oppositionelle Leonid Wolkow als ein Grundschema Putins Handeln ausgemacht hat.

„Eine neue Weltsicht, neue gesellschaftliche Strukturen, eine neue Struktur der Innenpolitik“, forderte der Experte ein, ein gutes Stück abseits des Feldes seiner Expertise. „Klingt wie das Gerede vom 1000-jährigen Reich im späten Jahr 1944“ urteilte ein Kommentator unter Davis‘ Tweet. Tatsächlich könnte Schlagworte wie „Kollektiv“ oder „russisches Heim“ in dieser Hinsicht aufhorchen lassen. „Heim ins Reich“ war schon früh ein Slogan der deutschen Nationalsozialisten. Auch den Individualismus wollte der NS durch das „Kollektiv“ ersetzen, wie die Bundeszentrale für politische Bildung notiert.

Dass „jeder Durchschnitts-Russe“ seinem Lobpreis zustimmen würde, wie Wawilow eingangs betont hatte, kann aber bezweifelt werden: Solowjow selbst hatte zuletzt zu wütenden Tiraden über den Stand der Dinge bei der vom Sinologen als „triumphal“ gerühmten „militärischen Spezialoperation“ angesetzt. Im ebenfalls staatlich eingehegten Sender NTW hatte zudem ein Experte Forderungen seiner Mitdiskutanten immer wieder argumentativ Grenzen gesetzt – und damit eine zunehmend schrankenlose Suche nach Auswegen provoziert. (fn)

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