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Wladimir Putin vertrauen nach einer neuen Umfrage nur noch 31,7 Prozent der Russen.

Russland

Putin büßt deutlich an Popularität ein

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Der russische Präsident erreicht den Tiefstwert in einer neuen Umfrage.

Der Landesvater hat ein Popularitätsproblem. Nach einer neuen Umfrage des staatlichen Meinungsforschungszentrums WZIOM vertrauen Wladimir Putin nur noch 31,7 Prozent der Russen. Das ist der niedrigste Wert für den Präsidenten, seit WZIOM 2006 diese Umfragen startete. Vergangenen Mai waren es noch 47,4 Prozent.

Schon im Februar meldete das Lewada-Meinungsforschungszentrum, der Anteil der Russen, die der Staatsmacht nicht vertrauen, sei in einem Jahr von 37 auf 52 Prozent gestiegen. Nur noch zwölf Prozent glaubten uneingeschränkt dem, was die Behörden verlautbarten.

WZIOM-Chef Waleri Fjodorow erklärte gegenüber TV Doschd Putins Popularitätsverlust durch die schwindende Zuversicht der Russen. Nach der Rentenreform 2018, als man das Pensionsalter um fünf Jahre anhob, hätten die Bürger dunkle Brillen angezogen, durch die sie alles schwarz sähen.

Es gibt Grund zum Schwarzsehen. Von 2014 bis 2017 sanken die Realeinkommen, stagnierten vergangenes Jahr, schrumpften im ersten Quartal 2019 um weitere 2,3 Prozent. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen lag im selben Quartal bei umgerechnet 413 Euro. Nach einem Bericht des staatlichen Statistikamtes von Anfang der Woche haben 48,2 Prozent der russischen Familien nur Geld für Essen und Kleidung.

Rücktrittsforderung an Putin

Der oppositionelle Telegram-Kanal SerpomPo fordert den Staatschef schon zum Rücktritt auf: „Putin sollte auf seine Popularitätsrate schauen, es ist Zeit für ihn zu sagen: ,Ich bin es müde, ich gehe.‘“

Kremlsprecher Dmitri Peskow aber verweist auf Zahlen, nach denen sein Chef in der Wählergunst steige. „Wir warten auf eine Analyse unserer verehrten Fachleute, wie diese Zahlen zusammenpassen, wie etwa das Vertrauen fällt, die Wählerzustimmung aber zunimmt.“ Nach Angaben des ebenfalls staatlichen Meinungsforschungsinstituts FOM hat Putin zu Zeit 50 Prozent der Wähler hinter sich, im August 2018 waren es 47 Prozent.

„Viele Russen sind unzufrieden, vor allem mit der wirtschaftlichen Lage, aber sie sind es gewohnt, dass keine personellen Alternativen zur Wahl stehen, viele befürchten, es werde ohne Putin noch schlechter“, sagt der Politologe Dmitri Trawin der Frankfurter Rundschau. Und viele verknüpften Putin vor allem mit gelungener Außenpolitik. Nach einer weiteren WZIOM-Umfrage sind 72 Prozent der Russen mit Russlands Rolle in der Weltpolitik zufrieden. Aber Putins Auftrumpfen mit atomaren Wunderwaffen ruft keineswegs nur Hurrapatriotismus hervor. 2014 betrachteten laut WZIOM noch 42 Prozent eine starke Armee als Hauptgarant außenpolitischen Erfolgs, jetzt sind es noch 19 Prozent.

Wird Frust bald zu Protest?

Der Publizist Alexander Baunow erklärt gegenüber Radio Echo Moskwy, in den Jahren des Rohstoffexportwirtschaftsbooms hätten Staat und Volk ihren eigenen Gesellschaftsvertrag abgeschlossen: „Ihr lasst zu, dass der Staat die Macht in seinen Händen konzentriert, dafür sichert er euch steigenden Wohlstand.“ Dieser Vertrag funktioniere nicht mehr, Putin aber habe nichts Neues anzubieten, um zu begeistern.

Dabei gilt es als ungewiss, ob und wann sich der Frust in starke politische Proteste verwandelt. „Für die Staatsmacht ist die Lage unkomfortabel“, sagt der Politologe Michail Winogradow. „Doch bisher kommt sie ohne große politische Änderungen aus. Es herrscht allgemein Enttäuschung. Aber den Menschen fehlt der Wille, sich ernsthaft mit Politik zu befassen.“ Telegram-Blogger SerpomPo unkt schon, die Russen geduldeten sich wie ihre sowjetischen Opas und Omas solange, bis man den nächsten Staatschef tot aus dem Kreml trage.

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