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Putins Propaganda erfasst nun sogar Kinder – Experte erklärt Russlands neuen Kurs

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Von: Stephanie Munk

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Putins Propaganda erreicht in Russland nun auch die Allerjüngsten – ein Experte erklärt IPPEN.MEDIA den neuen Kurs im Ukraine-Krieg.

Moskau – Im Dezember legte die russische Führung den Grundstein für eine neue „allrussische Jugendbewegung“: Die „Bewegung der Ersten“. In allen Schulen des Landes sollen jetzt so schnell wie möglich Gruppen für Kinder ab sechs Jahren gebildet werden, Aufsicht über die Inhalte führt angeblich Präsident Wladmir Putin persönlich.

„Es geht uns um eine Bewegung, die eine maximale Zahl von Kindern erreichen soll“, betonte Ksenia Rasuwajewa, Chefin der staatlichen Jugendbehörde, laut Tagesspiegel. Anders formuliert: Der Kreml weitet die Propaganda nun auch auf die Kleinsten aus.

Seit Beginn des Ukraine-Kriegs investiere der Staat noch mehr in Jugendorganisationen wie die „Junge Armee“, schildert Félix Krawatzek, Politikwissenschaftler am Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien, Merkur.de von IPPEN.MEDIA. „Die Versuche, die Jugend für das Militär zu begeistern, nehmen zu und der Druck, sich den entsprechenden Organisationen anzuschließen, steigt. Sie sind jetzt plötzlich auch in abgelegenen Regionen vertreten.“ Der Experte folgert: „Der Kreml will stärker an die jungen Menschen herankommen, um sie zu indoktrinieren.“ Er sieht einen Strategiewechsel.

Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Gruppenbild mit Jugendlichen im Dezember 2022.
Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Gruppenbild mit Jugendlichen im Dezember 2022. © Valery Sharifulin/Tass/Imago

Putins neuer Kurs: Kreml will „junge Menschen dazu bringen, Russland mit der Waffe zu verteidigen“

Entsprechende Ansätze gibt es bereits länger. Seit 2016 existiert in Russland die Jugendorganisation „Junarmija“, zu deutsch: „Junge Armee“. Schirmherr ist Verteidigungsminister Sergej Schoigu. Bei der Gründung der Organisation fand er klare Worte zu deren Zielen: „Um junge Menschen dazu zu bringen, Russland mit der Waffe in der Hand zu verteidigen, müssen die Bereitschaft und der Wille zum Dienst bereits in der Kindheit und Jugend geweckt werden“, sagte Schoigu laut einem Bericht der Frankfurter Allgemeine Zeitung

Schon Achtjährige sollen in der „Jungen Armee“ auf eine Karriere in Staat und Militär vorbereitet werden. In den Gruppenräumen stehe eine Auswahl an Kleinwaffen zur Verfügung, ein Bild von Putin und eine Flagge Russlands an der Wand seien Pflicht.

Dr. Félix Krawatzek ist Politikwissenschaftler und leitet  den Forschungsschwerpunkt „Jugend und generationeller Wandel“ am Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien in Berlin.
Dr. Félix Krawatzek ist Politikwissenschaftler und leitet den Forschungsschwerpunkt „Jugend und generationeller Wandel“ am Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien in Berlin. © ZOiS

Ukraine-Krieg: Putin will mehr Kontrolle über die Jugend – „Junge Armee“ marschiert bei Paraden

Laut Krawatzek marschieren die Mitglieder der „Jungen Armee“ bei großen Militärparaden mit, sie absolvieren militärische Übungen, halten Mahnwachen ab, fahren auf Freizeiten, sammeln Spenden für Soldaten und engagieren sich in der Nachbarschaft. Kürzlich hat die Organisation eine Million Mitglieder erreicht, es gab eine große Feier.

Russische Kinder nehmen im August 2022 an einer Gedenktag der russischen Luftwaffe teil.
Russische Kinder nehmen im August 2022 an einer Gedenktag der russischen Luftwaffe teil. © Vitaliy Ankov/Imago

Putin wollte Russlands Jugend lange Zeit in Apathie versetzen

Dass das Engagement junger Russen derart gefördert wird, sei relativ neu in Russland, sagt Krawatzek, der seit langem zur Jugend in Russland und Osteuropa forscht und zahlreiche Erhebungen durchführte. „Der Staat hat sich bei der Jugend jahrzehntelang darauf fokussiert, politische Apathie und Passivität zu fördern. Man hat den jungen Leuten gesagt: ,Politik ist nichts für euch.‘“

Spätestens mit dem Ukraine-Krieg sei ein Wandel zu beobachten: „Jetzt will der Kreml anstatt einer passiven eine aktive Jugend, die den Krieg unterstützt und sich militärisch engagiert“, sagt Krawatzek.

Moralische Erziehung als eigenes Schulfach in Russland

Auch Kinder und Jugendliche, die nicht in der „Jungen Armee“ oder anderen Organisationen mitmachen, bekommen die staatliche Propaganda täglich zu spüren: Für die patriotische und moralische Erziehung der Kinder gebe es ein eigenes Schulfach, das eins zu eins der Kreml-Propaganda entspreche, schildert der Politologe. Vermittelt werde beispielsweise: Die Ukraine sei ein Teil Russlands, Russland werde durch den Westen bedroht und sei der letzte Hüter der wahren, konservativen Werte.

Schlachten aus dem Zweiten Weltkrieg werden im Sandkasten mit Panzern nachgestellt.“

Politikwissenschaftler Dr. Félix Krawatzek

Beispiele für Kriegspropaganda gebe es in Russland sogar schon in Kindergärten: „Die Inhalte werden dort spielerisch vermittelt. Zum Beispiel werden Schlachten des Zweiten Weltkriegs mit Panzern im Sandkasten nachgestellt und gemeinsam patriotische Lieder gesungen.“

Ein Junge hält bei der Eröffnung einer Militärmesse ein russisches A12-Sturmgewehr in der Hand.
Ein Junge hält bei der Eröffnung einer Militärmesse ein russisches A12-Sturmgewehr in der Hand. © Yuri Smityuk/Imago

Putins hartes Bildungsregiment: Heftige Strafen für Widerstand - Lehrer und Dozenten denunziert

Freilich würden nicht alle Pädagogen den Anweisungen Putins streng folgen - doch es steige der Druck, sich zu fügen, so Krawatzek: „Der Raum für kontroverse Diskussionen ist sehr, sehr eng.“ Und die Gefahr, denunziert zu werden, stehe stets im Raum – vor allem an russischen Universitäten. „Die Dozenten müssen dort sehr aufpassen, was sie sagen. Wir kennen Fälle von Denunziationen, da wurden Teile von Seminaren mitgeschnitten und der Universitätsleitung präsentiert.“ Universitätsprofessoren mussten teils schon ihren Posten räumen, zudem drohen heftige Strafen.

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Putin verfolge mit all dem das Ziel, sich regimetreue „Bürgersoldaten“ heranzuzüchten, die sich als Gegner jeglicher liberaler Werte verstehen – so beschreibt es die finnische Expertin Joanna Alava, die intensiv zu dem Thema forscht, laut FAZ.

Jedoch: In der Jugend gibt es auch Widerstand gegen Putin und den Ukraine-Krieg, auch wenn dieser wegen der harten Strafen immer seltener offen gezeigt wird. Für viele junge Russen bleibt nur der völlige Rückzug ins Private oder die Emigration ins Ausland, um sich der staatlichen Propaganda zu entziehen. (smu)

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