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Ebenfalls in St. Petersburg nimmt die Polizei die Daten eines Mannes auf, der ein Plakat hält, auf dem steht: „Nawalny lebe“.

Behandlung

Kremlkritiker vergiftet: Ereignisse im Fall Nawalny überschlagen sich

  • Viktor Funk
    vonViktor Funk
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Die Entwicklungen im Fall des russischen Oppositionellen Alexej Nawalny überschlagen sich am Freitag im Stundentakt.

Lange betonten behandelnde Ärzte, Nawalny sei nicht transportfähig, sein Zustand sei nicht stabil genug, dann berichteten Ärzte und Polizei der Ehefrau Julia Nawalny, dass eine hochgefährliche Substanz gefunden worden sei, die nicht nur für den Betroffenen, sondern auch seine Umgebung potenziell tödlich sei.

Die Ärzte wiegelten zudem eine mögliche Verlegung Nawalnys in die deutsche Klinik Charité in Berlin mit den Worten ab, „unsere Ärzte seien nicht schlechter“ und kurz darauf besprachen sie die Verlegung Nawalnys dann doch mit deutschen Ärzten, die in der Nacht auf Freitag mit einer Sondertransportmaschine nach Omsk geflogen waren.

Seit Donnerstagmittag ist das Krankenhaus in Omsk voller Sicherheitskräfte, von denen sich einige nach Angaben der Pressesprecherin von Nawalny nicht auswiesen. Kira Jarmysch hatte den russischen Oppositionellen auf seiner Reise begleitet und war auch dabei, als er im Flugzeug kollabiert war. Nawalny absolvierte eine Vorbereitungstour zu den Regional- und Lokalwahlen am 13. September in einigen Regionen Russlands. Zusammen mit seinen Unterstützern will er erreichen, dass Wählerinnen und Wähler die Kreml-treue Partei „Geeintes Russland“ abstrafen.

Nach dem Zusammenbruch im Flugzeug berichtete Jarmysch auf Twitter, wie die Ärzte sich um Nawalny bemühten, anfangs intensiv informierten und nach dem Eintreffen des Sicherheitsapparats schwiegen. Die hoffnungsvollen Kurzmeldungen wandelten sich in Zorn und Wut. Im Laufe der beiden Tage trafen immer mehr russische politische Aktivisten und Unterstützer Nawalnys in Omsk ein.

Gegen Freitagmittag überraschten die Ärzte mit der Nachricht, dass sie kein Gift im Körper des Patienten finden konnten. „Zum heutigen Tag können wir nach den Analysen, die wir gemacht haben, weder im Blut noch im Urin Gifte oder Spuren von Giften feststellen“, sagte ein Vertreter des Krankenhauses und ergänzte: „Wir denken nicht, dass der Patient eine Vergiftung erlitten hat.“ Später berichtete Chefarzt Alexander Murachowski, dass beim Patienten eine Stoffwechselstörung festgestellt worden sei.

Die Aussagen stehen im Widerspruch zu früheren Informationen der Ärzte und wurden von den Unterstützern Nawalnys infrage gestellt. Sie vermuten, dass die Mediziner unter der Kontrolle der Männer stehen, die sich im Krankenhaus aufhalten, aber nicht ausweisen.

„Der Kreml ist toxisch“ – eine Frau protestiert in St. Petersburg gegen die Regierung Putins und erinnert an Nawalny.

Der möglich Giftanschlag auf den 44-jährigen Moskauer erinnert an einen ähnlichen Fall, den der Künstler und Aktivist Peter Wersilow überlebt hatte. Wersilow ist der Ex-Ehemann der Pussy-Riot-Aktivistin Nadeschda Tolokonnikowa. Vor zwei Jahren verärgerte Wersilow die russische Regierung, als er beim Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft in Moskau aufs Feld lief. Das Spiel musste unterbrochen werden. Knapp zwei Monate danach erlitt Wersilow einen Anfall und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Zwei Tage lang wurde der Zugang zu ihm blockiert, danach konnte er in die Berliner Charité überführt werden, wo er behandelt worden war.

Wie Wersilow am Donnerstag berichtete, habe er bis zum heutigen Tag keinen Zugang zu den medizinischen Dokumenten der ersten Behandlungstage in Russland. Nach seiner Erzählung hätten die Ärzte in der Charité nicht mehr feststellen können, was in seinem Körper gewesen war.

Behandlung für Nawalny in Berlin?

Wersilow und die Unterstützer von Nawalny vermuten, dass das Gift relativ schnell den Körper wieder verlässt. Offenbar solle abgewartet werden, bis die Substanz aus dem Körper Nawalnys ausgeschieden sei.

Zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe war nicht bekannt, ob die deutschen Ärzte zu Nawalny vorgelassen worden waren. Laut Julia Nawalny sei es ihr nicht möglich gewesen, mit ihnen zu sprechen. „Das wird durch unsere Ärzte und durch Sicherheitskräfte verhindern, die sich in großer Zahl im Krankenhaus befinden“, sagte sie Presseleuten vor dem Krankenhaus.

Die deutschen Ärzte sollen den Transport nach Berlin begleiten. Nawalny befand sich am Freitag noch im Koma und wurde künstlich beatmet. (Viktor Funk)

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