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Angeblicher Neonazi-Anschlag in Moskau: Echte Gefahr oder billige Inszenierung?

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Von: Sandra Kathe

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Eine zentrale Begründung für Putins Angriffskrieg auf die Ukraine ist die angeblich notwendige Entnazifizierung des russischen Nachbarlandes. (Symbolfoto)
Eine zentrale Begründung für Putins Angriffskrieg auf die Ukraine ist die angeblich notwendige Entnazifizierung des russischen Nachbarlandes. (Symbolfoto) © Alexander Nemenov/AFP

Laut Angaben der Moskauer Staatsanwaltschaft hat eine ukrainische Terrorzelle in Russlands Hauptstadt einen Anschlag auf einen Fernsehjournalisten geplant.

Moskau – Bei einer Razzia in Moskau wollen russische Ermittler sechs ukrainische Neonazis verhaftet und damit ein Attentat auf einen bekannten russischen Fernsehmoderator vereitelt haben. Doch aus den offiziellen Videos zum Erfolg der Razzia lesen Expert:innen erste Hinweise darauf, dass es sich womöglich um eine Inszenierung des russischen Geheimdienstes handeln könnte.

Offiziellen Angaben russischer Behörden zufolge hätten die verhafteten „Neonazis“ einen Sprengstoffanschlag auf das Auto des Fernsehmoderators Wladimir Solowjow geplant. Die Verdächtigen gehörten laut Generalstaatsanwaltschaft einer Neonazi-Gruppe namens National Socialism/White Power an und hätten im Auftrag des ukrainischen Geheimdiensts SBU gehandelt. Bei der Razzia seien Sprengsätze, Handfeuerwaffen, Granaten sowie Drogen gefunden worden.

Legitimierung des Ukraine-Kriegs: Russland wirft ukrainischem Geheimdienst Anschlagspläne vor

Bei dem vermeintlichen Anschlagsziel Solowjow handelt es sich um einen der wichtigsten Propagandisten der Kreml-Politik unter dem russischen Machthaber Wladimir Putin, der bereits kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs von der EU und Kanada mit westlichen Sanktionen belegt wurde. Unter den angeblich weiteren potenziellen Anschlagszielen seien auch Führungspersonen des staatlichen Propagandasenders RT, Generaldirektor Dmitri Kisseljow sowie Chefredakteurin Margarita Simonjan, gewesen.

In Kiew teilte der SBU mit, man werde diese Fantasien der russischen Geheimdienste nicht kommentieren. Auch auf dem Kurznachrichtendienst Twitter wurden bereits kurz nach Veröffentlichung des angeblichen Beweismaterials Zweifel an dem angeblichen Fahndungserfolg laut. Wie das Nachrichtenmagazin Spiegel berichtet, haben sich inzwischen einige Geheimdienstexpert:innen dafür ausgesprochen, dass es sich dabei womöglich um eine sogenannte „False-Flag-Operation“, also in Wahrheit eine Inszenierung des russischen Geheimdiensts FSB handeln könnte.

Angeblich geplanter Anschlag auf russischen Moderator: Osteuropa-Experten wittern Inszenierung

So schreibt dazu etwa der in Berlin lebende Osteuropa-Experte Sergej Sumlenny auf Twitter „Der russische FSB hat einen „Plot“ fabriziert, nachdem der russische TV-Propagandist Solowjow getötet werden sollte. Angeblich vom ukrainischen SBU und Nazis. Eins der „Beweisstücke“ ist die Widmung eines Neonazis in einem Buch. Unterschrieben von „Unterschrift unleserlich“. Ja, der FSB bekam den Befehl mit einer „Unterschrift unleserlich“ zu unterschreiben – und er hat es tatsächlich gemacht!“.

Wie der Spiegel dazu schreibt, soll es sich bei der Unterschrift aber womöglich nicht um einen dummen Fehler der Geheimdienstagenten gehandelt haben: Nach Recherchen des Netzwerks Bellingcat sei „Unterschrift unleserlich“ bereits in Telegramchats der angeblichen Neonazi-Gruppe als vermeintlicher Codename aufgetaucht. Der BBC-Journalist Francis Scarr nennt die „Beweisstücke“, die auf den Aufnahmen zu sehen sind, ein „Neonazi-Starterkit“: Dazu gehören ein Farbfoto von Adolf Hitler, ein Hakenkreuz-T-Shirt, eine grüne Perücke sowie kurioserweise drei Ausgaben des Computerspiels „Sims 3“. (ska/dpa)

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