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Flucht vor Putins Mobilisierung: „Tausende“ Russen könnten sich in Finnland verstecken

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Von: Florian Naumann

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Ende September bildeten sich lange Schlangen am russisch-finnischen Grenzübergang Vaalimaa.
Ende September bildeten sich lange Schlangen am russisch-finnischen Grenzübergang Vaalimaa. © Jussi Nukari/picture alliance/dpa/Lehtikuva

Die Teilmobilisierung hat viele russische Männer in Angst versetzt. Auch die EU ist wohl Zufluchtsort: Finnische Behörden rechnen mit „Tausenden“ Versteckten.

Helsinki – Monatelang versuchte Russland, den Ukraine-Krieg von der eigenen Bevölkerung fernzuhalten – Wladimir Putins Teilmobilisierung hat diese Lage drastisch verändert: Soldatenmütter und -Ehefrauen protestieren seither immer wieder. Zugleich hat eine Fluchtbewegung eingesetzt. Offenbar auch in die EU.

So könnten sich allein nach Finnland „Tausende“ Russen abgesetzt haben. Diese Einschätzung hat nun Matti Pitkäniitty, Leiter der internationalen Einheit des finnischen Grenzschutzes im Rundfunksender YLE getroffen. Gerade im Südosten des skandinavischen Landes sei der Grenzschutz zuletzt immer wieder auf russische Bürger mit manipulierten Pässen oder Aufenthaltsberechtigungen gestoßen, heißt es in dem Bericht. Die Zahl dieser Fälle habe sich vervielfacht.

Putins Mobilisierung: Zuflucht in Finnland? „Wir sprechen derzeit von Tausenden von Russen“

An den verkehrsreichsten Tagen im Herbst waren laut YLE mehr als 7000 Ankünfte aus Russland gezählt worden. „Wir haben nur eine Vorstellung davon, wie viele Personen mit Erlaubnis in den Schengen-Raum einreisen, aber nicht davon, wie viele ausreisen“, erklärte Pitkäniitty. Es gebe diesbezüglich „große Fragezeichen“. Ein übliches Vorgehen sei, Aus- und Einreisestempel zu fälschen.

Die Zahl der Ermittlungsverfahren ist dabei offenbar vergleichsweise gering. 88 mögliche Dokumentenfälschungen behandle der südostfinnische Grenzschutz aktuell, berichtete der Sender. Allerdings gibt es anscheinend statistische Auffälligkeiten. So stammt laut dem zuständigen Ermittlungsleiter Mika Vilkko ein Großteil der Betroffenen aus dem Nordkaukasus. Berichte hatten immer wieder nahegelegt, dass Russland besonders stark in abgelegeneren und von Minderheiten bewohnten Regionen mobilisiert. Darunter etwa auch Dagestan im Nordkaukasus.

Autos aus Russland standen am Mittwoch, 28. September, am Grenzübergang Vaalimaa zwischen Finnland und Russland Schlange.
Autos aus Russland standen am Mittwoch, 28. September, am Grenzübergang Vaalimaa zwischen Finnland und Russland Schlange. © Sasu Mäkinen/Lehtikuva/dpa

Dass es derzeit viele Betrugsversuche gebe, liege daran, dass das Leben in Russland für viele Menschen „schwerer“ geworden sei, erklärte Pitkäniitty. „Russen kamen auch per Flug zu uns, nicht nur nach Finnland, sondern auch in andere Schengen-Gebiete“, sagte der Grenzschützer weiter. „Ich glaube, wir sprechen derzeit von Tausenden von Russen, die sich hier in der Region aufhalten.“

Flucht vor Putins Teilmobilisierung: Womöglich Hunderttausende geflohen – Deutschland zögert

Ende September kursierten Berichte, denen zufolge zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als 260.000 russische Männer das Land verlassen hatten, um sich einem möglichen Kriegseinsatz und dem dort drohenden Tod zu entgehen. Darüber schrieb unter anderem die Nowaja Gaseta. Eines der wichtigsten Ziele war Kasachstan. In das Nachbarland können Russen ohne Visum und Reisepass gelangen.

In Richtung EU ist das nicht möglich. Auch Deutschland ringt immer noch um den richtigen Umgang mit der Situation. Kriegsdienstverweigerung ist seit 1987 Menschenrecht. Während etwa der evangelische Bischof Friedrich Kramer zuletzt eine großzügige Asylregelung für Kriegsdienstverweigerer forderte, warnt der neue ukrainische Botschafter Oleksij Makeiew vor diesem Schritt. Er bezeichnete russische Deserteure in der Bild am Sonntag als „Sicherheitsrisiko“. Litauens früheres Staatsoberhaupt Vytautas Landsbergis warnte sogar vor der „Massenflucht“ als „weitere hässliche Waffe“ Putins. Die Bundesregierung „prüft“ die Lage – auch Monate nach Beginn der Teilmobilisierung.

Finnland im Ukraine-Krieg: Bericht sieht Russland in problematischer Lage

Finnland ist aufgrund seiner geografischen Nähe zu Russland eine Art kleinerer Brennpunkt der Kriegs-Nebenfolgen. Zwischenzeitlich hatten finnische Orte russische Gäste mit besonderen „Vorkehrungen“ begrüßt. Auch Drohungen aus Russland hatte es immer wieder gegeben. Schlagzeilen gemacht hatte zuletzt auch eine finnische Warnung vor einer möglichen Bewegung von Kriegswaffen aus der Ukraine zurück in die EU – in die Hände von Kriminellen. Entsprechende Fakten konnten die Ermittler aber noch nicht präsentieren.

In einem weiteren Bericht sah YLE Russland auch vor einem strategischen Problem im arktischen Raum: Im Falle einer Nato-Mitgliedschaft Finnlands und Schwedens könne das Bündnis schneller Truppen und Material von der Ostsee in die Arktis verlegen. Zugleich würden die „dutzenden“ Flüge russischer Kampfjets über finnisches und schwedisches Territorium „riskanter“. (fn)

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