Das zerstörte Osh.
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Das zerstörte Osh.

Kirgistan

Russland mischt sich doch ein

Nach den blutigen Unruhen in Kirgistan hat sich Russland nun doch zum Einsatz von Militärs in dem Land entschlossen. Bis zu 2000 Menschen könnten ums Leben gekommen sein.

Bischkek. Nach den blutigen Unruhen in Kirgistan hat sich Russland nun doch zum Einsatz von Militärs in dem Land entschlossen. "Russische Soldaten werden bestimmte strategische Einrichtungen in Kirgistan bewachen", sagte die kirgisische Übergangspräsidentin Rosa Otunbajewa am Freitag im staatlichen Rundfunk. "Diese Entscheidung ist getroffen worden, um die Sicherheit dieser Einrichtungen zu garantieren."

Nach dem Beginn der Auseinandersetzungen zwischen Kirgisen und der ethnischen Minderheit von Usbeken, die in Kirgistan leben, hatte Otunbajewa Russland bereits vor knapp einer Woche um militärischen Beistand gebeten. Dieses Ansinnen wurde von der Führung in Moskau jedoch mit der Begründung zurückgewiesen, es handle sich bei dem Konflikt um eine innere Angelegenheit Kirgistans.

Bei den Unruhen hat es möglicherweise weit mehr Tote gegeben als bislang bekannt. Bis zu 2000 Menschen und damit zehnmal so viele wie zunächst angenommen könnten ums Leben gekommen sein, sagte Übergangspräsidentin Rosa Otunbajewa in einem am Freitag veröffentlichten Interview mit der russischen Zeitung "Kommersant". Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind mehr als eine Million Menschen Betroffene der ethnischen Auseinandersetzungen. Die Zahlen könnten sich aber noch ändern, sagte eine Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR in Genf.

Einzelne Übergriffe auch am Freitag

Die USA äußerten sich besorgt über die anhaltende Gewalt und forderten eine internationale Untersuchung. Der Staatssekretär im Außenministerium Robert Blake sprach nach dem Besuch eines Flüchtlingslagers im Nachbarland Usbekistan von einer katastrophalen Situation. Die kirgisische Übergangsregierung müsse alles unternehmen, um die Gewalt zu stoppen. Otunbajewa gab sich bei einem Besuch im Süden Kirgistans kämpferisch. Mit Blick auf die zweitgrößte Stadt des Landes, in der es mit zu den schlimmsten Ausschreitungen kam, sagte die Regierungschefin: "Koste es was es wolle, wir werden Osch wieder aufbauen, damit die Menschen zurückkehren können." Von einigen Gebäuden sind nur noch Ruinen übrig.

Seit Beginn der Woche ist die Gewalt zurückgegangen, einzelne Übergriffe gab es am Freitag dennoch. Auch Schüsse waren zu hören. Usbeken errichteten Barrikaden, um ihre Häuser von denen der Kirgisen zu trennen. Die Regierung hofft weiter, am 27. Juni ein Verfassungs-Referendum abhalten zu können.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk will am Samstag Zelte und andere Hilfsgüter auf dem Luftweg nach Kirgisten bringen. Eine UNHCR-Sprecherin sagte, mehr als eine Million Menschen seien auf Hilfe angewiesen. Bei ihnen handele es sich um Vertriebene, Flüchtlinge oder um Personen, die in Gastfamilien Aufnahme gefunden hätten.

Etwa 400.000 Menschen sind auf der Flucht vor den schlimmsten Unruhen zwischen der usbekischen Minderheit und Kirgisen im Land seit zwei Jahrzehnten. Auf beiden Seiten der kirgisisch-usbekischen Grenze drängten sich Flüchtlinge in Hütten und Zelten, die meisten davon Frauen und Kinder. Viele haben kaum noch etwas zu essen und trinken. Tote der Unruhen gibt es zwar bei beiden Volksgruppen. Augenzeugen zufolge haben die Usbeken jedoch deutlich mehr Opfer zu beklagen.

Die USA und Russland äußerten die Sorge, das zentralasiatische Land könnte zu einer Brutstätte für radikale Islamisten werden. Sollte das Volk den Glauben an die Regierung verlieren, könnte sich das Land wie Afghanistan unter den Taliban entwickeln, warnte Russlands Präsident Dmitri Medwedew im Gespräch mit dem "Wall Street Journal". (rtr)

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