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Nach einem Luftangriff von General Haftars Streitkräften liegen Teile der Stadt Tajoura, südlich von Tripolis in Trümmern. Foto: Mahmud Turkia / afp

Libyen

Russland mischt im nächsten Bürgerkrieg mit

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In Libyen stützen russische Söldner den Warlord Haftar. Moskaus Einfluss steigt, die USA sind alarmiert.

Libyens starker Mann Khalifa Haftar empfing dieser Tage aufgebrachte Besucher aus Washington. Man habe eine „freimütige Diskussion“ geführt, ließen die Emissäre des US-Außenministeriums wissen, und den Feldmarschall aufgefordert, seine „destruktive Offensive“ gegen Tripolis zu stoppen und eine politische Lösung zu suchen. „Die Botschaft war absolut klar, ein Einmarsch Haftars in Tripolis wäre eine Katastrophe, jetzt und in Zukunft“, erklärte einer der Diplomaten.

Haftar dagegen glaubte sich bislang voll im Einklang mit Donald Trump, nachdem der US-Präsident ihn im April am Telefon für den „Kampf gegen den Terrorismus und die Sicherung der Ölquellen“ gelobt hatte. Seit jedoch in libyschen Krankenhäusern mehr und mehr Verletzte und Leichen auftauchen mit mysteriösen Schusswunden in Kopf und Brust, hat sich das politische Blatt gewendet. Wie die „New York Times“ und die „Washington Post“ berichteten, paktiert Haftars Libysche Nationalarmee seit September mit russischen Söldnern der Wagner-Gruppe, denen die Verteidiger von Tripolis nicht gewachsen sind.

Noch herrschte ein Patt auf dem libyschen Schlachtfeld. Doch die Amerikaner befürchten, Wladimir Putin wolle nun in Nordafrika seine Syrien-Strategie wiederholen und versuchen, nach Bashar al-Assad auch Khalifa Haftar zum Sieg zu verhelfen. Dies betrachte man als eine „sehr negative Entwicklung“, ließ die US-Delegation den 76-jährigen Kriegsherren aus Tobruk wissen. Denn dadurch würde Putin auch in Libyen zur neuen Schlüsselfigur. Sein Einfluss wüchse weiter, er bekäme neben dem syrischen Tartus auch libysche Mittelmeerhäfen unter seine Kontrolle und könnte Europa fortan über das Reizthema Flüchtlinge erpressen.

Die Zuspitzung fällt ausgerechnet in eine Phase, in der Deutschland Anfang 2020 mit einer großen Libyen-Konferenz in Berlin versuchen will, die externen Mächte des Konfliktes zum Rückzug zu bewegen und die verfeindeten Kräfte im Inneren an den Verhandlungstisch zu bekommen. Über 1100 Menschen sind bereits gestorben. Mehr als 120 000 mussten ihre Häuser verlassen, um sich vor den Kämpfen in Sicherheit zu bringen.

Ohnmächtig und frustriert schlug der UN-Sondergesandte Ghassan Salamé kürzlich erneut beim UN-Weltsicherheitsrat Alarm. Vor allem der Einsatz von Söldnern privater Militärfirmen sei für die Zunahme des Blutvergießens verantwortlich, klagte er. Nach westlichen Schätzungen liegt die Zahl der russischen Wagner-Scharfschützen bei weit über tausend.

Angesichts der Bedrohung reiste Fayez al-Sarraj, Chef der international anerkannten Regierung in Tripolis, in dieser Woche nach Istanbul und unterzeichnete eilends einen Beistandspakt mit Recep Tayyip Erdogan. Der liefert – koordiniert mit Qatar – schon seit Monaten Panzerfahrzeuge, Maschinengewehre und Kampfdrohnen. Gegenspieler Haftar bezieht sein Kriegsgerät aus Russland, Ägypten, Jordanien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien.

„Das Auftauchen russischer Kräfte hat das Kriegsgeschehen verändert“, zitiert die „Washington Post“ einen führenden Kommandeur aus Tripolis. Die Artillerieangriffe würden präziser, militärische Operationen komplexer. Die libyschen Kämpfer dagegen seien undiszipliniert und amateurhaft, räumten lokale Bewaffnete ein. Sie feuerten, ohne genau zu zielen. Die Russen aber bewegten sich in kleinen Gruppen, griffen nachts oder im Morgengrauen an. „Sie schonen ihre Munition, schießen im richtigen Moment und kämpfen in professioneller Weise.“

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