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Gefängnisse in Russland
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Eine Menschenrechtsgruppe aus Russland erhebt schwere Vorwürfe. (Symbolfoto)

Gewalt

Folter in russischen Gefängnissen: Videos veröffentlicht

  • Stefan Scholl
    VonStefan Scholl
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In russischen Gefängnissen soll es laut der Gruppe Gulagu.Net ein überregionales Foltersystem geben. Demnach sollen Gefangene mit den Aufnahmen erpresst werden.

Moskau – Der Mann ist nackt, er weint und fleht: „Was tut ihr, verdammt?“ Er liegt mit gefesselten Händen auf einer Sanitätsliege, einer seiner schwarz gekleideten Peiniger hält seine Beine hoch, ein anderer bohrt einen mit rotem Klebeband umwickelten Besenstiel in seinen After. Immer wieder schreit er vor Schmerzen auf. „Hast du was zu sagen?“ herrscht man ihn an. „Erinner dich! Oder du wirst so drei Tage hier liegen!“

Folterszenen aus Gefängnissen in Russland sind keine Neuigkeit. Aber massive Hackerangriffe legten das Portal der Gefangenenrechtsgruppe Gulagu.Net lahm. Sie hatte dort die oben beschriebenen Aufnahmen sowie mehrere andere Videos ins Netz gestellt, auf denen Häftlinge heftig sexuell misshandelt werden. Und das sind nach Angaben von Gulagu.Net-Gründer Wladimir Ossetschkin nur Bruchteile eines 40 Gigabyte großen Archivs von Foltervideos, die ein ehemaliger Programmierer der russischen Strafvollzugsbehörde aus Russland heraus geschmuggelt hat.

Menschenrechtsorganisation in Russland: „Wenn die Videos untauglich waren, wurde die Folter wiederholt“

„Nach dem Material wurden über 400 Strafgefangene Opfer von Gewalt, über hundert vergewaltigt“, sagte Ossetschkin unserer Zeitung. „Etwa 20 Videodateien zeigen Gewaltakte direkt.“ Laut Ossetschkin gibt es im russischen Strafvollzug ein überregional organisiertes Foltersystem, mit Zentralen in Saratow im Gefängnis-Tuberkulosekrankenhaus Nummer Eins, wo auch das auf den 18. Februar 2020 datierte Besenstiel-Video entstand, außerdem in Gefängnissen in den Gebieten Wladimir, Krasnojarsk und Irkutsk.

Ossetschkin sagt: „Wenn Ihr Verhalten den Ermittlern des Föderalen Sicherheitsdienstes (FSB) missfällt, werden Sie aus Moskau oder Sibirien nach Saratow verlegt, um Sie dort zu foltern.“ Es treffe vor allem Straf- oder Untersuchungsgefangene, die man zwingen wolle, Geständnisse oder Falschaussagen gegen andere zu liefern. Oder die als Spitzel für Ermittler:innen oder Gefängnisobrigkeit arbeiten sollten.

Ein Gefängnis in Moskau, aus dem missliebige Insassen vielleicht auch nach Saratow verlegt werden.

Nach Ossetschkins Angaben werden die Opfer von „Sonderkommandos“ gefoltert, von gewalttätigen Häftlingen, die mit der Strafvollzugsbehörde FSIN zusammenarbeiten und von Vollzugsbeamten kontrolliert werden. Unverzichtbar sei, das Opfer dabei mit einem der Videokontrollgeräte zu filmen, die eigentlich dazu dienen sollen, Fehlverhalten der Beamten im Gefängnisalltag festzuhalten. Und die Aufnahmen danach auf FSIN-Computern abzuspeichern, um die Opfer auf unbestimmte Zeit erpressen zu können. Wer in russischen Gefängnissen vergewaltigt worden ist, landet dort in der niedrigsten Kaste, die jeder erniedrigen darf. „Manchmal waren die Videos untauglich, weil die Kameras veraltet waren. Dann wurde die Folter wiederholt.“

Die meisten kremlnahen Medien schweigen zu den Folter-Videos

Ossetschkins Kronzeuge ist ein ehemaliger Häftling, ein Programmierer, der nach Angaben des Menschenrechtlers selbst misshandelt wurde, danach fünf Jahre das Computersystem eines FSIN-Sicherheitsstabs managte, dann begann, die dort angesammelten Folterdateien zu duplizieren. Laut Ossetschkin nahm sein Informant einen Teil dieses Parallelarchivs bei seiner Freilassung mit, einen anderen Teil kaperte er danach aus dem FSIN-System. Der Mann soll nun in Europa und in Sicherheit sein.

Die meisten kremlnahen Medien schweigen zu Ossetschkins Enthüllung. „Wir wissen auch aus Gefängnissen im Nischegorodsker Gebiet, dass Vollzugsbeamte Foltervideos aufbewahren, um die Opfer weiter zu erpressen“, meint Igor Kaljapin, Chef von Pytkam.net, einer Gefangenenrechtsinitiative. „Durchaus möglich, dass solche Videos zentral gespeichert worden, etwa in Saratow.“ Dort wie anderswo verschlechtere sich die Lage der Häftlinge, weil man die Beobachterkommissionen, die den Alltag in den Strafanstalten kontrollierten, seit einiger Zeit statt aus Menschenrechtler:innen aus pensionierten FSIN-Angehörigen rekrutiere. (Stefan Scholl)

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