Russland greift in Georgien an

Mehrere Bombenattacken auf Lager von Tschetschenen im NachbarlandRussland hat nach georgischen Angaben Ziele im Nordosten seines Nachbarstaats bombardiert, um angebliche Lager tschetschenischer Rebellen zu zerstören. Dies ist offenbar eine weitere Eskalation des Tschetschenienkriegs. Die Regierung Georgiens forderte von Moskau ein Ende der "aggressiven Handlungen".

Von Florian Hassel

MOSKAU, 30. Juli. Das Pankisi-Tal in Georgien dient tschetschenischen Zivilisten und Rebellen als Zuflucht und Basis im Krieg gegen Moskau. In der Nacht zum Dienstag bombardierten nach georgischen Angaben unidentifizierte Militärmaschinen dort eine Waldgegend, 200 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Tiflis.

"Vier Hubschrauber oder Flugzeuge bombardierten im Pankisi eine Viertelstunde lang ein Waldstück beim Berg Nekerala", sagte Sakro Kinkladse, Bürgermeister der am Eingang zum Pankisi-Tal gelegenen Bezirkshauptstadt Achmeti, der Frankfurter Rundschau in einem Telefoninterview. "Ich habe keinen Zweifel, dass es russische Maschinen waren. Die Bevölkerung im Pankisi ist in Panik. An der Bombardierungsstelle gibt es keine Rebellen. Dort hüten unsere Bauern ihr Vieh."

Es war das zweite Mal innerhalb von zwei Tagen, dass unidentifizierte Militärmaschinen Ziele auf georgischem Staatsgebiet bombardierten. In der Nacht zum Montag beschoss ein aus Russland kommender Hubschrauber gegen 3 Uhr morgens das zwölf Kilometer von der Grenze zu Tschetschenien entfernte Dorf Girewi. Das sagte General Walerij Tscheilidse, Kommandeur der georgischen Grenztruppen, laut Nachrichtenagentur Interfax dem Fernsehsender Rustavi-2 in Tiflis. Georgische Untersuchungsteams flogen am Dienstag zu beiden bombardierten Orten.

Die russische Luftwaffe und das Oberkommando der russischen Tschetschenien-Truppen wiesen die Anschuldigungen zurück. Doch die Dementis sind wenig überzeugend: Seit Tagen kritisieren hohe russische Offizielle, dass Georgien nicht gegen die Rebellen im Pankisi-Tal vorgehe; sie drohten mit einem militärischen Eingreifen. Russlands Verteidigungsminister Sergej Iwanow sagte am Montag: "Auf dem Territorium Georgiens halten sich immer noch große Banden von Terroristen auf, gegen die Georgien heute nichts unternimmt und dies in nächster Zukunft auch nicht tun kann." Da die Rebellen versuchten, auf russisches Territorium vorzudringen, "sind wir zu vorbeugenden Maßnahmen gezwungen".

Der Tschetschenien-Sprecher von Präsident Wladimir Putin, Sergej Jasterschembskij, legte am Montag und Dienstag nach. Er sagte: "Im Pankisi-Tal ist die terroristische Bedrohung offensichtlich. (. . .) Dass die georgischen Sicherheitskräfte nichts gegen diese Bedrohung tun wollen und nichts tun können, ist zweifellos eine Bedrohung für die Sicherheit Russlands." Am Samstag hatte Putin seine wichtigsten Minister und Militärs zu einer Sondersitzung in den Kreml gerufen, um laut dem Fernsehsender TWS über eine Antwort auf die Sommeroffensive der tschetschenischen Rebellen zu beraten.

Das georgische Außenministerium protestierte am Dienstag in einer Erklärung gegen die "aggressiven Handlungen" Russlands. Die Provokationen müssten unverzüglich beendet werden. Tiflis übermittelte jedoch keine offizielle Protestnote. Der Grund: Georgien verhandelt mit Russland über einen Partnerschaftsvertrag und Visaerleichterungen für mehrere Millionen in Russland arbeitende Georgier. Diese Verhandlungen will Tiflis offenbar nicht gefährden.

Aus Washington bekam Moskau zumindest stillschweigende Zustimmung. Eine hochrangige US-Delegation traf am Dienstag in Russland zu Gesprächen über gemeinsame Schritte im "Kampf gegen den Terror" ein. Vor dem 11. September hatten US-Diplomaten Moskau wiederholt vor einem militärischen Eingreifen in Georgien gewarnt.

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