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Das russische Spionagenetzwerk in Deutschland

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Von: Niklas Kirk

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Schon vor Beginn des Ukraine-Kriegs operierten Russlands Geheimdienste in Deutschland. Eine Investigativ-Recherche gibt nun Aufschluss über das Ausmaß.

Frankfurt - Mit Erscheinen der Fernsehserie „The Americans“ im Jahr 2013 bei Netflix, hatte das Thema russische, retrospektiv sowjetische, Geheimdienstarbeit seinen Platz in der Pop-Kultur bekommen und behauptet. In 75 Folgen konnten sich die Zuschauer bis 2018 von KGB-Spionen faszinieren lassen, die in den USA in arrangierter Ehe ein Scheinleben führen.

Zur nüchternen Realität seit 2018 gehören der Fall Skripal, in dem ein ehemaliger Oberst des GRU in Großbritannien vergiftet wurde, sowie der Mordfall Selimchan Changoschwili im Berliner Tiergraten. Beide Taten stehen im Zusammenhang mit der Geheimdienstarbeit Russlands. Als das zuständige Gericht 2021 sein Urteil im Tiergartenmord fasste, sprach es von einer Ermordung im Auftrag einer staatlichen Stelle.

In einer nun erschienen Recherchen des Spiegels, zusammen mit Bellingcat, The Insider und der italienischen La Repubblica wird die formelle und informelle Struktur der russischen Geheimdienstarbeit unter anderem in Deutschland abgebildet.

Russische Botschaft in Berlin
Die russische Botschaft in Berlin: Im Zusammenhang mit Spionage-Vorwürfen geraten auch Beschäftigte der russischen Vertretungen ins Visier © Kay Nietfeld/dpa

Spionagenetzwerk in Deutschland: Agenten treten zivil und in Amt und Würde auf

Hier kommt man zunächst mit Adele K. in Berührung. Eine Vita, die sich wie ein Drehbuch liest, steht dabei stellvertretend für die Praxis Moskaus, seine Top-Spione mit Tarnidentitäten auszustatten und weltweit operieren zu lassen. Dabei gehören nur wenige, wie sie, zur Kategorie der „Illegalen“. Schlagzeilen in Deutschland machte 2011 die Verhaftung eines Ehepaares, das in Hessen und Baden-Württemberg ansässig war. Das vermeintliche Ehepaar Andreas und Heidrun Anschlag, über ein Programm des Auslandsgeheimdienstes SWR nach Deutschland gelangt, gewann Informationen dadurch, Militärs, Geschäftsleute, Politiker und Wissenschaftler auf Veranstaltungen in Gespräche zu verwickeln. Zum Schein der bürgerlichen Identität hatte der Mann einen Job in der Autobranche.

Doch auch von russischen Amtsträgern gehen vermutlich geheimdienstliche Aktivitäten aus. Darauf lässt zumindest der in der Spiegel-Recherche beschriebene Fall von Leonid Strukow schließen, seinerzeit russischer Vizekonsul in München, nach Überzeugung deutschen Behörden SWR-Offizier. Dieser nutzte dabei Kontakte zu einem Russlanddeutschen, zu dem er informelle Kontakte aufbaute, um langfristig Informationen zur Trägerrakete Ariane 6 zu bekommen. Die Zahl der Spione, die hierzulande als Amtsträger agieren, schätzen westliche Geheimdienste auf 150 Personen. Europaweit wird die Zahl der SWR-Spione auf 3000 geschätzt.

Spionagenetzwerk in Deutschland: Große Gefahr durch Cyberkriminalität

Eine stetig wachsende Gefahr geht durch Angriffe auf den digitalen Raum aus, vor allem seit Beginn des Ukraine-Kriegs. Erst im Mai 2022 äußerte Innenministerin Nancy Faeser (SPD) gegenüber dem Handelsblatt, dass man mit Blick auf Wirtschaftsspionage durch Hacker-Angriffe „weiterhin sehr konsequent gegen russische Spionage und gegen Versuche der Einflussnahme“ vorgehen werde.

Als bisher folgenreichster Angriff auf politischer Ebene gilt der Hacker-Angriff auf den Deutschen Bundestag im Januar 2015, als Inhalte aus den abgeflossenen Daten im Bundestagswahlkampf 2017 mutmaßlich dafür genutzt werden sollten, die politische Stimmung in Deutschland zu polarisieren.

Spionagenetzwerk in Deutschland: Durch Unterstützung Kiews weiter in Moskaus Visier

Als sicher dürfte gelten, dass durch die deutsche Unterstützung der Ukraine, Deutschland auch weiterhin im Fokus russischer Geheimdienste bleiben wird. Die letzte Erkenntnis der Recherche bezieht sich auf ein tagesaktuelles Thema, denn nach Verkündung der Ausbildung ukrainischer Soldaten auf deutschem Boden wurden abgehaltenen Trainings bei Grafenwöhn und Idar-Oberstein von verdächtigen Fahrzeugen beobachtet. (nki)

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