Exil-Tschetschenen in Europa

Russland: „Blutrache“ aus Tschetschenien - Regime-Gegner werden in ganz Europa ermordet

  • Stefan Scholl
    vonStefan Scholl
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Die Angriffe auf Gegner von Tschetschenen-Chef Ramsan Kadyrow entwickeln sich zur „Blutrache“ - diese gilt als kaukasische Tradition.

  • Medien in Russland vermuten, der Chef Tschetscheniens könnte einen weiteren Kritiker seines Regimes getötet haben
  • Im Kaukasus ist es eine Tradition, mittels „Blutrache“ die eigene Ehre wiederherzustellen
  • Seit 2004 scheinen Ramsan Kadyrow und seine Killer jeden Abtrünnigen zu ermorden

Mamichan Umarow pflegte als Videoblogger einen sehr eigenen Stil: „Weißt du, von wem du abstammst? Deine Mutter ist die oberste Hure Tschetscheniens … du Nutte geboren von einer Nutte … du bist ein Teufel … du bist ein Gay, dein Vater hat dich gefickt …“

Umarow richtete seine haltlos hasserfüllten Tiraden meist gegen Ramsan Kadyrow, den Chef der russischen Kaukasusrepublik Tschetschenien. Am Samstag wurde Umarow in Gerasdorf bei Wien erschossen. Zwei Tatverdächtige wurden verhaftet, nach Angaben des Portals Kawkas Realii sind es auch Tschetschenen. Russische Medien vermuten, Kadyrow habe nun einen weiteren Kritiker seines Regimes mundtot gemacht. Aber die sich häufenden Morde an Kadyrow-Feinden wirken zunehmend wie eine außer Kontrolle geratene Blutfehde.

Russland: „Blutrache“ ist eine lange kaukasische Tradition

Umarow ist einer von vier Exil-Tschetschenen in Europa, auf die binnen eines Jahres Mordanschläge verübt wurden. Vergangenen August wurde der ehemalige Rebellenkommandeur Selimchan Changoschwili in Berlin erschossen. Anfang Februar entdeckte man in einem Hotel im französischen Lille Imran Alijew mit tödlichen Stichwunden am Hals – der Blogger hatte Kadyrow ebenfalls wüst kritisiert. Wenige Wochen später wurde in Schweden ein weiterer tschetschenischer Blogger, Tumso Abdurachmanow, von einem Mann attackiert, er konnte den Angreifer aber abwehren.

Abdurachmanow sagte später, der Tag des Mordversuchs sei auch der Geburtstag des tschetschenischen Parlamentssprechers Magomed Daudow. Dieser hatte laut der BBC Abdurachmanow tatsächlich „Blutrache“ geschworen, weil der Blogger Kadyrows Vater Achmat als Verräter bezeichnet hatte. „Blutrache“ ist eine kaukasische Tradition, die über Jahrhunderte Alltagskonflikte mangels eines von Polizei und Justiz garantierten staatlichen Gewaltmonopols regelte.

Nach dem ungeschriebenen Gesetz in den bergigen Regionen des Kaukasus, muss jeder Mann bereit sein, seine beleidigte Ehre mit Messer oder Gewehr wiederherzustellen. Wer einen Nachbarn tötet oder verletzt, ihn beraubt, seine Frau, Tochter oder Schwester anfasst oder ihn öffentlich erniedrigt, riskiert sein Leben. Teile des Adat sehen Blutrache (den Tod) vor, um den Bruch des sozialen Friedens zu verhindern.

Kaukasus in Russland: Der Koran verbietet die „Blutrache“

Gemäß den kaukasischen „Ehrgesetzen“ hatte Kadyrow allen Anlass, nach Umarows Leben zu trachten, der belegte schließlich Kadyrows Eltern mit Flüchen weit unter der Gürtellinie. „Und wenn die ganze Welt in Flammen steht“, drohte Kadyrow 2019 auch anderen Bloggern, „wir lassen keinen in Frieden, der die Ehre verletzt. Ich schwöre es beim heiligen Koran.“

Allerdings verbietet der Koran Blutrache. Und Umarow hatte Kadyrow vorgeworfen, er habe seinen Bruder töten und seine Mutter mit Füßen treten lassen. In der Logik der Tschetschenen sind das nur weitere Gründe für „Blutrache“ – Koran hin oder her. An Kadyrow selbst kommt keiner ran; er lässt sich von mehreren Bataillonen schwer bewaffneter Elitekämpfer bewachen.

Erst gemeinsam mit seinem Vater und dann nach dessen Tod bei einem Bombenanschlag 2004, baute Kadyrow in der Republik ein Familienregime auf. Killer im Sold Kadyrows ermorden offenbar seitdem jeden Abtrünnigen: die Gebrüder Jamadajew 2008 und 2009, den einen in Moskau, den anderen in Dubai, ebenfalls 2009 in Wien Kadyrows Ex-Leibwächter Umar Israilow, auch Frauen ehemaliger Kriegsgegner wie Amina Okujewa in Kiew 2017 sind Ziele.

Russland: schon Hunderte Rebellen wurden mittels Kadyrows „Blutrache“ getötet

Nach Ansicht von Menschenrechtlern wurden Hunderte frühere Rebellen, mutmaßliche Islamisten oder Homosexuelle von Kadyrows Regime verschleppt, gefoltert und getötet. Die halbe Republik stehe Schlange, um sich an ihm zu rächen, heißt es unter Tschetschenen in Moskau.

Kadyrow selbst setzt offenbar auf Blutfehden bis zum totalen Sieg. „Die Gesetze der Ehre sind degeneriert“, sagt der Kaukasus-Ethnologe Beibulet Baikulow. „Blut dürfen nur der Betroffene oder seine engsten Verwandten nehmen, aber keine Auftragskiller.“ Für den Mord an Changuschwili in Berlin macht die deutsche Staatsanwaltschaft gar Moskaus Geheimdienste verantwortlich. Übergänge, Ansichten und Methoden scheinen fließend.

Rubriklistenbild: © AFP

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