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Russland distanziert sich von Atomwaffengebrauch – zumindest vielleicht

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Von: Nadja Austel

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Russlands Außenminister Sergej Lawrow am Rande von Gesprächen mit der Ukraine und der Türkei in Antalya. Er gestikuliert und spricht.
Russlands Außenminister Sergej Lawrow verfolgt seine eigene Vorstellung von Gerechtigkeit. (Archivbild). © IMAGO/Mikhail Metzel

Wird Russland jemals taktische Nuklearwaffen einsetzen? Außenminister Sergei Lawrow äußert sich zu den Ängsten, die der Ukraine-Krieg in der Welt auslöst.

Moskau – Der Ukraine-Krieg* und angedeutete Drohungen von Wladimir Putin*, Russland* könne im Ernstfall Atomwaffen zum Einsatz bringen, lassen eine längst in Vergessenheit geratene Angst wieder aufleben* – nämlich die vor einem Dritten Weltkrieg mit nuklearen Schlägen. Eindeutige Worte darüber fallen kaum, die Bedrohung lebt von der Ungewissheit. Und das treibt die Spekulationen weiter an.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow äußerte sich im Interview mit India Today daher ungewohnt deutlich. „Wird Russland [im Ukraine-Krieg] jemals taktische Nuklearwaffen einsetzen?“, fragt ihn die Interviewerin gerade heraus. Lawrow gestikuliert abwehrend und entgegnet: „Wir haben das nie eingebracht. Er [Selenskyj] hat das eingebracht. Seine Geheimdienste müssen ihm also irgendwelche Angaben darüber gemacht haben.“ Er könne auch keinen Kommentar dazu geben, da er nicht die „geeignete Person“ dafür sei.

Ukraine-Konflikt – Russland und Putin: Zwei Meinungen, ein Ziel?

Russland vermeldete fast zeitgleich am Mittwoch (20.04.2022) den ersten erfolgreichen Test einer Sarmat-Rakete. Das neue Projektil verfügt über eine sehr große Reichweite und kann mit nuklearen Sprengköpfen ausgestattet werden. Die Waffe werde „jene, die in der Hitze der aggressiven Rhetorik versuchen, unser Land zu bedrohen, zweimal nachdenken lassen“, sagte Präsident Wladimir Putin dazu in einer Fernsehansprache.

Diese „einzigartige“ Rakete werde das Kampfpotenzial der russischen Streitkräfte stärken und „die Sicherheit Russlands vor äußeren Bedrohungen zuverlässig gewährleisten“, so Putin weiter. Sie könne „alle modernen Luftabwehrsysteme umgehen“. Bei ihrer Entwicklung seien ausschließlich Komponenten aus russischer Produktion verwendet worden.

Pentagon-Sprecher John Kirby erklärte, die US-Regierung werte den jüngsten russischen Raketentest nicht als „Bedrohung für die USA* oder ihre Verbündeten“. Moskau* habe Washington wie in internationalen Abkommen vereinbart „ordnungsgemäß“ über den Test informiert. Kirby kommentierte: „Es war keine Überraschung.“

Ukraine-Krieg: Russland dementiert Kriegsverbrechen erneut

Fast könnten die Aussagen der Regierungssprecher Lawrow und Kirby beruhigen, wären da nicht Putins Worte, die einmal mehr an Säbelrasseln denken lassen. Und auch die restlichen Punkte, die India Today mit Lawrow im Interview thematisiert, lassen eher zweifeln als entspannen. „Wir haben nur militärische Ziele angegriffen“, sagt er etwa. Das fällt jedoch nach allen Berichten über Morde an Zivilisten durch russische Einheiten*, die unabhängig geprüft wurden, recht schwer. Auch die jüngst veröffentlichten Audio-Aufnahmen russischer Soldaten* über Morde weisen bislang größere Überzeugungskraft auf als die Beteuerungen des Außenministers.

Schließlich dementiert Lawrow noch in aller Deutlichkeit, dass Russland mit dem Massaker in Butscha etwas zu schaffen gehabt hätte: „Der Ort namens Butscha, den die russischen Truppen ich glaube am 30. März verlassen haben, war für drei Tage zurück in ukrainischer Hand. Der Bürgermeister verkündete, sie seien zurück, in der Stadt gehe das Leben normal weiter. Und erst am vierten Tag zeigten sie Bilder von Dutzenden von Leichen, die auf der Straße lagen, die noch Tage zuvor als zurück im Normalzustand gezeigt wurde.“ Berichte, die solche Aussagen mit Satellitenbildern überprüften, kamen hingegen zu anderen Ergebnissen.

Was die USA dürfen, dürfen wir auch – Russlands Kriegslogik?

Lawrow geht im Interview dazu über, den Angriffskrieg gegen die Ukraine erneut zu verteidigen. Man habe die Russen in der Ukraine beschützen wollen. Doch schließlich entfährt ihm ein Satz, der möglicherweise das eigentliche Gegenargument sein könnte: „Das amerikanische Militär hatte nie Skrupel, wenn [die USA] ihre militärischen Ziele verfolgten, sei es in Syrien, sei es im Irak, sei es in Afghanistan.“ Und weiter: „Es ist eine Tragödie, wenn Menschen sterben. Aber wir können keine Situation tolerieren, in der unsere Kollegen im Westen sagen: ‚Wir können alles machen, was wir wollen!‘“

Das hieße dann wohl im Umkehrschluss: Wenn die USA alles machen dürfen, dann machen wir auch alles, was wir wollen! Sollte das tatsächlich die Logik sein? Letzten Endes werden die Spekulationen weiter gehen, bis der Krieg endlich Geschichte ist. Solange wird Russland den Westen vermutlich mit vagen Aussagen in Alarmbereitschaft halten, um sich in einer vorteilhaften Verhandlungsposition zu wähnen. (na) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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