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Antisemitismus in Russland: Das lebensgefährliche Paradoxon

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Von: Peter Rutkowski

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Noch glänzt der Davidstern an der Spitze einer Synagogenkuppel in Moskau.
Noch glänzt der Davidstern an der Spitze einer Synagogenkuppel in Moskau. © AFP

Jüdisches Leben gibt es in Russland seit jeher. Trotzdem bleiben Jüdinnen und Juden dort nur Fremde. Denn die antisemitische Tradition des Landes ist stark. Eine Analyse.

Als der Rabbiner Max Lilienthal sah, was da kommen würde, nahm er die Beine in die Hand und flüchtete so schnell es nur ging aus dem Reich von Zar Nikolaus I. Lilienthal, Direktor der Jüdischen Schule in Riga, hatte von den zaristischen Behörden Mitte der 1840er Jahre die Order erhalten, in dem riesigen Ghetto „Ansiedlungsrayon“ zwischen Ostsee und Schwarzem Meer zu erkunden, wie sich eine Bildungsreform durchsetzen ließe. Lilienthal entlarvte das Vorhaben bald als Versuch, jüdische Kinder von der Talmud-Lehre hin zur Bibel zu zwingen. Also tat Lilienthal, was jeder vernünftige Mensch in der Lage tun würde.

Das ist nur eine kleine – eher glimpfliche – Episode aus der seit den Tagen der Kiewer Rus (um das Jahr 900) bis heute fortwährenden Leidensgeschichte des jüdischen Volkes in den verschiedenen Russlands. Aber ihre Ähnlichkeit zu der präventiven Emigration von Moskaus Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt 2022 ist frappant – allerdings nicht so frappant wegen der aggressiven Atmosphäre, die beide Gelehrten hat das Weite suchen lassen. Bemerkenswert ist, dass die zwei Fluchten rund 180 Jahre klammern, in denen sich - so scheint es - nichts für jüdische Gläubige in Russland geändert hat.

In der Geschichte Russlands mussten Jüdinnen und Juden immer wieder den Sündenbock geben

Dabei hat sich viel geändert. Manchmal scheinbar zum Guten, sehr oft sehr offensichtlich zum Schlechten. Die historische Kontinuität des russischen Antisemitismus ist es auch, die jetzt viele Forscherinnen und Forscher aus historischen Fakultäten zu Warnrufen nötigt: Die Verschwörungsfantasien eines Alexander Dugin (dessen Tochter und propagandistische Kollegin diese Woche einem Sprengstoffanschlag zum Opfer fiel) von einem ewigen jungfräulich reinen und unschuldigen Russland, das der dekadente Westen zu missbrauchen trachte, machen einen Sündenbock zwingend notwendig. Und in der Geschichte Russlands mussten Jüdinnen und Juden immer wieder den Sündenbock geben. Dieses Mal braucht es eine kriminell vereinfachende „alternative“ Wahrheit, wonach Russlands Isolation und das mangelnde Kriegsglück bei seiner „militärischen Spezialoperation“ die alleinige Schuld des Westens sei.

Die Dekadenz des immer schuldigen Westens übersetzt sich für Dugin und seinesgleichen in die Eigenschaften: jüdisch, nazistisch, homosexuell und kapitalistisch. Juden sind schuldig, die Nazis haben uns überfallen – also schuldig, die Homosexuellen wollen uns entmannen (und europäisieren) – also schuldig, die Kapitalisten sind Juden und wollen Russland versklaven wie vor 1917 – schuldig, schuldig, schuldig.

Das klingt grotesk? Ist es faktisch auch. Aber Dugin ist nur einer der prä- und post-sowjetischen Ideologen, die darauf bestehen: „Wir haben unsere russische Wahrheit.“ Dass die für den Rest der Welt grotesk wirkt, beweist diesen „Denkern“, wie weltumspannend die anti-russische jüdische Weltverschwörung angeblich ist.

„Die Protokolle der Weisen von Zion“: Lügenwerk wohl durch russische Antisemiten verbreitet

Hier muss man kurz innehalten und daran erinnern, dass viele andere Staaten ihren eigenen Antisemitismus entwickelt haben, der den russischen zur Genese gar nicht gebraucht hat. Allerdings beziehen sich sehr viele von ihnen auf das Lügenwerk „Die Protokolle der Weisen von Zion“. Und dessen weltweite Verbreitung verdankt sich mit größter Wahrscheinlichkeit russischer Antisemiten. Die Forschung streitet sich noch darüber, ob die Autoren Rechtsradikale aus St. Petersburg um 1903 waren oder die Vertreter der zaristischen Geheimpolizei Ochrana im Paris der Dreyfus-Affäre, die mit der wilden Fiktion einer von jüdischen Gelehrten betriebenen Weltverschwörung Zar Nikolaus II. gegen liberale Bestrebungen in dessen Reich aufbringen wollten. Egal, wer es verfasst hat, das krude Machwerk ist längst ein Welt-Bestseller und für viele seiner Leserinnen und Leser ein wortwörtlich zu nehmendes Sachbuch.

In der internationalistischen, linken Weltsicht haben die zaristische Unterdrückung, Pogrome seiner Kosaken in den Schtetln des „Ansiedlungsrayon“ und dekadente antisemitische Adelige Russlands jüdische Intelligentsja zur Revolution motiviert. Gerne wird dann auf jüdische Bolschewiken wie Leo Trotzki verwiesen, um der kommunistischen Gewaltherrschaft mal ein idealistisches Opfer-Deckmäntelchen überzuwerfen, mal sie als Teil der angeblichen jüdischen Weltverschwörung zu entlarven. In den Russischen Bürgerkriegen 1917 bis 1924 fanden sich denn auch jüdische Kämpfer auf allen Seiten, bei den russischen Roten, den angeblich monarchistischen Weißen, den anarchistischen Schwarzen und in unzähligen nationalen Armeen oder regionalen Milizen. Und Weiße wie Rote verübten Pogrome in blutiger Kontinuität der Zarenzeit.

In Stalins Russland hielten die jüdischen Gemeinden dann mal als Reservoirs der systemkonformen Intelligentsja her, mal als potenzielle Agentennester des Zionismus, also des westlichen Kapitals in Form der USA. Wladimir Putin geht nun gegen Israels Auswanderungsbehörde Jewish Agency in der Konsequenz antisemitischer Propaganda wie der isolationsbedingten Suche nach neuen arabischen (anti-israelischen) Verbündeten vor. Gleichzeitig ist aber zu vermuten, dass er dem „Brain Drain“, dem Verlust von Fachwissen, einen Riegel vorschieben will. In jedem Fall ist jeder Disput ein gefundenes Fressen für Russlands Antisemit:innen. Noch sind durch Putins Hand „nur“ ukrainische Juden ums Leben gekommen (auch Holocaust-Überlebende). Die Menschen jüdischen Glaubens in Russland tun gut daran, so wie Max Lilienthal zu handeln. (Peter Rutkowski)

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