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Russischer Teilabzug: Skepsis in London

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Von: Sebastian Borger

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Großbritanniens Premier Boris Johnson wählt warnende Worte. afp
Großbritanniens Premier Boris Johnson wählt warnende Worte. afp © AFP

Das britische Strategieinstitut IISS sieht die militärische Lage der Ukraine wenig hoffnungsvoll.

Einer möglichen Invasion durch russische Truppen hätte die Ukraine nach Ansicht des Londoner Strategieinstituts IISS militärisch wenig entgegenzusetzen. Zum einen müssten sich Kiews Streitkräfte auf eine Aggression aus drei Himmelsrichtungen gefasst machen. Zum anderen profitiere die russische Armee von ihrem „sehr erfolgreichen Einsatz in Syrien: Da haben sie viel über moderne Kriegführung gelernt“, glaubt der frühere Brigadegeneral Ben Barry.

Wie realistisch der angebliche Abzug kampfbereiter Einheiten von der ukrainischen Grenze sei, wo Moskau mehr als 130 000 Soldaten zusammengezogen hat, lasse sich erst in einigen Tagen entscheiden: „Die Bedrohung verändert sich erst, wenn zwei Drittel aller Truppenteile verschwunden sind“, sagte Barry am Dienstag.

Wie bei den Fachleuten bleibt auch in der Regierung sowie im Parlament die Skepsis gegenüber Verlautbarungen aus Moskau groß. Man habe es mit „unterschiedlichen Signalen“ zu tun, berichtete Premier Boris Johnson nach einer Sitzung des Krisenstabs Cobra. So melde der Geheimdienst nicht nur die Heranführung frischer Bataillone in die Krisenregion; auch seien russische Ingenieure mit dem Aufbau eines Feldhospitals in Belarus beschäftigt. „Das ist nicht ermutigend“, sagte Johnson der BBC.

„Ob es wirklich dazu kommt? Das weiß allein Wladimir Putin“

Ganz offen wird in London über die diversen Invasionsmöglichkeiten durch Russland diskutiert. Der konservative Regierungschef nannte die direkte Attacke auf die Hauptstadt Kiew von Belarus aus, die Einkesselung ukrainischer Truppenteile im Donbass sowie die Eroberung der Schwarzmeer-Metropole Odessa durch eine amphibische Landeoperation. Zu dem neuerdings kolportierten Angriffszeitpunkt um 1 Uhr in der Nacht zum Mittwoch mochte Johnson nicht Stellung nehmen.

Unter Fachleuten heißt es aber stets, Russland habe genug einsatzbereite Einheiten zur Verfügung, um praktisch jederzeit losschlagen zu können. „Ob es wirklich dazu kommt? Das weiß allein Wladimir Putin“, analysiert der konservative Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Unterhaus, Tom Tugendhat. Dass Moskau alle Invasionsabsichten stets geleugnet hat, hält der frühere Soldat für irrelevant: „Die haben dauernd gelogen und lügen weiterhin.“ Eleganter formulierte diese Ansicht bei der Vorstellung des Jahrbuchs „Military Balance“ IISS-Direktor John Chipman: „Vor dem Einfall in die Ukraine 2014 wurde auch immer alles geleugnet.“

Russland hat seine Streitkräfte stets modernisiert

Als Lehre aus den damaligen Ereignissen sowie der „armseligen Vorstellung“, im Krieg gegen Georgien 2008 habe Russland in den vergangenen Jahren systematisch seine Streitkräfte modernisiert, berichtete „Military Balance“-Herausgeber James Hackett. Allerdings würden die Ausgaben für den Militärhaushalt von zuletzt 3,8 Prozent bis 2024 auf 3,5 Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts BIP fallen. Eine dauerhafte Besetzung der Ukraine sei wegen der hohen Kosten unwahrscheinlich: „Russland hat sich militärische Optionen verschafft, muss diese aber nicht wahrnehmen“, erläuterte Hackett.

Für den Pessimismus in rein militärischer Hinsicht führt Ex-General Barry die Erfahrungen der Streitkräfte beider Seiten in den vergangenen Jahren ins Feld. Die Ukraine habe 2014 eine Niederlage erlitten; seither schwele der Krieg im Osten des Landes im Stil des Grabenkriegs im Ersten Weltkrieg. Hingegen habe Russland im syrischen Bürgerkrieg nicht nur das politische Ziel, nämlich den Machterhalt für den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, erreicht. Die russischen Streitkräfte hätten den Einsatz auch systematisch zur Ausbildung ihrer Einheiten und Offiziere sowie für die Erprobung besserer Zusammenarbeit der diversen Waffengattungen genutzt, berichtet Barry.

Wie unter seiner Vorgängerin Theresa May hat sich London auch unter Boris Johnson klar zugunsten der Ukraine positioniert. Dazu zählen Waffenlieferungen für Kiew, öffentliche Beschuldigungen gegen pro-russische Politiker, diese planten ein Marionettenregime, sowie die Stationierung von weit mehr als 1000 Soldaten im Baltikum. Über Parteigrenzen hinweg wird Russland unter dem früheren Geheimdienst-Agenten Putin als feindseliger Staat wahrgenommen wie die Sowjetunion im Kalten Krieg.

Allerdings hätten die Akteure im Moskauer Außenministerium heute, anders als zu Zeiten des langjährigen sowjetischen Außenministers Andrei Gromyko, keinen politischen Einfluss mehr, analysiert Parlamentarier Tugendhat: „Deren Rolle gleicht heute einem bellenden Hund vor dem Haus eines Mafia-Bosses.“

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