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Ukraine: Russischer Rückzug offenbart neue Anzeichen für Gräueltaten

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Von: Lukas Zigo

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In der Region Cherson wiederholt sich das beobachtete Muster: Nach dem Rückzug russische Streitkräfte gibt es Hinweise auf mögliche Kriegsverbrechen.

Pravdyne – Mit dem Rückzug der russischen Truppen vor Kiew wurden die ersten Massengräber und Hinweise auf Kriegsverbrechen in Orten wie Butcha bekannt. Nun, da sich die Truppen Moskaus unter anderem auch in der Region Cherson zurückgezogen haben, wurden auch dort ähnliche Funde gemacht. In der Region Pravdyne, nahe Cherson, wurden unter den Augen schockierter Dorfbewohner sechs Männer am Rande eines Gemeinschaftsgrabes exhumiert.

Ukraine-Krieg - Charkiw
Ein Ermittler, der ein T-Shirt trägt mit der Aufschrift „War Crime prosecutor Kharkiv“ (Staatsanwalt für Kriegsverbrechen Charkiw), geht auf einem Grundstück, das bei Kämpfen verwüstet wurde. © Carol Guzy/dpa

„Sie waren Ukrainer“, sagte Kostiantyn Podoliak, ein Staatsanwalt, der gekommen war, um den Fall zu untersuchen, gegenüber dem Journalisten Jeffrey Gettleman, der für die New York Times vor Ort ist. Und deshalb lägen ihre Überreste jetzt in einem flachen Grab.

Ukraine-Krieg – Chersons Regionalratsvorsitzender: „Sie versuchen, uns zu terrorisieren“

Cherson und die umliegenden Dörfer in der Südukraine wurden nach acht Monaten Besatzung befreit, als die russischen Streitkräfte vor mehr als zwei Wochen abrupt abzogen. Doch die Freude über die Befreiung wich bei der Bevölkerung schnell der Erkenntnis darüber, was unter der Besatzung geschah. Auf ihrem Weg zurück sprengten die russischen Truppen Kraftwerke, legten Strom, Wasser, Heizung und Telefone lahm und ließen die Bevölkerung im vergangenen Jahrhundert zurück.

Ukrainischen Angaben zufolge würden sich entlang des Flussufers von Cherson russische Scharfschützen verstecken und auf Zivilisten schießen. „Sie versuchen, uns zu terrorisieren“, sagte Oleksandr Samoylenko, ein Politiker und Vorsitzender des Regionalrats von Cherson. „Und solange wir das Gebiet um Cherson nicht befreit haben, wird Cherson selbst nicht wirklich befreit sein.“

Ukraine-Krieg: Hinweis eines Journalisten führte zu Ermittlungen

Wie fast alle ukrainisch besetzten Städte und Dörfer in der Nähe von Cherson, habe auch Pravdyne – Vorkriegspopulation nach Angaben des Ortsvorstehers 1.222 Einwohner – weder Strom noch fließendes Wasser.

Anfang November begannen die Russen mit dem Rückzug. Einige Tage später seien ukrainische Truppen eingerückt. Kriegsverbrechensermittler, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und andere folgten bald darauf. Der Hinweis eines Journalisten, der mit Dorfbewohnern gesprochen hatte, führte die Ermittler am Montag zu dem Gemeinschaftsgrab. Die Ermittler entfernten die Leichen, um die Todesursache zu analysieren und zu versuchen, die Beweise für die Verfolgung der russischen Streitkräfte wegen Kriegsverbrechen zu verwenden.

Dörfer wie Pravdyne gibt es in der Ukraine viele und die Aufarbeitung der Besatzungszeit wird noch Jahre in Anspruch nehmen – das Verarbeiten ungleich länger. (lz)

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