Zweifel an Forschungsdaten

Corona-Impfstoff „Sputnik V“: Hat Russland die Ergebnisse gefälscht?

  • vonMirko Schmid
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Nachdem Russland den ersten Corona-Impfstoff zugelassen hat, mehren sich die Zweifel an den Forschungsdaten. Selbst eine Photoshop-Manipulation steht im Raum. 

  • Der russische Corona-Impfstoff „Sputnik V" basiert auf abgeschwächten Adenoviren.
  • Im Zuge der Eilzulassung Anfang August wurde die finale Sicherheitsprüfung des Impfstoffs trotz internationaler Kritik ausgelassen.
  • Nun mehren sich Anzeichen von Manipulationen in der Forschung. Trotzdem soll in Russland bereits im Dezember die erste Massen-Immunisierung stattfinden.

Russland - Der russische Präsident Wladimir Putin ist stolz. Ist sein Russland doch der erste Staat, der einen Impfstoff gegen das Corona-Virus zugelassen hat. Der „Sputnik V“ genannte Impfstoff bilde eine beständige Immunität, verkündete der starke Mann Russlands. Der Name ist kein Zufall. Im Jahr 1957 brachte die damalige Sowjetunion mit „Sputnik“ den ersten Satelliten in die Erdumlaufbahn. Damals war die Sowjetunion allen anderen Nationen voraus. Es fällt nicht schwer zu vermuten, worin der große Ehrgeiz der russischen Führung begründet liegt, auch jetzt wieder weltweit Erster zu sein.

Corona-Impfstoff „Sputnik V“ ein halbes Jahr früher zugelassen, als es westliche Forscher für möglich hielten

Impfstoff „Sputnik V“: Forschungsdaten gefälscht?

Nun mehren sich Anzeichen, dass die politisch-wissenschaftliche Kraftmeierei auf Grundlage von manipulierten Ergebnissen umgesetzt wurde. Im Zuge der Eilzulassung wurden geltende Kriterien vernachlässigt, die grundsätzlich notwendige Phase-III-Studie, eine Testreihe mit vielen tausend Probanden, hat vor der Zulassung nicht stattgefunden. Somit wurde Zeit gespart, um als weltweit erste Nation mit einem vermeintlichen Durchbruch vorpreschen zu können.

Westliche Experten zeigen sich irritiert. Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) ging bisher davon aus, dass ein Impfstoff frühestens Ende 2020, eher Anfang 2021 zugelassen werden könnte. Die deutsche Impfstoffzulassungsbehörde hatte im August 2020 die erste klinische Prüfung eines COVID-19-Impfstoffs in Deutschland genehmigt. Dabei handelt es sich um einen in Mainz hergestellten RNA-Impfstoff, der im genehmigten ersten Teil der klinischen Prüfung an 200 gesunden Probanden getestet wurde. „Insbesondere die klinischen Prüfungen erfordern Zeit, um die Sicherheit (Verträglichkeit) und Wirksamkeit jedes Impfstoffprodukts gründlich zu analysieren“, heißt es auf der Internetseite des Instituts.

Corona-Impfstoff „Sputnik V“: Russland überspringt Test-Phasen

Schon als die russischen Wissenschaftler Anfang September ihre Ergebnisse im Fachmagazin „Lancet“ vorgelegt hatten, gab es teils heftige Kritik aus den Reihen der Forschung. In einem offenen Brief an „Lancet" wenden sich knapp 40 Expertinnen und Experten an das Magazin und stellen die Ergebnisse der russischen Studie infrage. Die Herkunft der Experten reicht von den USA über Kanada und Europa bis nach Russland selbst - Prof. Maxim Trushin von der Universität Kazan gehört zu den Unterzeichnenden.

Darin machen die Forscherinnen, Forscher, Medizinerinnen und Mediziner deutlich, dass die Ergebnisse ein Zahlenmuster aufweisen, das statistisch höchst unwahrscheinlich zu erreichen ist. Zu viele Probanden hatten an verschiedenen Tagen den exakt selben Antikörperspiegel. Auch sei der Wert der COVID-19 bekämpfenden T-Zellen identisch, obwohl die Probandinnen und Probanden unterschiedliche Verabreichungen des Impfstoffs erhalten hatten.

Corona-Impfstoff aus Russland: „Als ob Sie würfeln und mehrmals genau dieselbe Zahlenfolge erhalten“

In einem Bericht der Moscow Times spricht der italienische Molekularbiologe Enrico Bucci davon, dass solche Zahlen dermaßen unwahrscheinlich seien, dass eine Manipulation nahe liegt. „Die Daten enthalten sehr seltsame Muster“, so Bucci, Biologieprofessor an der Temple University in den USA. „Unter den verschiedenen Gruppen von jeweils neun Patienten, die völlig unterschiedliche Dinge testen, ergeben sich hier genau die gleichen Zahlen. Es ist höchst unwahrscheinlich, so viele Duplikate zu beobachten“, führt Bucci weiter aus. „Es ist so, als würde man einen Würfel werfen und mehrmals genau dieselbe Zahlenfolge erhalten - das ist höchst unwahrscheinlich.“

Andrea Cossarizza, Professor für Pathologie und Immunologie an der Universität von Modena und ebenfalls einer der Unterzeichner des offenen Briefes stellt die Ergebnisse ebenfalls infrage: „Die Daten scheinen mit Photoshop bearbeitet worden zu sein. Sie sind aus statistischer Sicht zu ähnlich und zu unwahrscheinlich.“ Cossarizza ergänzt, dass es „sehr seltsam“ sei, wenn in allen möglichen Experimenten in verschiedenen Populationen von Menschen, die einen Impfstoff erhalten haben, die gleichen Zahlen auftreten würden.

Corona-Impfstoff: Experten fordern die Veröffentlichung von Rohdaten der russischen Wissenschaftler

Molekularbiologe Bucci stellt klar, dass die russischen Forschungsergebnisse die einzigen der derzeit laufenden Studien seien, welche derartige Duplikationen zeigten: „Wir haben uns die Studien der Impfstoffe angeschaut, die derzeit in China, den USA oder Oxford getestet werden. Wir haben nichts Seltsames gefunden. Das ist die übliche Situation.“

Aus diesem Grund fordern die Unterzeichner ihre russischen Kollegen jetzt auf, die Rohdaten ihrer im „Lancet" veröffentlichten Studie offenzulegen. Immunologe Cossarizza zufolge seien die Ergebnisse ein so klarer Fehler, dass es ihn überrasche, dass diese vor der Veröffentlichung nicht markiert wurden. „Es könnte ein Fehler sein“, so Cossarizza. Er fügt jedoch hinzu, dass in zahlreichen anderen Fällen, in denen ein Fehler in ähnlichem Ausmaß in einem wissenschaftlichen Artikel veröffentlicht wurde, Manipulation im Spiel war.

Trotz wackliger Forschungsergebnisse: Massen-Impfung mit „Sputnik V" für Dezember geplant

Obwohl der offene Brief der vergleichsweise großen Menge von anerkannten Experten für Schlagzeilen sorgt, sieht sich Russland weiterhin im Recht. Nachdem sich bereits mehrere bekannte und hochrangige Politiker sowie eine der Töchter Vladimir Putins persönlich öffentlichkeitswirksam haben immunisieren lassen, ist die erste Massen-Immunisierung in Russland für Dezember geplant. Zunächst sollen Menschen in systemrelevanten Berufen versorgt werden. Lehrerinnen und Lehrer, Ärztinnen und Ärzte, Pflegepersonal also. An ihnen wird sich zeigen, ob es eine gute Idee war, den Impfstoff ohne eine angemessene Studie mit genug Probanden zuzulassen. Und ob Wladimir Putin weiter stolz sein kann. (Von Mirko Schmid)

Rubriklistenbild: © Ralf Hirschberger/dpa

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