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Malische Soldaten bei der Ausbildung durch französische Marine-Kommandos für die multinationale Anti-Terror-Kampagne „Takuba“.
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Malische Soldaten bei der Ausbildung durch französische Marine-Kommandos für die multinationale Anti-Terror-Kampagne „Takuba“.

Westafrika

Vom Westen alleingelassen? Mali holt sich Hilfe aus Russland

  • Johannes Dieterich
    VonJohannes Dieterich
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Der Truppenabzug aus Mali könnte dieselben Auswirkungen haben wie in Afghanistan. Der Krisenstaat holt sich jetzt Hilfe aus Russland.

Bamako – Sie sind da. Zumindest die Ersten von ihnen. Eingetroffen mit einer russischen Transportmaschine aus Libyen, wo sie bisher im Einsatz waren. Einige sind schon in der legendären Wüstenstadt Timbuktu stationiert, bestätigte Malis Armee-Sprecher am Donnerstag: Zuvor hatte die Regierung des westafrikanischen Staats ihre Anwesenheit beharrlich dementiert.

Die Rede ist von den Kämpfern der Wagner-Truppe, der berüchtigten russischen Söldner-Einheit, die – wo immer sie auch auftaucht – für negative Schlagzeilen sorgt. Im ukrainischen Donbass, in Syrien, immer öfters auch in Afrika, in Mosambik, im Sudan, der Zentralafrikanischen Republik und jetzt auch in Mali.

Schon vor ihrer Ankunft in dem Unruhestaat haben die käuflichen Legionäre für Aufregung gesorgt: Frankreichs Verteidigungsministerin Florence Parly warf Malis Militärregime vor, mit der Einladung der Söldnertruppe „im Blut französischer Soldaten“ zu trampeln. Malis Premierminister Choguel Maïga konterte: Frankreich wolle seine ehemalige Kolonie wie die USA kürzlich Afghanistan im Stich lassen – hilflos den Klauen islamistischer Extremisten ausgeliefert. Sie hatten das Land vor zehn Jahren bereits zur Hälfte besetzt. Indessen sucht Oberst Assimi Goïta seine durch einen Putsch an sich gerissene Macht gegen den Willen des westafrikanischen Staatenbundes Ecowas auf fünf Jahre auszudehnen. Und mitten in dem Schlamassel sitzen fast eintausend Bundeswehrsoldat:innen: Ob sie wissen, was sich um sie herum zusammenbraut?

Tödlichsten Mission der UN – Jetzt kommen Truppen aus Russland nach Mali

Ausgelöst wurde die jüngste Krise der Staatsruine durch den Militärputsch im August 2020 und die spätere Ankündigung der französischen Regierung, ihre Truppenpräsenz in der Sahelzone von mehr als 5000 Soldatinnen und Soldaten um fast die Hälfte zu verringern. Der Coup und der französische Teilabzug hatten einen gemeinsamen Hintergrund: die Unfähigkeit der im Jahr 2013 gewählten Regierung Ibrahim Boubacar Keïtas sowie der französischen Schutztruppe und den 11.000 Blauhelmen der UN-Mission Minusma, dem Ansturm der Dschihadisten in dem gut 20 Millionen Menschen zählenden Staat Herr zu werden.

Statt die Umtriebe der Extremisten seit deren Vertreibung aus dem Norden Malis im Jahr 2013 zu stoppen, vermochten die Dschihadisten diese noch deutlich zu steigern und ihren Wirkungsbereich auch auf die Nachbarstaaten Burkina-Faso und den Niger auszuweiten: Jährlich stieg die Zahl der „Terror“-Anschläge an, zwischen 2017 und 2021 versiebenfachte sich ihre Zahl. „Ich glaube nicht, dass wir das Problem in den nächsten zehn oder 15 Jahren in den Griff bekommen“, räumte Frankreichs Generalstabschef François Lecointre kleinlaut ein, „falls überhaupt“.

Nach der überraschend schnellen Vertreibung aus ihrem Kalifat in Malis Norden gelang es den verschiedenen Extremistengruppen, die sich teils mit dem Islamischen Staat, teils mit Al-Kaida im Maghreb (Aqim) verbündet hatten, aus ihren Verstecken in der Sahara und den Weiten der Sahelzone zurückzuschlagen: Frankreich verlor 52 Soldaten, Minusma entwickelte sich mit mehr als 200 Toten (darunter auch zwei Bundeswehrsoldaten) zur tödlichsten Mission der UN, die malischen Streitkräfte sollen weit über 800 Uniformierte verloren haben.

Krisenstaat Mali holt sich Hilfe aus Russland – Zwei Coups in einem Jahr

Immer lauter wurden die Klagen der malischen Bevölkerung gegenüber der französischen Schutzmacht, die sie einst begeistert willkommen hieß: Sie werfen ihr nicht nur Versagen, sondern sogar Unterstützung der Dschihadisten vor. Ihre Präsenz soll den Islamisten immer neue Rekruten in die Hände treiben, ihre Luftschläge treffen immer wieder die Falschen. Schon vor zwei Jahren kam es zu Massenprotesten in der Hauptstadt Bamako, die außer der glücklosen Regierung Keïtas auch der ehemaligen Kolonialmacht galten: Der Aufstand wurde von einem ersten Coup des Obristen Goïta beendet.

Das Problem war damit nicht gelöst. Auch Goïtas Mannen ziehen im Kampf gegen die Extremisten ständig den Kürzeren und lassen ihren Frust an der Bevölkerung aus. Ihr Training durch europäische Militärs – darunter auch der Bundeswehr – machte sie offensichtlich weder zu erfolgreicheren Kämpfern noch zu besseren Bürgern. Ihre Bilanz: ein Massaker nach dem anderen, gleich zwei Coups innerhalb eines Jahres.

Mali: Truppen aus Russland sollen zweites Afghanistan verhindern

Irgendwann war Emmanuel Macrons Geduld zu Ende. Mitte vergangenen Jahres gab der französische Präsident die Truppenreduzierung der „Barkhane“ genannten Mission bekannt: Andere europäische Staaten sollten das entstandene Loch etwa mit der Task Force „Takuba“ (der Säbel) füllen. Allerdings: Außer Estland und Tschechien zieren sich die meisten Länder – auch die Bundeswehr: Sie bräuchte für einen derartigen Kampfeinsatz auch ein neues Mandat.

Und nun sind die Russen da. Moskau unterhalte zu Mali schon seit dessen Unabhängigkeit 1960 gute Beziehungen, heißt es: Sowohl Premierminister Maïga wie der Verteidigungsminister haben in der Sowjetunion studiert. Dass die Söldner, die auf 500 Mann aufwachsen und den malischen Staat monatlich zehn Millionen US-Dollar kosten sollen, besser mit den Dschihadisten fertig werden, als die zehnfache Zahl an Fremdenlegionären, glaubt wohl auch Oberst Goïta nicht. Eher wolle er damit ein zweites Afghanistan, den Totalabzug der Franzosen und deren europäischer Verbündeten verhindern, sagen Kenner des Landes. Der riskante Schuss des Putschistenführers droht allerdings nach hinten loszugehen: Derzeit wird sowohl in Paris wie in Berlin eben jener Totalabzug erwogen. (Johannes Dietrich)

Landeskunde:

Mali ist wie viele afrikanische Staaten als nationales Gebilde problematisch: Es besteht aus einem Savanne-dominierten Süden, durch den die Flüsse Senegal und Niger fließen, und aus dem kargen saharischen Norden, der vornehmlich zum Wanderangstgebiet der staatenlosen Tuareg zählt.

Die Aufteilung des westafrikanischen „Französischen Sudans“ im Zuge der Dekolonisierung und die 1960er Spaltung der gerade erst 1958 gegründeten „Sudanesischen Republik“ in den Senegal und Mali (benannt nach früheren westafrikanischen Königreichen) tat nichts zur Herausbildung eines Nationalbewusstseins. Nach acht Jahren des Niedergangs putschte sich 1968 Malis Militär erstmals an die Macht. Seitdem sind die einzigen Konstanten in dem Land die Korruption, Brutalität und Kleptokratie der Militärs, die sich grundsätzlich als pro-französisch identifizieren.

Gold ist das hauptsächliche Exportgut Malis. Das Land ist der drittgrößte Goldproduzent hinter Südafrika und Ghana. Das ändert nichts daran, dass Mali fast unverrückbar auf Platz 11 der Weltarmutsliste steht. Gut die Hälfte der Bevölkerung von 19 Millionen lebt unterhalb der Armutsgrenze.

80 Prozent der arbeitenden Bevölkerung Malis kommt im Agrarsektor unter. Dort allerdings ist Saisonarbeit Standard, was zu struktureller Armut führt. Seit dem weltweiten Niedergang der Baumwollpreise exportiert Mali auch nicht mehr so viel seines zweitwichtigsten Handelsgutes.

Größte Stadt Malis ist die Kapitale Bamako am Ufer des Niger mit mehr als einer Million Menschen. Die bekannteste und kulturell wichtigste Stadt ist Timbuktu im Norden. Dies war einst eine der – wenn nicht die wichtigste Gelehrtenstadt des nördlichen Afrika. Islamisten haben vor einigen Jahren erfolglos versucht, das dort gesammelte Wissen zu zerstören.

Die Bevölkerung rettete unzählige, unschätzbar wichtige Dokumente. Sklaverei existiert noch heute. Rund 200.000 Personen werden als „Besitz“ ihrer „Herren“ geführt. Obwohl die Sklaverei verfassungsgemäß verboten ist, werden die Nachfahren von Sklavinnen vor allem in Malis Norden weiter unterdrückt. (rut)

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