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Russische Kriegslogistik geschwächt

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Von: Viktor Funk

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Ukrainische Soldaten stehen auf einem zerstörten russischen Panzer in einem zurückeroberten Gebiet nahe der Grenze zu Russland in der Region Charkiw.
Ukrainische Soldaten stehen auf einem zerstörten russischen Panzer in einem zurückeroberten Gebiet nahe der Grenze zu Russland in der Region Charkiw. © Leo Correa/dpa

Die Ukraine erobert einen wichtigen Verkehrsknotenpunkt. Unterdessen lässt der Kreml zivile Ziele mit Raketen beschießen.

Kupjansk ist eine kleine Stadt in der Ostukraine mit gerade einmal 30 000 Einwohner:innen in der Vorkriegszeit. Umgekehrt proportional zu ihrer Größe ist ihre Bedeutung für die Logistik der russischen Besatzer: Kupjansk ist ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt – und seit wenigen Tagen nun weitgehend wieder unter der ukrainischen Kontrolle.

Die russische Armee verliert einmal mehr einen strategisch wichtigen Ort und wird damit entscheidend geschwächt. In den Telegram-Kanälen russischer Nationalisten, wie etwa Igor Girkin, selbst Befehlshaber von pro-russischen Kräften 2015 im Donbass, breitet sich Pessimismus und Wut über die Fehler der russischen Truppen aus.

Für Verwunderung sorgen bei Girkin und anderen, wie etwa auf dem Telegram-Kanal „Zapiski Veterana“ (Notizen eines Veterans), dass die russischen Truppen bei ihrem Rückzug funktionierende Technik und große Munitionsdepots zurücklassen. Die ukrainische Armee profitiert davon.

Logistik sei eines der Hauptprobleme der russischen Streitkräfte in diesem Krieg – diese Analyse hat unter anderem der israelische Militäranalyst Igal Levin schon vor Monaten geliefert. Neben den unzureichenden Transportmöglichkeiten – schwere Fahrzeuge für schweres Gerät sind kaum vorhanden – fehle es vor allem an Personal, das die Logistik organisieren könne. Alles dauere sehr lange, so Levin.

Diese Schwäche kann die ukrainische Armee ausnutzen und zugleich selbst im selben Bereich Überlegenheit demonstrieren. Der Leiter des Sonderstabs Ukraine im Verteidigungsministerium, Brigadegeneral Christian Freuding, verweist darauf, dass es der Ukraine nicht nur gelungen sei, ihre Kräfte unbemerkt an die Frontlinie heranzuführen und eine Überlegenheit von vier zu eins aufzubauen, sondern auch mit westlichen Artilleriesystemen die russische Armee unter Druck zu setzen. „Sie haben einen entscheidenden Anteil an dieser Offensive, aber nicht den ausschlaggebenden, den haben die ukrainischen Soldaten.“

Kämpfe im Osten der Ukraine.
Kämpfe im Osten der Ukraine. © FR-Grafik

Freuding sagte im Youtube-Kanal der Bundeswehr zudem, dass die durch die Ukraine erbeuteten russischen Waffen nach Einschätzung eines Verteidigungsministers eines Nato-Staates zu der „größten Schenkung“ an Waffentechnik für ukrainische Truppen seit Beginn des Krieges zähle.

Parallel zum fluchtartigen Rückzug setzt die russische Armeeführung auf Langstreckenraketen und die Zerstörung ukrainischer ziviler Infrastruktur. Der britische Geheimdienste verzeichnete für die vergangenen sieben Tage eine Zunahmen solcher Attacken. Dazu zähle etwa der Angriff auf einen Staudamm in der zentralukrainischen Industriestadt Krywyj Rih, hieß es am Sonntag im täglichen Bericht des britischen Verteidigungsministeriums. Diese Ziele böten keinen unmittelbaren militärischen Gewinn.

Es sei wahrscheinlich, dass Moskau angesichts der Rückschläge an der Frontlinie weiter verstärkt auf solche Angriffe setze, um die Moral des ukrainischen Volkes und seiner Regierung zu unterminieren, berichtet die deutsche Presseagentur mit Bezug auf den Report des britischen Verteidigungsministeriums.

„Freiwillige“ Mobilisierung

Die Verluste der russischen Armee sind nicht nur in der Technik, sondern auch beim Personal sehr hoch. Bei ihrem Vorrücken fanden ukrainische Kräfte in Isjum außerdem Dokumente mit Bitten russischer Soldaten, sie aus dem Armeedienst zu entlassen.

Um die Verluste zu kompensieren und der fehlenden Kampfmoral zu begegnen, rief der tschetschenische Machthaber Ramsan Kadyrow am Wochenende die „Selbstmobilisierung“ in Tschetschenien aus, eine Art „freiwillige“ Mobilisierung. Dass dies zum Erfolg führt, dürfte unwahrscheinlich sein.

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