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Avigdor Lieberman weiß, wo er in Israel Wahlkampf machen muss: in den Hochburgen russischer Juden.

Wahlen in Israel

Israel vor den Wahlen: Die Politik wirbt um die russischen Juden

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Juden aus Russland werden von israelischen Parteien stark umworben. Sie ordnen sich politisch rechts ein – und wollen Avigdor Lieberman wählen, der als Königsmacher gilt.

Als Yaron Lehmann aus der Ukraine nach Israel kam, war er acht Jahre alt und hieß Slawa. Eigentlich hieß er Jaroslaw, aber niemand nannte ihn so. Slawa ist kürzer, klingt weicher und passt zu ihm, auch jetzt noch, mit 36, da er seine schwarzen Locken gelt, sich einen eckigen Koteletten-Kinn-Bart wachsen lässt, wie es gerade Mode ist, und die Namen seiner Kinder als Tattoo auf seinem Unterarm trägt, Elin und Milan.

Er lebt in Bat Yam, einer 130 000-Einwohner-Stadt südlich von Tel Aviv, die für ihren breiten Strand, die perfekte Surferwelle und die russischen Läden bekannt ist. Seine Frau ist Friseurin. Seine Mutter auch. Sein Vater arbeitet als Tankwart in Jaffa. Gerade leben sie zusammen bei seinen Eltern, weil Yarons Eigentumswohnung nicht bezugsfertig ist. Das liegt an der israelischen Bürokratie, die ihn fast genauso nervt wie die religiösen Regeln im Land. Yaron isst nicht koscher, trägt keine Kippa und geht selten in die Synagoge. Er kommt aus der Ukraine, seine Muttersprache ist Russisch, seine Staatsbürgerschaft israelisch.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu will Israel weiter regieren 

Yaron Lehmanns Geschichte ist eine ganz normale Einwandererbiografie, aber noch nie schien das so wichtig wie in diesen Tagen. Heute, am Dienstag, wird in Israel gewählt, und es sieht so aus, als könnten russischsprachige Israelis wie er darüber entscheiden, wie diese Wahl ausgeht, ob Ministerpräsident Benjamin Netanjahu weiter das Land regiert oder nicht.

Das liegt an einem Mann, der ebenfalls aus der ehemaligen Sowjetunion kommt: Avigdor Lieberman, 61 Jahre alt, mit 20 aus der Moldau-Republik nach Israel eingewandert, Gründer der Partei Jisrael Beitenu, ehemaliger Verkehrs-, Verteidigungs- und Außenminister, bisher vor allem für seine unversöhnliche Haltung gegenüber arabischen Israelis und seine Treue zu Premierminister Benjamin Netanjahu bekannt.

Seit ein paar Monaten aber geht er seinen eigenen Weg. Im November 2018 trat Lieberman als Verteidigungsminister zurück, weil er Netanjahus Vorschlag ablehnte, mit der Hamas Verhandlungen über eine Waffenruhe im Gazastreifen zu führen. Der Rücktritt führte zu Neuwahlen im April 2019 und neuem Streit. Diesmal ging es nicht um Gaza, sondern um ein Gesetz zur Wehrpflicht für Ultraorthodoxe. Der säkulare Lieberman war dafür, Netanjahu, der den Religiösen im Wahlkampf großzügige Zusagen gemacht hatte, dagegen. Die Männer konnten sich nicht einigen. Eine Koalition kam nicht zustande. Wieder wurden Neuwahlen ausgerufen. Wieder ging alles von vorne los. Und doch war auf einmal alles anders.

In Israel gibt es keine standesamtliche Ehe

Liebermans Umfragewerte schnellten in die Höhe. Zehn Prozent, doppelt so hoch wie bei der Wahl im April. Der ehemalige Minister hatte mit seiner Politik gegenüber den Ultraorthodoxen einen Nerv getroffen, vor allem bei seinen jüngeren Landsleuten wie Yaron. Es gibt sogar eine soziologische Bezeichnung für diese Bevölkerungsgruppe, sagt die Soziologin Lily Galili: Generation 1.5, Israelis, die im Alter von fünf bis 15 Jahren mit ihren Familien aus der ehemaligen Sowjetunion ausgewandert sind, die hier groß wurden, aber auch noch die Kultur ihrer Heimat in sich tragen, Sprache, Kleidung, Religion. Sie glauben weder an Gott noch an den Messias und verstehen nicht, warum die Ultraorthodoxen mit ihren Hüten und Schläfenlocken in einer modernen Gesellschaft wie Israel so einen großen Einfluss haben und bestimmen, dass am Sabbat keine Busse fahren und wer heiraten darf und wer nicht.

In Israel gibt es keine standesamtliche Ehe. Um getraut zu werden, muss man vor dem Oberrabbinat beweisen, dass man jüdisch ist. „Für ehemalige Sowjetbürger ist das ein Problem“, sagt Lily Galili. Im Zweiten Weltkrieg seien Dokumente vernichtet worden, in der Sowjetzeit Religion nicht wichtig gewesen, und dann gebe es noch den Streit darum, wer Jude ist. In der Sowjetunion zählte die Identität des Vaters, in Israel die der Mutter. „Diese Menschen leben hier, arbeiten hier, aber wenn sie heiraten wollen, bekommen sie vom Rabbiner zu hören: Du bist ja gar nicht richtig jüdisch!“

Israel ist ein Einwanderungsland

Lily Galili kommt aus Polen und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Geschichte der sowjetischen Einwanderer in Israel. In diesen Tagen ist sie schwer zu erreichen. Noch nie war das Interesse an ihrer Zielgruppe so groß. Am Telefon erzählt sie, wie sie in den 90ern ins Land strömten, gut ausgebildete Ingenieure, Ärzte, Lehrer. Sie brachten ihre Kinder, Geschwister, Eltern, Großeltern mit, zogen in Orte, wo schon andere Russen lebten, besuchten Sprachkurse, nahmen Hilfsjobs an.

In kaum einem anderen Land trifft man so viele hochgebildete Toilettenfrauen, Kartenabreißerinnen und Museumswärter wie in Israel; Einwanderer, die seit 30 Jahren hier leben, aber nie wirklich angekommen sind. „Russen“ werden sie in Israel genannt, auch wenn sie Ukrainer oder Armenier sind. Es klingt abfällig und ist wohl auch so gemeint. Israel ist ein Einwanderungsland, in das ständig neue Juden aus aller Welt ziehen. Die Konkurrenz zwischen ihnen ist groß, und mit jeder neuen Gruppe verändern sich die Hierarchien, rücken die einen auf und geben die Diskriminierungen, die sie selbst erfahren haben, an andere weiter.

Yarons Familie konnte ihre jüdische Herkunft problemlos nachweisen, leicht war der Neuanfang trotzdem nicht. Seine Mutter fand Arbeit in einer Taschenfabrik, bevor sie ihren Friseursalon eröffnete. Sein Vater, Automechaniker von Beruf, putzte Windschutzscheiben an einer Tankstelle, bis heute arbeitet er dort. „Schwere Arbeit“, sagt Yaron, „vor allem im Sommer, wenn es heiß ist.“ An Ruhestand ist nicht zu denken, seine Eltern sind erst Ende 50 und müssen noch die Großeltern versorgen, deren sowjetische Arbeitsjahre in Israel nicht anerkannt werden. Seine Eltern, erzählt er, sagen manchmal, dass es hier in Israel zwar schön sei, aber früher, in der Ukraine, sei es leichter gewesen. Man habe sich nicht immer Sorgen ums Geld machen müssen.

Israel wählt am Dienstag ein neues Parlament – schon zum zweiten Mal in diesem Jahr. Nach der Abstimmung im April war es dem rechtskonservativen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu trotz einer Mehrheit des rechts-religiösen Lagers nicht gelungen, erneut eine Regierung zu bilden. Nach Umfragen ist auch diesmal ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Netanjahus Likud-Partei und dem oppositionellen Bündnis der Mitte von Ex-Militärchef Benny Gantz zu erwarten. Netanjahus Rivale Avigdor Lieberman von Israel Beitenu (Unser Haus Israel) gilt als Königsmacher.

Er sitzt im „Golda“, einer Eisdiele in Bat Yam. Es ist einer der letzten Sommerabende dieses Jahres, vom Meer weht eine Brise, der Sonnenuntergang ist ein Traum, am Strand spielen Männer Fußball. Yarons Tochter Elin, 12 Jahre alt, sitzt neben ihrem Vater, schleckt Caramel-Fudge-Eis in der Waffel und tippt auf ihrem Handy. Yaron sagt, er habe nicht viele Erinnerungen an seine Kindheit in Dneprpetrowsk. 1990 sind sie nach Israel gekommen, 29 Jahre ist das her, eine Ewigkeit. Alles war neu, die Stadt, die Wohnung, die Sprache, der Name. In der Schule wurde er gehänselt, alle kannten sich, alle sprachen Hebräisch, nur er nicht. Zu seinen klarsten Erinnerungen zählt die Begegnung mit einem Mädchen, das für ihn übersetzte. Er hat ihren Namen vergessen, aber nicht das Gefühl, nicht mehr so alleine zu sein.

Er kämpfte sich durch. Von seinem ukrainischen Urgroßvater, einem Gebissmacher, hatte er gelernt, wenn man gute Noten habe, werde man Arzt, wenn nicht, sei ein Handwerk das Beste. Er wurde Zahntechniker wie der Urgroßvater.

Das Gute war: Zahntechniker wurden auch beim Militär gebraucht, so kam er bei der Armee um den Dienst an der Waffe herum. Nur seine Frau habe einen noch besseren Armeejob gehabt, sagt Yaron. „Sie schnitt Soldaten die Haare.“

Am liebsten neuen Krieg im Gaza anfangen

Seine Frau ist Ukrainerin wie er, kam mit 15 nach Israel, war 20, als sie ihn heiratete, vier Jahre jünger als er. Seine israelischen Freunde fuhren nach dem Militärdienst nach Indien, er bestellte sein Aufgebot beim Rabbiner. „Wir Russen heiraten früh“, sagt er, „und bekommen früh Kinder.“ Für ihn ist das kein Makel, sondern eine Besonderheit, und „Russe“ kein Schimpfwort, eher eine Bezeichnung für eine Generation, die anders ist als andere, europäischer, gebildeter, zielstrebiger – auch rechter. Zum Konflikt mit den Palästinensern hat er die gleiche harte Meinung wie Lieberman, der am liebsten sofort einen neuen Krieg im Gazastreifen anfangen würde: „Wir haben ihnen so viele Friedensangebote gemacht“, sagt Yaron, „und was bekommen wir als Dank? Raketen!“

Lily Galili sagt, die Generation 1.5 sei die neue Elite im Land und löse die in die Jahre gekommenen liberalen aschkenasischen Juden, die für eine Zweistaatenlösung kämpften, ab. Avigdor Lieberman habe das erkannt. Und nicht nur er. Russen sind die neue Zielgruppe in der israelischen Politik. Netanjahu stellte einen russischen Berater ein, versprach der russischsprachigen Bevölkerung 15 Millionen Schekel aus Haushaltsmitteln, reiste in alle russischen Enklaven des Landes, traf den neuen ukrainischen Ministerpräsidenten und zum Schluss auch noch Wladimir Putin.

Benny Gantz von Blau-Weiß hätte den Trend fast verschlafen. Aber wenige Tage vor Öffnung der Wahllokale fiel ihm doch noch etwas ein: Im Falle eines Wahlsieges, verkündete er, auf keinen Fall mit einer der ultrareligiösen Parteien koalieren zu wollen. Es war eine Wahlaussage, aber auch ein historischer Moment: Noch nie in der Geschichte des Landes hatte eine große Partei religiösen Wählern eine so klare Absage erteilt.

Bisher immer für Netanjahu gestimmt

Das israelisch-russische Manöver hat Gantz anderthalb Prozent mehr in den Umfragen gebracht. Er liegt derzeit mit 32 Sitzen gleichauf mit Netanjahu. Es wird wieder knapp werden, verdammt knapp. Lieberman kann mit seinen 9,5 Prozent entscheidend sein. „Königsmacher“ wird er in Israel genannt.

Yaron Lehmann sagt, alle in seiner Familie würden Lieberman wählen, seine Mutter, seine Frau, vielleicht sogar sein Vater, der bisher immerfür Netanjahu stimmte. Seine Tochter schaut vom Handy auf und erzählt, dass sie heute im Unterricht auch über die Wahlen gesprochen hätten. Jedem sei eine Partei zugeteilt worden, zu Hause sollen sie sich mit den Zielen vertraut machen und Argumente finden, wie richtige Politiker.

Yaron fragt, welche Partei sie sei.

Schas, sagt sie.

Schas?, fragt Yaron. Die Ultraorthodoxe Partei, deren Führer korrupt sein soll! Deren Anhänger sich vor dem Militär drücken und keine Steuern zahlen, die immer mehr Kinder und Einfluss bekommen! Ausgerechnet!

Elin nickt und schaut schon wieder aufs Handy. Sie ist 12, eine neue Generation. Die Hausaufgaben wird sie später machen.

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