Russische Gespräche

Detlef Bald über den politischen Weg der Weißen Rose

Von Horst Scheffler

"Nichts ist eines Kulturvolkes unwürdiger, als sich ohne Widerstand von einer verantwortungslosen und dunklen Trieben ergebenen Herrscherclique ,regieren' zu lassen", mahnten Hans Scholl und Alexander Schmorell am 27. Juni 1942 unter der Überschrift "Flugblätter der Weißen Rose I". Wenig später, am 18. Februar 1943, begann das Ende der im Nachkriegsdeutschland geachteten, aber bisweilen auch belächelten Widerstandsgruppe junger Idealisten. Damals verteilten Hans Scholl und seine Schwester Sophie in der Münchner Universität 1500 bis 1800 Flugblätter auf den Fluren und Treppen. Als sie einen Rest von ungefähr 100 Flugblättern vom zweiten Stock in den Lichthof warfen, wurden sie vom Hausmeister beobachtet.

Der Rektor der Universität, SS-Standartenführer Walter Wüst, Inhaber eines Lehrstuhls für arische Philologie, ließ Sophie und Hans Scholl durch die Gestapo festnehmen und verhören. Im Verhör räumte Sophie Scholl ein, aus Übermut oder Dummheit hätten sie den Fehler begangen, den Rest der Flugblätter in den Lichthof zu werfen und dabei entdeckt zu werden. Dieses Eingeständnis mag dazu beigetragen haben, dass nach 1945, trotz allem dem Respekt vor dem mit dem Leben bezahlten Einsatz, dennoch die politischen und ethischen Motive sowie ihr Entwurf für ein auf Frieden, Freiheit und Recht aufgebautes Deutschland dieser Widerstandskämpfer nicht ausreichend erkannt und gewürdigt wurde.

Der Münchner Publizist Detlef Bald, der als Historiker unter anderem 25 Jahre am Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr gewirkt hat, rekonstruiert nun die Geschichte der Weißen Rose in ihrer ganzen Länge und ruft seinen Lesern damit ins Gedächtnis, dass der Widerstand dieser Gruppe bei weitem nicht auf die tragisch endende Flugblattaktion am 18. Februar 1943 zu begrenzen ist. Auf der Grundlage von Briefen, Tagebuchaufzeichnungen und vor allem der Vernehmungsprotokolle der Gestapo München zeichnet Bald ein umfassendes Bild von den mit der "Weißen Rose" vertrauten Menschen - eine Mitgliedschaft im engeren Wortsinn hat es nicht gegeben - und ihrer Motive, Erfahrungen und Pläne.

Zunächst im Sommer 1942 schrieben die Studienfreunde Hans Scholl und Alexander Schmorell, unterstützt von Jürgen Wittenstein und Manfred Eickemeyer, in vier Flugblättern ihr Entsetzen über Politik, Krieg und Ideologie des NS- Regimes nieder. Weil sie der Ansicht waren, in der Weimarer Republik und vor allem 1933 habe "nicht zu sehr die Masse des deutschen Volkes politisch versagt", sondern gerade "die Schicht eines Staates, die politisch führen sollte, die Intelligenz", schickten sie Flugblätter an Bürgerliche und Gebildete, an aus dem Münchner Telefonbuch ausgewählte Ärzte, Schriftsteller, Wirte, Buchhändler, Lehrer, Professoren und Juristen. In dieser Zeit traf man sich in einem Freundeskreis zu politischen Gesprächen und literarischen Abenden.

Soweit die Freunde Medizin studierten, waren sie Soldaten der Wehrmacht. Als Sanitätsfeldwebel der 2. Studentenkompanie in München mussten sie eine Famulatur in Lazaretten und Hauptverbandsplätzen an der Ostfront ableisten. Ihr Einsatz begann am 23. Juli 1942 mit dem Transport vom Münchner Ostbahnhof an die Ostfront nach Russland. Hans Scholl, Alexander Schmorell, Willi Graf, Jürgen Wittenstein und Hubert Furtwängler fuhren über Warschau, Kowno, Wilna und Smolensk zur Frontsammelstelle der 252. Division der IX. Armee der Heeresgruppe Mitte und wurden dann vorrangig auf dem Hauptverbandsplatz bei Gzatsk eingesetzt. Diese Einsatzzeit dauerte bis Anfang November. Über Warschau und Berlin kehrten die Studenten nach München zum Studium zurück.

Bald schildert ausführlich die Erlebnisse und Eindrücke der militärischen Sanitätsdienst leistenden Medizinstudenten und kann so das bisherige Bild der Widerstandsgruppe korrigieren: Er belegt nämlich, wie die Fahrt an die Ostfront und die Erfahrungen dort im Einsatz an und hinter der Front den Blick für die wahre Situation der Menschen in Deutschland und in den eroberten und besetzten Ländern geschärft hat.

Schon bei einem Halt in Warschau wurden die Studenten Zeugen von Gräueln im Juden-Ghetto. Sie erfuhren von Massakern an Juden in Kowno und von Selektionen und Liquidationen in Wilna. Im Frontgebiet erlebten sie außer heftigen Kämpfen die Auswirkungen der deutschen Besatzungsherrschaft: die Ausbeutung der einheimischen Bevölkerung durch Zwangsarbeit zur Versorgung der deutschen Truppen, die dennoch mangelhafte Verpflegung der Truppen, den Partisanenkampf im Hinterland und damit verbundene Vernichtungs- und Säuberungsaktionen. Die Medizinstudenten erlebten zu jeder Zeit und an jedem Ort, dass die einheimische Bevölkerung der Gewalt der Deutschen hilflos und rechtlos ausgeliefert war.

Sie waren an die Ostfront mit der inneren Bereitschaft gefahren, Russland und seine Menschen positiv und mit offenen Augen wahrzunehmen. Schon in ihrem Münchner Gesprächsrunden hatte die Beschäftigung mit russischer Literatur - Werke von Gogol, Tolstoi und Dostojewski - die Liebe zum russischen Volk wachsen lassen. So suchten sie trotz der restriktiven Auflagen der Wehrmacht den persönlichen Kontakt zu den Russen in den Arbeitslagern und in den Dörfern. Stark beeindruckte sie der orthodoxe Gottesdienst; in Gesprächen lernten sie den Hass der Russen auf den Bolschewismus kennen. Alexander Schmorell, der in Orenburg am Ural geborene, beherrschte die russische Sprache und war ihr Dolmetscher. Ihnen wurde bewusst, in einer widersinnigen Welt zu leben, in der Deutsche wie Russen unter dem Nationalsozialismus zu leiden hatten. Sie nahmen Anteil am Schicksal des russischen Volkes, "das wie auch das unsere solche Nöte und Ungeheuerlichkeiten erleben muss" (Willi Graf in einem Brief vom 24. September 1942).

Die politische Ethik der Weißen Rose ist in dieser Zeit, während des Einsatzes an der Ostfront, gereift, ebenso wie die Gewissheit, dass allein das schnelle Ende des Krieges die Übel des NS-Regimes überwinden konnte. So war ihr Handeln im Widerstand nach Rückkehr von der Front die notwendige Folge. Ihr Ziel war ein politischer Umsturz. Verbindungen zu anderen Widerstandsgruppen wurden aufgenommen. Eine Besprechung von Hans Scholl mit Dietrich und Klaus Bonhoeffer vorgesehen. Doch nach den Festnahmen und Verhören im Februar 1934 wurden zunächst Sophie und Hans Scholl sowie Christoph Probst, dann auch noch Alexander Schmorell und Prof. Kurt Huber und zuletzt Willi Graf vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und durch das Fallbeil hingerichtet. Hubert Furtwängler und Jürgen Wittenstein konnten untertauchen und überlebten.

Auf instruktive Weise vergleicht Bald abschließend die Ethik der Weißen Rose mit den Grundlagen der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland. In ihren politischen Gesprächen wurden ganze Bereiche des Grundgesetzes vorweg gedacht: die Verantwortung vor Gott, die Würde des Menschen, die Garantie der individuellen und sozialen, der religiösen und kulturellen Freiheitsrechte, das Friedensgebot und die Grundsätze eines demokratischen und sozialen Rechtsstaates. So hat Bald mit der Erinnerung an die Weiße Rose auch einen Grundstein der heutigen politischen Ordnung in unseren Blick gerückt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion