Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Klinik in Wolgograd: Es gibt fast keine freien Betten mehr für Covid-Kranke in ganz Russland.
+
Klinik in Wolgograd: Es gibt fast keine freien Betten mehr für Covid-Kranke in ganz Russland.

Corona-Virus

Tausende Tote am Tag: Corona-Virus tobt in Russland – das steckt dahinter

  • Stefan Scholl
    VonStefan Scholl
    schließen

In Russland stellt die Pandemie immer neue Antirekorde auf. Aber trotz tausend Toter am Tag will sich ein Großteil der Russen nicht impfen lassen.

Moskau - Wir sitzen in einem Moskauer Café, mein Bekannter Pascha, ein mit ihm befreundeter Oberarzt und ich. Pascha erkundigt sich, ob es nicht möglich sei, ihm eine Impfung zu bescheinigen, die Spritze aber in den Ausguss zu schießen. „Das geht leider nicht“, sagt der Mediziner und lächelt ausweichend. „Die Impfdosen sind verplombt und haben einen Strichcode.“ Was hätte er auch anders antworten können, mit einem Fremden am Tisch.

Paschas Unlust auf die Impfung gegen Corona ist kein Einzelfall. Jelena Spiridonowa, Moskauer Pharmazeutin, berichtet, wie sie sich in ihrer Poliklinik mit Sputnik V impfen ließ. „Das Impfteam bestand aus Medizinstudenten. Sie erzählten mir empört, viele Patient:innen würden Schmiergeld anbieten, damit sie den Impfstoff ins Waschbecken spritzen.“ Einer hätte umgerechnet mehr als 120 Euro geboten.

Tausende Corona-Tote am Tag in Russland: In der Metro drängen sich Menschen dicht an dicht

Covid-19 tobt in Russland wie nirgendwo sonst in Europa. Seit Monaten. Am 12. August stieg die tägliche Todesrate erstmals auf über 800 Opfer, vergangenen Freitag über 1000. Die Rate ist 55 Prozent höher als die bisher schrecklichsten – die indischen – Sterbezahlen. Der operative Stab der russischen Regierung zählte bisher gut 226 000 Covid-Tote. Das staatliche Statistikamt aber meldete allein von Januar 2020 bis August 2021 mehr als 417 000 Opfer. Laut dem unabhängigen Statistiker Aleksei Rakscha nähert sich die Corona-bedingte Übersterblichkeit der 800 000-Marke. 96 Prozent der Covid-Klinikbetten sind belegt. Gestern wurden 34 073 Neuinfizierte sowie 1028 Tote gemeldet, wieder ein neuer Antirekord.

Und gestern reagierte der Kreml. Wladimir Putin rief für das ganze Land „arbeitsfreie Tage“ vom 30. Oktober bis zum 7. November aus. Impfwillige sollen zwei weitere Tage frei bekommen. Bei Bedarf können die Regionen das Volk auch schon früher in Urlaub schicken; und den Zugang zum Arbeitsplatz auf Geimpfte und Genesene beschränken. Die Moskauer Stadtverwaltung denkt laut der Agentur Bloomberg über die Schließung aller Betriebe außer Apotheken, Lebensmittelläden und Tankstellen nach. Aber wo es in Russland zu einem wirklichen Lockdown kommen wird, ist noch unklar.

In Moskaus Metro sieht man wieder mehr Masken. In einem U-Bahn-Waggon Richtung Zentrum, tragen von 26 Insassen 14 Masken, drei allerdings nur überm Kinn. Für die meisten Russinnen und Russen sind Maskenpflicht und andere Schutzmaßnahmen Formalitäten. „Absolut blödsinnige Formalitäten“, sagt der Publizist Maxim Schewtschenko, nach schwerer Krankheit keineswegs ein Covid-Leugner. Was helfen solche Maßnahmen in Moskaus Metro mit sieben Millionen Fahrgästen täglich, die Rushhour verwandelt die Waggons in Sardinendosen mit bis zu 259 Passagieren, der Abstand zwischen den Atemwegen schmilzt auf Zentimeter und mit ihm der Glaube an Mundschutz oder soziale Distanz.

Covid-Tote in Russland: Nur ein Drittel der Menschen ist gegen das Corona-Virus geimpft

Auch Pascha hat wochenlang mit Covid-19, Fieber und Husten im Bett gelegen, lehnt aber Masken wie Impfung ab. Die „beste Art, Corona zu bekämpfen, ist krank und wieder gesund zu werden“, sagt er. Und Moskaus Bürgermeister Sergei Sobjanin, lange Zeit Russlands lautstärkster Lockdown-Verfechter, sei ein Agent des Weltwirtschaftsforums. Das wolle mit Hilfe der Pandemie den Kapitalismus global verwirklichen, sei aber gescheitert, weil China, Russland, Europa und die USA dabei alle auf andere Art und Weise manövrierten. Eine gemäßigte Verschwörungserzählung im Vergleich zu denen manch deutscher Querdenker.

Pascha ist Webdesigner, erfolgreich, keiner, den Covid aus der Ruhe bringt. „Corona“, er grinst, „ist eine mexikanische Biersorte.“ Man macht Witze über den Virus, streitet auch über ihn, aber Covid ist weder Haupt- noch Hassthema in Russland.

Nach den ersten Ausgangssperren wegen der Pandemie im Frühjahr 2020 stieg die Arbeitslosigkeit gegenüber dem Vorjahr um 20 Prozent, danach verzichtete der Kreml auf weitere harte Schutzmaßnahmen, kündigte stattdessen eine große Impfkampagne an. Die Staatsmedien priesen das vaterländische Vakzin Sputnik V als den mit Abstand besten Impfstoff der Welt. Vergebens.

Öffentlichen Angestellten und Belegschaften von Staats- oder Großbetrieben, die sich der Spritze verweigerten, wurde mit Entlassung gedroht. Trotzdem ließen sich in zehn Monaten nur 51 von 154 Millionen Menschen impfen. Und das nach offiziellen Angaben.

In Russland verweigern Menschen die Corona-Impfung – und fälschen systematisch Atteste

Ella, eine Verlagslektorin aus dem Nordkaukasus, erzählt von einer Verwandten, die ihren Sohn vor seiner Hochzeitsreise in die Türkei die nötige Impfbescheinigung gekauft habe. „Der Junge soll doch noch Kinder zeugen“, habe sie gesagt. Irina, Verkaufsmanagerin aus einer Moskauer Vorstadt, sagt, alle Kolleg:innen, die sich impfen ließen, seien krank geworden. „Ich hatte Angst.“ Aber Sputnik war Pflicht, hinter dem Wandschirm des Impfzentrums versuchte Irina, einen Sanitäter mit umgerechnet 24 Euro zu bestechen, spontan und erfolgreich.

Anderswo wird systematisch geschmiert. Erst am Montag nahm die Polizei in Elektrostal bei Moskau acht mutmaßliche Betrüger fest, darunter zwei Mediziner, die digital gefälschte Atteste ausstellten.

FR-Grafik.

Tausende Corona-Tote pro Tag in Russland: Menschen verweigern Impfung aus Misstrauen

In Deutschland ließen sich zwei Drittel der Bevölkerung impfen, in Russland zwei Drittel nicht. Nach einer Umfrage des unabhängigen Lewada-Forschungszentrums waren im Juli 44 Prozent der Menschen in Russland bereit dazu oder schon geimpft. Aber Lew Gudkow, Chefsoziologe von Lewada, glaubt, viele positive Antworten hätten Ankündigungs-Charakter. „Die Leute beeilen sich nicht mit der Impfung.“ Gudkow begründet das mit Misstrauen gegen die Obrigkeit und mit fehlenden alternativen ausländischer Vakzinen. Es sperrten sich vor allem gebildete junge Frauen, die sonst sehr auf ihre Gesundheit achteten.

Viele Menschen vermuten, dass die Impfkampagne der Topbeamtenschaft dazu die, sich Haushaltsgeld unter den Nagel zu reißen. „Seit 30 Jahren hat das Volk keinen Moment erlebt, in der die Beamten etwas zu seinem Wohl getan haben und nicht für die eigene Tasche“, sagt Maxim Schewtschenko. „Auch ohne Corona schrumpft unsere Bevölkerung jährlich um eine Million Menschen.“

„Alle Menschen sterben“: Russen misstrauen Corona-Impfung – trotz tausender Toter am Tag

Es gibt durchaus Menschen, die Covid als tödliche Gefahr sehen. Roman Popow, Chefredakteur der Boulevardzeitung „Tajny Swjosd“, lag 2020 mehrere Wochen im Bett, seine Frau kam mit schwerer Lungenentzündung ins Krankenhaus. Sie ließ sich danach zweimal mit Sputnik V impfen, er dreimal, beide kürzlich in Kroatien noch einmal mit Johnson & Johnson. Roman betrachtet den Virus als Zerstörer mit sehr messbarer Wucht. „Meine Frau ist Freitaucherin. Vor der Krankheit schaffte sie eine Tiefe von fast 28 Meter. Jetzt sind es noch 21 Meter.“

Fast scheint es, als ließen sich in Moskau mehr Intellektuelle und Liberale impfen als Patriot:innen oder Putin-Fans. Kein Wunder, der Präsident verkündigte zwar, er habe sich zweimal Sputnik V spritzen lassen, ließ aber weder Videos noch Fotos davon veröffentlichen. Kein Aufbruchssignal für die unschlüssige Nation.

Irina hat kein schlechtes Gewissen wegen ihrer unechten Impfung. Obwohl sie niemand kennt, der an Sputnik V starb, aber einen Covid-Toten in der Verwandtschaft hat. „Alle Menschen sterben“, sagt sie.

Russland: Menschen sehen Corona trotz tausender Covid-Toter am Tag als Teil des Schicksals

Die Menschen sind den Tod gewohnt: Es gibt viel Verkehrstote, Schnapstote oder Rauschgifttote. Vor allem ärmere Leute preisten Menschenleben sehr niedrig ein, sagt Soziologe Gudkow, auch das eigene. Und wenn Russen sich kritisch mit der eigenen Mentalität auseinandersetzen, reden sie meist über ihren „Pofigismus“ – Gefühls- und Teilnahmslosigkeit, die man als Scheißegal-Stimmung umschreiben könnte.

„Wer über 40 ist und ohne Schmerzen aufwacht, ist tot“,sagt der Volksmund. Corona ist nur ein Bruchteil jener sich oft häufenden Widrigkeiten, die die Russen Schicksal nennen.

Einmal kamen wir mit Pascha und seiner Frau aus dem Kino, ich setzte gedankenverloren meinen Mundschutz auf, Pascha grinste ironisch. „Zieh die Maske aus, der Krieg ist vorbei!“ Aber wenn der Krieg gegen Covid-19 real ist vorbei, dann hat Russland ihn verloren. (Stefan Scholl)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare