"Die Russen sind keine Befreier, sondern Besatzer"

Was Frauen sehen, die aus den Flüchtlingslagern an der tschetschenischen Grenze nach Grosny zurückkehren

Als das neue Jahr gekommen war, wollte Achijad Sachidow wissen, ob in seiner von der russischen Armee besetzten Heimat schon die Zeit für den Wiederaufbau gekommen war. Sachidow und die anderen Flüchtlinge in dem überfüllten Sammeltaxi erkauften sich ihren Weg durch die russischen Straßensperren, bis sie Sachidows Heimat Urus-Martan südwestlich der tschetschenischen Hauptstadt Grosny erreichten. Dort liegt das Haus der Sachidowas in Trümmern. Seit den ersten Oktobertagen hatten die russische Luftwaffe und die Artillerie die 20.000-Einwohner-Stadt sturmreif geschossen; im Dezember nahm die russische Armee Urus-Martan schließlich ein.

Achijad Sachidow sprach mit den Nachbarn über Baumaterial und erkundigte sich bei der neuen Verwaltung nach der von der russischen Regierung versprochenen Entschädigung für sein zerstörtes Heim. Dann fuhr er zurück in das Flüchtlingslager "Sputnik" an der inguschetisch-tschetschenischen Grenze, um seiner Frau Tamara zu sagen, dass sie bald nach Hause könnten. Doch kaum hatte Sachidow durch die lange Reihe der russischen Kontrollposten den Weg ins Flüchtlingslager geschafft, rückte die Heimkehr nach Urus-Martan in weite Ferne. Nachdem tschetschenische Kämpfer überraschend mehrere bereits von den Russen eingenommene Städte angegriffen und Dutzende russischer Soldaten getötet hatten, verkündete General Wiktor Kasanzew am Dienstag vergangener Woche für alle von russischen Truppen besetzten Gebiete Tschetscheniens eine nächtliche Ausgangssperre. Außerdem würden seine Truppen ab sofort alle Männer und Jungen von zehn bis sechzig Jahren festnehmen und "gründlich überprüfen", sagte Kasanzew, Kommandeur aller russischen Truppen im Nordkaukasus.

Seit der Ankündigung des Generals will Tamara Sachidowa ihren Mann nicht mehr von ihrer Seite lassen - auch wenn die Militärs am vergangenen Samstag nachschoben, die Überprüfungen würden eingeschränkt. "Achijad hat vor Jahren zwei Zehen durch Frost verloren", sagt sie. "Wenn die Russen ihn festnehmen, werden sie dies als Beweis dafür nehmen, dass mein Mann gegen sie gekämpft hat", befürchtet die Frau, die mit strohblonden Haaren und blauen Augen dem klassischen Bild der typischen Russin entspricht.

Im Lager Sputnik, dessen über 600 Zelte in diesen Tagen im knöcheltiefen Schlamm versinken und mit kleinen Zeltöfen gegen den russischen Winter anheizen, ist Tamara Sachidowa nicht die Einzige, die nun um Mann oder Sohn fürchtet und sich gegen die Rückkehr in die von den russischen Truppen besetzte Heimat sträubt. "Mein Sohn Schewanje ist 13 Jahre alt. Wenn wir zurückkehren, muss ich nun Angst haben, dass die Russen ihn sofort festnehmen und verschwinden lassen", sagt Asa Zingajewa, die vor den russischen Bomben aus Grosny geflohen ist.

Zingajewa denkt an den ersten Tschetschenienkrieg in den Jahren 1994 bis 1996, als das russische Militär in Grosny, Pitigorsk, Mosdok und anderen Orten sogenannte Filtrationslager einrichtete, um Zivilisten und Kämpfer zu trennen. Tausende tschetschenischer Männer und Jugendlicher verschwanden in den Lagern und wurden gefoltert, Hunderte wurden getötet. Zingajewas 47 Jahre alter Onkel Sulumbek Jussupow saß 1996 mehrere Monate im Filtrationslager in Mosdok, dem Hauptstützpunkt der russischen Kaukasustruppen. "Mein Onkel war ein körperliches Wrack, als er schließlich entlassen wurde. Ein Jahr später ist er an den Folgen der Schläge und der Folter gestorben", erzählt Asa Zingajewa. Seit dem Beginn des zweiten Tschetschenienkrieges vor vier Monaten haben Menschenrechtsorganisationen über die Neu- oder Wiedereröffnung von Filtrationslagern berichtet. Tausende tschetschenischer Männer scheuten aus Angst vor den russischen Soldaten schon in den vergangenen Monaten die Flucht nach Inguschetien. Die FR berichtete bereits im November über einen jungen Tschetschenen, der am russischen Grenzposten Kawkaz festgenommen wurde und einige Stunden später mit einer tödlichen Gehirnblutung ins Krankenhaus der inguschetischen Hauptstadt Nasran eingeliefert wurde.

Die offiziell verkündete Sammelhaft für alle Männer zwischen zehn und sechzig, an die die Flüchtlinge eher glauben als an das nachgeschobene Dementi, mache "selbst aus denen Kämpfern gegen die Russen, die eigentlich keine Waffe in die Hand nehmen wollten", glaubt Mustafa Chazijew, Bauarbeiter aus dem zwischen Russen und Tschetschenen heftig umkämpften Stadtteil Oktjabrskij der Hauptstadt Grosny. Dass Chazijews 18jähriger Neffe seit Beginn des Krieges gegen die Russen kämpft, ist für seinen Onkel selbstverständlich. "Wenn Du nicht fliehen kannst, stirbst Du doch lieber im Kampf als in einem russischen Filtrationslager", sagt er.

Viele junge Tschetschenen brauchen ohnehin keinen zusätzlichen Ansporn mehr, um den Kampf gegen die Russen aufzunehmen. "In jeder tschetschenischen Familie gibt es Junge, die gegen die Russen kämpfen. Welcher gesunde Mann wird seine Heimat nicht verteidigen", sagt Asmar Charajew, der seit seiner Verwundung durch eine russische Granate im Krankenhaus des inguschetischen Bergdorfes Galschkij liegt.

Seitdem General Kasanzew die Jagd auf tschetschenische Männer freigegeben hat, trauen sich fast nur Frauen zurück über die Grenze, um in ihren Heimatdörfern nach der verlassenen Habe zu sehen, ihren zurückgebliebenen Mann oder alte Verwandte zu treffen. Sina Chassanowa, eine 39 Jahre alte Frau mit widerspenstigen schwarzen Locken, hörte am Vorabend des orthodoxen Weihnachtsfestes im russischen Fernsehen, dass Russlands Premier Wladimir Putin einen dreitägigen Bombardierungsstopp für Grosny ankündigte. Chassanowa machte die Runde durch die Flüchtlingszelte und borgte sich 100 Rubel (umgerechnet sieben Mark) für das Sammeltaxi nach Grosny zusammen. Zwei Tage später stand sie in ihrer Straße im Starapromyslowskij-Bezirk von Grosny.

Das Haus der Chassanowas, schon im ersten Tschetschenienkrieg nach einem Bombentreffer ausgebrannt und notdürftig renoviert, ist wieder zu drei Vierteln zerstört. Nur ein großer Wandschrank ist unversehrt, als Sina Chassanowa das Haus betritt. Statt der guten Lederstiefel ihres Mannes stehen ausgetretene Stiefel eines russischen Soldaten im Flur. In der Nachbarschaft haben russsiche Soldaten vier Häuser geplündert und niedergebrannt. Als Sina Chassanowa auf die Straße tritt, fährt ein russischer Panzer vorbei, dessen Besatzung Teppiche, Kissen und ein Sofa auf dem Panzer festgebunden hat. "Die Soldaten waren betrunken und zielten mit ihren Maschinenpistolen auf einen blauen Lada", erzählt Chassanowa. "Ich schrie: Halt! Es ist doch noch Feiertag! Daraufhin wendeten sie ihre Waffen und schossen in das Haus meiner Nachbarn."

Tamara Sachidowa hat die Auswirkungen des Wodkas auf die Ausübung des russischen Regimes in Urus-Martan miterlebt. Viermal ist sie seit Beginn des Krieges und ihrer Flucht nach Inguschetien für jeweils einige Tage nach Urus-Martan zurückgekehrt. Mitte Oktober war die Stadt noch fest in der Hand der Wahhabiten, die Urus-Martan in den vergangenen Jahren zu einem Zentrum des Islamismus gemacht hatten. Im Juni 1998 beschlagnahmten die Wahhabiten die Wurst- und Konservenfabrik, in der Tamara Sachidowa als Vize-Direktorin arbeitete, und funktionierten sie zu einer Munitionsfabrik um. Als Sachidowa im Dezember abermals nach Urus-Martan kam, gaben die Russen, die Urus-Martan kurz zuvor eingenommen hatten, die Fabrik den ursprünglichen Besitzern zurück.

Doch die Freude der 63 Mitarbeiter blieb nicht lange ungetrübt. Auf ihre Suche nach Wodka fuhren die "Kontraktniki" - Zeitsoldaten, die einen großen Teil des russischen Kontingents in Tschetschenien stellen - im Panzerspähwagen auf dem Markt von Urus-Martan vor und drohten zu schießen, wenn sie keinen Wodka bekämen. Die Soldaten, die wenige Tage vor Neujahr an Tamara Sachidowas Konservenfabrik vorbeikamen, hatten ihr Quantum bereits getrunken. Ob Abubakar Salamow, der sich als Wächter in der Fabrik etwas zur Rente hinzuverdiente, sich weigerte, den Soldaten mehr Wodka zu geben, oder sie am Plündern hindern wollte, ist ungeklärt. Fest steht, dass die Soldaten den alten Mann erschossen.

"Die Russen sind keine Befreier, sondern Besatzer", sagt Tamara Sichidowa. "Früher terrorisierten uns die Islamisten. Jetzt tun das die russischen Soldaten."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion