Russland

Wer ist Ruslan Boschirow?

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Veröffentlichte Details über möglichen Skripal-Attentäter bringen den Kreml in die Bredouille.

Ja, das sei Tolja, versicherte eine ehemalige Schulkameradin aus dem Dorf Beresowka in der russischen Amur-Region der Zeitung „Kommersant“. „Hundertprozentig. Fast schwarze Augen und die gleiche Stimme.“ Tolja Tschepiga sei identisch mit dem Mann, der laut Reisepass Ruslan Boschirow heißt. Und den britische Behörden dringend verdächtigen, mit einem zweiten mutmaßlichen Agenten des russischen Militärgeheimdienstes GRU den Giftanschlag auf den ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal in England ausgeführt zu haben. 

Eine andere Frau berichtete, alle im Dorf hätten gewusst, dass Tschepiga oft auf gefährlichen Auslandseinsätzen ist. Sie finde aber wenig Ähnlichkeit mit den TV-Bildern Boschirows, Nicht nur das Dorf, halb Russland rätselt: Ist er es, oder ist er es nicht? Nachdem das britische Rechercheforum Bellingcat und die Netzzeitung „The Insider“ gemeldet hatten, der angebliche Kleinunternehmer und Tourist Boschirow sei GRU-Oberst Anatoli Tschepiga, gerät die russische Staatsmacht immer mehr in die Defensive.  

Kreml-Sprecher Dmitri Peskow bemüht sich seit Tagen um Antworten auf wenig angenehme Fragen: „Auf dem roten Platz laufen Dutzende Stalins und Putins herum, und alle ähneln dem Original“, scherzte Peskow am Freitag. Zur Identität Ruslan Boschirows sagte er, man habe keine anderen Angaben über ihn als jene, die Wladimir Putin vorlägen. Der russische Staatschef hatte behauptet, Boschirow sei ein Zivilist. 

Die kremlnahe Zeitung „Komsomolskaja Pravda“ verwies auf falsche Adressen und ungenaue Jahreszahlen in dem Lebenslauf Tschepigas, den „The Insider“ veröffentlicht hatte. Gestand aber ein, andere Einzelheiten klängen glaubwürdig. Ein ehemaliger Vorgesetzter bezeichnete die Recherchen als schizophren und witzelte, er benötige wohl selbst eine plastische Operation, um sich vor möglichen Nachstellungen des britischen Geheimdienstes in Sicherheit zu bringen. 

Zunehmend werden Stimmen laut, die von einer haarsträubenden Blamage der russischen Geheimdienste reden. „Russlands Image im Ausland verschlechtert sich noch mehr, es wird neue Sanktionen geben“, sagt der Oppositionspolitiker Wladimir Ryschkow der FR. Aber innenpolitisch habe der Fall keinerlei Folgen. „Das Außenministerium und das Fernsehen werden alles weiter als westliche Lügen abtun.“ Wie im Fall des Überläufers Alexander Litwinenko, der 2006 in London mit radioaktivem Polonium aus Russland vergiftet wurde, werde die Staatsmacht alles abstreiten. „Und die Leute haben ganz andere Sorgen, sie werden ihnen glauben.“

Die Londoner „Times“ schrieb, es sei nur noch eine Frage von Tagen, bis Bellingcat und „The Insider“ auch die Identität des zweiten mutmaßlichen GRU-Killers veröffentlichen würden, der sich als Alexander Petrow ausgibt. Und die britischen Behörden haben laut dem britischen „Telegraph“ einen dritten russischen Geheimagenten ermittelt, der Skripals Wohnort zuvor für die Täter ausgespäht haben soll. 

Der Fall nähert sich einer Aufklärung, die dem Kreml kaum gefallen kann. „The Insider“ schlug den Behörden eine gemeinsame Pressekonferenz des Obersten Tschepiga und seines tatverdächtigen Alias Boschirow zu veranstalten, wenn diese nicht identisch seien. Bisher hat die Staatsmacht nicht reagiert.

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