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ARCHIV - Der Journalist und Gründer der Hilfsorganisationen Cap Anamur und Grünhelme, Rupert Neudeck, aufgenommen am 08.04.2014 in Köln (Nordrhein-Westfalen). Foto: Oliver Berg/dpa (zu dpa "Cap-Anamur-Gründer Rupert Neudeck gestorben" vom 31.05.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Cap-Anamur-Gründer

Rupert Neudeck ist tot

Über Jahrzehnte setzte sich der Gründer der Hilfsorganisation Cap Anamur für Notleidende und Flüchtlinge ein. Nun ist Rupert Neudeck im Alter von 77 Jahren gestorben.

Von Peter Pauls

Eigentlich musste man Rupert Neudeck nicht fragen, wie es ihm geht. Ohnehin sagt er meist, es ginge „gut“. „Wir sind doch privilegiert hier“, setzte er dann hinzu. Und man mochte auch kaum zweifeln, dass es ihm tatsächlich gut ging – so rastlos eilte Rupert Neudeck durchs Leben. Auch als er die 70 Lebensjahre lange schon erfüllt hatte, reiste er nimmermüde durch die Krisenregionen der Welt, notierte seine Eindrücke, gab uns, dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, Interviews aus den entlegensten Winkeln der Welt, schrieb Bücher, wenn er denn mal zu Hause war oder er besprach die anderer Autoren. Vor wenigen Tagen erst bot er uns eine Buchbesprechung an über ein Putin-Buch und wir sagten zu. Doch dieses Mal lieferte der zuverlässige Schreiber nicht und wir ahnten, dass etwas ihn daran hindert, was stärker sein musste als dieser Mann mit seinem starken, an Sturheit grenzenden Willen.

Ohne seine Frau Christel war Rupert Neudeck nicht denkbar. Der streitbare, temperamentvolle und mitunter aufbrausende ehemalige Jesuit fand in seiner Partnerin ein kongeniales Gegenüber. Und mochte Neudeck selbst auch völlig unerschrocken, mitunter undiplomatisch und manchmal auch polemisch agieren, sich dabei wenig um Machtverhältnisse und Diplomatie scheren, so hörte er doch zumindest auf seine Frau und folgte ihrem Rat. Christel Neudeck gelang es, die explosive Mischung aus radikalem Intellekt und hoher Emotionalität, die Neudeck prägten, weitgehend zu bändigen und in Bahnen zu lenken. Und so galt der Bürgerpreis der deutschen Zeitungen, verliehen im Mai des vergangenen Jahres, im Grunde dem Ehepaar Neudeck wie auch der Erich-Fromm-Preis, der dem Paar gerade erst verliehen wurde. Die letzte Auszeichnung in einer langen Reihe hoher Ehrungen war eine der Europaschule Bornheim, praktisch aus der Nachbarschaft im Kölner Umland.

Flucht und Vertreibung standen am Beginn seines Lebens, als er – fünf Jahre alt – mit seiner Mutter und vier Geschwistern fliehen musste. Am Danziger Hafen verfehlten sie die „Wilhelm Gustloff“ nur knapp, die kurz darauf mit tausenden Flüchtlingen an Bord in der eiskalten Ostsee von einem sowjetischen U-Boot versenkt wurde. Dieses Schicksal, die Gespräche, Erinnerungen, die Totenklagen und das Glück der Fügung standen sicher Pate in seiner persönlichen Entwicklung. Nach Studium und Promotion fand Neudeck schließlich von 1977 an seine berufliche Heimat im Deutschlandfunk. Häufig traf man ihn in der Kölner Buslinie 133, die vom Hauptbahnhof zum Sender nach Köln-Raderberg fuhr. Da saß er, unauffällig in eine Ecke gekauert und konzentriert lesend. Nur wenige ahnten, dass mitten unter ihnen ganz unscheinbar der Mann saß, der 1979 mit dem Schriftsteller und Nobelpreisträger Heinrich Böll das Komitee „Ein Schiff für Deutschland“ gegründet hatte. Die „Cap Anamur“ nahm im südchinesischen Meer mehr als 10.000 vietnamesische Flüchtlinge auf, die nach der kommunistischen Machtübernahme geflohen waren. 1982 wurde daraus die Hilfsorganisation „Komitee Cap Anamur/Deutsche Notärzte e. V.“

„Nie wieder feige sein“, nannte Neudeck sein Engagement und so trat er auch auf. Weil er sich um Regeln und Regularien wenig scherte, war er dem einen oder anderen etablierten Hilfswerk ein Dorn im Auge und Regierenden oder Bürokraten sowieso. Doch immer wieder fand er Partner und Förderer, die diesen so mutigen wie kantigen Menschen zu nehmen wussten. Ernst Albrecht (CDU), Ministerpräsident von 1976 bis in die 90er Jahre in Hannover, war so jemand. Als das Land Niedersachsen sich in einer humanitären Geste für die Flüchtlinge öffnete, war das Eis in Deutschland gebrochen. Die Neubürger schrieben zum Stolz der Familie Neudeck eine Erfolgsgeschichte in Sachen Integration, gründeten den Verein „Danke Deutschland“ und immer wieder konnte es zu unverhofften Begegnungen kommen, wenn man mit den Neudecks chinesisch essen ging. Dann entpuppten die Restaurantbetreiber sich als Vietnamesen, erzählten ihre Rettungsgeschichte und dankten dem Mann, der in ihren Augen dafür stand.

2002 verließen die Neudecks „Cap Anamur“ und gründeten die „Grünhelme“. Junge Muslime, Christen und Andersgläubige arbeiteten beim Wiederaufbau in Krisengebieten zusammen und lernten viel voneinander. Wieder war das Reihenhaus in Troisdorf eine zentrale Anlaufstelle wieder bereiste Neudeck die Welt und wieder litt er an all dem, was er sah und an allen Unzulänglichkeiten. Rupert Neudeck kritisierte gern, leidenschaftlich und ohne Ansehen der Person. Wäre er jemand gewesen, der sich fügt, der leise verhandelt – die „Cap Anamur“ wäre nie in See gestochen. Doch da er war, wie er war, rieb Neudeck sich mitunter an der Welt und die Welt an dem Mann, der keine seiner Grundüberzeugungen je einer taktischen Überlegung geopfert hätte. Und es war eine Pointe seiner komplexen Persönlichkeit, dass der Mann, der mit Massenelend, Mord und Vertreibung konfrontiert war, Elfmeterschießen in internationalen Fußballwettbewerben nicht ertrug. Er stahl sich dann aus dem Zimmer, weil er entweder die Not des Schützen oder die des Tormanns nicht ertragen konnte.

Wer ihn in den letzten Jahren sah, der erschrak – so blass und durchscheinend wirkte dieser Mann dann, in dem doch eigentlich dieses gewaltige Feuer brannte und wenn man genau hinhörte, dann klang er ein wenig müde. Rupert Neudeck, der aus einem Reihenhaus im Rhein-Sieg-Kreis mit seiner Familie unermüdlich gegen Not und Ungerechtigkeit in der Welt kämpfte, ist am Dienstag im Alter von 77 Jahren an den Folgen einer Herzoperation gestorben.

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