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Rumäniens Zeitbomben

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Der göttliche Segen (hier für das 495. rumänische Bataillon) vor der Abreise zum Auslandseinsatz wird später nichts mehr nützen.
Der göttliche Segen (hier für das 495. rumänische Bataillon) vor der Abreise zum Auslandseinsatz wird später nichts mehr nützen. © Mihai Barbu/rtr

Soldaten mit Kriegstraumata? Das kann es im Selbstverständnis des Nato-Partners Rumänien nicht geben. Wer seelisch versehrt aus einem Kriegseinsatz zurückkommt, verschwindet in den Akten.

Von Eva Konzett

Wenn der Arzt Gabriel Diaconu die offiziellen Zahlen über Fälle von posttraumatischer Belastungsstörung in der rumänischen Armee hört, dann lacht er verzweifelt auf und zieht eine Leidensmiene. Der Traumaspezialist kennt die Realität, vor der Rumäniens Regierung und Gesellschaft die Augen verschließen.

Gerade hat der Truppenabzug der Rumänen aus Afghanistan begonnen. Seit 2002 kämpften dort rumänische Einheiten im Rahmen der Nato-Schutztruppe Isaf in Afghanistan, von 2003 bis 2009 waren rumänische Soldaten im Irak stationiert. Insgesamt 25 Soldaten bezahlten die Teilnahme an den beiden Kriegen mit dem Leben, für den offiziellen Sprachgebrauch sind sie „Helden“. Unzählige wurden verletzt, manche trugen sichtbare Wunden davon. Und manche unsichtbare.

Doch wer seelisch versehrt aus einem Kriegseinsatz zurückkommt, verschwindet in den Akten. Laut offiziellen Angaben haben nur zwei rumänische Soldaten durch ihren Einsatz eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickelt. Das bedeutet bei einer gerundeten Einsatzzahl von 32 000 Militärs eine Quote von 0,006 Prozent.

Die Bundeswehr hingegen berichtet allein für 2013 von 149 PTBS-Neuerkrankungen. Weitere 1274 Soldaten befanden sich in diesem Zeitraum bereits in Behandlung. Nach der Rückkehr aus dem Isaf-Einsatz haben Ärzte bei knapp drei Prozent der deutschen Truppe PTBS diagnostiziert, wie die TU Dresden 2013 herausfand. Die Dunkelziffer für PTBS und andere psychische Erkrankungen liegt deutlich höher.

Psychiater Diaconu behandelt rumänische Soldaten, die an PTBS erkrankt sind. „Meiner Einschätzung nach müssen Hunderte davon betroffen sein“, sagt er. Diaconu ist kein Militärarzt, die Patienten müssen für ihre Therapie selbst bezahlen. Und er sitzt in Bukarest und damit von den Betroffenen oft Hunderte Kilometer weit entfernt.

Einer von Diaconus Patienten ist Florian Jalaboi. Er kam 2012 aus Afghanistan zurück. Davor, in den 90er Jahren schon, war er als Peacekeeper in Bosnien-Herzegowina im Einsatz. Das Militär ist sein Beruf, war es immer. Heute kann Jalaboi ihn nicht mehr ausüben. Die rumänische Armee hat ihn frühpensioniert.

Falsche Entlassungspapiere

Dass der Soldat aufgrund einer posttraumatischen Belastungsstörung nicht mehr arbeiten kann, wird in seinen Entlassungspapieren nicht erwähnt. Mehrere Male versuchte Jalaboi, sich umzubringen. Diese Hilferufe aber rührten weder Armee noch Politik. Auch nicht, als er sich in der Zeitung „Gandul“ öffentlich zu seinem Leiden bekannte. Der erhoffte Knalleffekt bei den Verantwortlichen blieb aus, Fehlanzeige auch bei den gesellschaftlichen Kräften. Nur Unannehmlichkeiten habe ihm sein „Geständnis“ beschert, schreibt Jalaboi. Er will mit der Presse nicht mehr reden, er antwortet nur auf schriftliche Anfragen.

Schwer nur lässt sich ein aktiver Soldat finden, der aus dem Innenleben der rumänischen Armee erzählt. „Die posttraumatische Belastungsstörung wird nicht ernst genommen“, sagt schließlich ein anonym bleibender Armeeangehöriger. Er hat zusammen drei Jahre im Kosovo und in Afghanistan gedient, blieb von PTBS verschont, kennt aber betroffene Kameraden. „Sie bekommen die notwendige Hilfestellung nicht“, sagt er.

Die rumänische Armee machte nach der Wende 1989 eine langwierige Transformation von der Volksmiliz zum Berufsheer durch. Als eine von wenigen Institutionen genießt sie noch das Vertrauen der rumänischen Bevölkerung: Die Armee gilt als Bollwerk gegen den Verfall der von Korruption und Skandalen gebeutelten politischen Institutionen, auch weil die rumänischen Soldaten an der Seite der westlichen Heere mithalten können.

Schwäche hat in diesem Bild des armen, aber verlässlichen Nato-Partners keinen Platz. Das zeigen auch Aussagen rumänischer Armeeangehöriger: Der rumänische Soldat sei „gesund, qualifiziert, bestens vorbereitet und er zeige keine Furcht“, gab eine Militärpsychologin „Gandul“ zu Protokoll. Nicht zuletzt helfe der besondere rumänische Humor den Soldaten, über erlebte Grausamkeiten hinwegzukommen. Traumatisierungen werden somit quasi ausgeschlossen.

150 Euro Pension

Psychiater Diaconu hingegen spricht von „einer gefährlichen Vernachlässigung der eigenen Angestellten“, da es für PTBS-Erkrankte keine Anlaufstellen gibt, wo sie sich „seelisch dekontaminieren können“. Vor allem, weil das Trauma auch erst Monate nach den Erlebnissen ausgelöst werden kann – etwa wenn die Verletzten eines Autounfalls plötzlich die Erinnerung an eine Minenexplosion hervorrufen und der Soldat den Kriegsschauplatz von neuem erlebt.

Doch denjenigen, die der Kriegseinsatz zu Hause nicht loslässt, mangelt es nicht nur an Behandlungsmöglichkeiten. Sie stehen oft auch vor finanziellen Problemen. Weil PTBS-Fälle nicht vorgesehen sind, hat die rumänische Armee Erkrankten keine berufliche Perspektive anzubieten. Ein traumatisierter Berufssoldat, der aus der Armee ausscheiden muss, steht vor dem Nichts. Florian Jalaboi etwa wurde mit einer Pension von umgerechnet 150 Euro abgespeist.

Nicht zuletzt auch aus diesem Grund kehren viele Traumatisierte an die Kriegsschauplätze zurück, glaubt Gabriel Diaconu. Doch nicht nur das sei untragbar: Dadurch, dass die rumänische Armee es tunlichst vermeidet, „das Kaninchen PTBS aus dem Zylinder zu zaubern“, werde in Kauf genommen, dass „Zeitbomben“ ins zivile Leben zurück entlassen werden.

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