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Ein älterer Mann hat keinen Blick für die Wahlplakate der rumänischen Parteien in einer Straße in Bukarest.
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Ein älterer Mann hat keinen Blick für die Wahlplakate der rumänischen Parteien in einer Straße in Bukarest.

Parlamentswahl

Rumänen mischen sich ein

  • Norbert Mappes-Niediek
    VonNorbert Mappes-Niediek
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Die Rumänen wählen ein neues Parlament. Das Land befindet sich mitten im Prozess der Europäisierung. Kein anderes EU-Beitrittsland rückt der Korruption so energisch zu Leibe.

Er hätte sich nicht an die französische Kultur anpassen können, hat Nicusor Dan gesagt, als man ihn gefragt hat, warum er eigentlich nicht in Frankreich geblieben sei. Das war eine eigenartig doppelbödige Antwort. Die Rumänen haben eher den Eindruck, dass Nicusor Dan umgekehrt ganz Rumänien an die französische Kultur anpasst.

Mit Politik auf rumänische Art hat der 46-Jährige nichts im Sinn. Er schmiedet keine geheimen Allianzen, empfängt keine Günstlinge, vergibt keine Pfründe. Seine engste Verbündete, eine etwas spröde wirkende Frau namens Clotilde Armand, stammt aus Vichy in Frankreich. Die Welt der beiden sind die Bürger- und Stadtteilinitiativen, das Engagement von Familien, die einander aus Straßenfesten kennengelernt haben, und das urfranzösische „Empört euch!“, der Streitschrift, mit der der greise Widerstandskämpfer Stéphane Hessel vor ein paar Jahren das einschlafende Europa kurz aufgerüttelt hat.

Begonnen hat es 1998, als Nicusor Dan nach sechs Jahren Mathematik-Studium in Paris nach Bukarest kam und mit einer „Vereinigung junger Leute für staatsbürgerliche Aktion“ gegen gierige Investoren stritt, die in der wunderschönen Altstadt ihre protzigen Glaspaläste bauen wollten. Das nächste Ziel waren die Politiker, die ihnen dabei halfen.

Die Rumänen vergleichen ihren Nationalcharakter gern mit ihrer Nationalspeise Mamaliga, einem Maisbrei, der immer ruhig im Topf liegt, nie sprudelt und nie köchelt, dann aber irgendwann regelrecht explodiert. Nicusor Dan war der erste, der seine Landsleute zum Sprudeln und Köcheln brachte. Dass man sich in seine eigenen Angelegenheiten einmischen kann und soll, war in Rumänien bis dahin ein fremder Gedanke; die Haltung zur Macht schwankte zwischen Huldigung und Rebellion. Mit seinem sachlichen Habitus, seiner ruhigen Argumentation aber ist der Politiker neuen Typs vom bräsigen Patriarchen genauso weit entfernt wie von dessen Widerpart, dem romantischen Revolutionär.

Die Veränderung kam von unten

Seit seinem EU-Beitritt 2007 hat das Land sich so rasant verändert wie wohl nur Spanien, nachdem es 1986 der EG beigetreten war. Der Wirtschaftsboom vor dem Beitritt war nach dem Einbruch der Finanzkrise zwar rasch beendet. Doch schnell erholte sich das Land wieder. Überall wird gebaut und investiert. Für dieses Jahr wird ein Wachstum von 4,7 Prozent erwartet, das höchste in der ganzen Union.

Dass seit der Gefängnisstrafe für den früheren Regierungschef Adrian Nastase kaum ein Monat vergeht, in dem nicht ein weiterer Minister verurteilt wird, schadet zwar dem Image des Landes. Aber auch nur dem Image: Kein Beitrittsland rückt dem Erbübel der Korruption so energisch und so effizient zu Leibe wie das zweitgrößte, Rumänien. Die Veränderung kam von unten – und von außen. Nachdem zur Jahrtausendwende in der 100 000-Einwohner-Stadt Sibiu ein Vertreter der winzigen deutschen Minderheit zum Bürgermeister gewählt wurde, nutzten die parteienverdrossenen Rumänen auch in anderen siebenbürgischen Städten die Gelegenheit, ihre versumpfte politische Elite auszutauschen. Das Manöver brachte nicht nur deutsche Investitionen, sondern auch einen neuen Geist. Keinen nationalen: Gesucht wurden vielmehr Leute, die nicht dazugehörten, die an keine alte Seilschaft geknüpft waren.

Gefunden wurden nicht nur Sachsen, sondern auch Rumänen wie Nicusor Dan, die ihre Ideen im Ausland bekommen haben. Clotilde Armand aus Vichy, die Rumänisch mit einem putzigen Akzent spricht, ist inzwischen die populärste Politikerin der Hauptstadt. Nationalistische Bewegungen finden in Rumänien als beinahe dem einzigen Staat in der EU zurzeit keinen Zuspruch. Den beiden Rechtsparteien werden bei der Wahl am Sonntag ein, höchstens zwei Prozent zugetraut.

Kurz nachdem er die etablierte – und entsprechend korrumpierte – Nationalliberale Partei übernommen hatte, wurde der Siebenbürger Sachse Klaus Johannis vor zwei Jahren sogar direkt zum Staatspräsidenten gewählt. Gedacht war er als sauberes Aushängeschild für dreckige Machenschaften. Aber Johannis agierte geschickt, setzte Zeichen, statt sich auf große Machtproben einzulassen. Zum Nationalfeiertag lud er die mächtigen Parteichefs der Sozialdemokraten und der Liberalen einfach nicht ein. Der eine ist rechtskräftig wegen Wahlfälschung verurteilt, gegen den anderen wird wegen Korruption ermittelt.

Vor einem Jahr dann trat der berüchtigte Victor Ponta als Regierungschef zurück, Herr über die klientelistischen Sozialdemokraten und ein Protégé des korrupten Nastase. Ponta musste die Verantwortung dafür übernehmen, dass wegen der Nachlässigkeit bestochener Behörden 64 junge Menschen bei einem Disco-Brand ums Leben kamen. Johannis berief einen parteilosen Fachmann, den früheren EU-Kommissar Dacian Ciolos, zum Nachfolger. Der leise Agrarexperte führt seither zwar nur eine „technische Regierung“ an. Er ist aber weit beliebter als jeder Volkstribun. Eine Partei wollte er weder gründen noch will er einer beitreten, und so steht er am Sonntag auch nicht zur Wahl. Er bietet sich aber wieder als Regierungschef an. Selbst wenn die Parteien ihn nach dem Sonntag in die Wüste schicken: Weitermachen wie vorher könnte auch der strahlendste Wahlsieger nicht mehr.

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