Silvio Gesell war 1919 von seinen Ideen sehr überzeugt.

Negativzinsen

„Ruhendes Geld muss verrosten, verschimmeln, verfaulen“

Vor 100 Jahren plante Bayerns Finanzherr Gesell, negative Sparzinsen einzuführen. Eine Idee, die bislang bekämpft wurde – ein Porträt

Wie kann das Geld seine alles überlagernde Bedeutung verlieren? Vielleicht, indem es nicht mehr wie früher in Truhen aufbewahrt wird und künftig nur noch im bargeldlosen Verkehr fließt. Diesen Gedanken formuliert Rainer Maria Rilke in einem Brief an seinen Bankiersfreund Karl von der Heydt.

Abstrakt, imaginär, nicht greifbar: So sollte, ginge es nach Rilke, das Geld der Zukunft aussehen. Momentan treffen diese Adjektive nur auf Rilkes Theorie zu. Er sieht ein, dass seine Idee noch ein wenig der Bearbeitung bedarf. Den Brief schickt er nicht ab.

Im April 1919 hätte Rilke der Lösung seines Problems ein Stück näher kommen können. In München, der Stadt, in der er seit Ausbruch des Krieges lebt, regiert ein Revolutionärer Zentralrat. Die Minister heißen jetzt Volksbeauftragte und ihr Land, der Freistaat Bayern, ist eine Räterepublik. Das Finanzresort leitet ein gewisser Silvio Gesell, von dem Rilke bislang noch nichts gehört hat. Es gibt aber eine Verbindung: Rilke hat Georg Simmels Philosophie des Geldes studiert, auf dessen Erkenntnisse sich Gesell zwar nicht ausdrücklich bezieht, die er aber teilt.

Ursprünglich der Gemeinschaft dienend, als Tauschersatz und Wertmesser, ist das Geld zum materiellen Gut geworden. Gegenüber anderen materiellen Gütern hat es den Vorteil, dass es sich bequem anhäufen, jederzeit einsetzen und überall, in beliebiger Menge, mit sich führen lässt. Der erhöhte Anreiz, es zu besitzen, hat Geld, so Simmel, zu einem Wert an sich gemacht. Auch sein Zweck hat sich geändert: Es wird nicht mehr ausschließlich eingesetzt, um zu bezahlen. Attraktiver ist es, es zu besitzen. Denn das wird mit Zinsen belohnt. Gesell will das umdrehen: Er will auf Geldbesitz negative Zinsen erheben (jährlich etwa 5,2 Prozent). Wird ruhendes Geld mit einem Malus belegt, muss es „wie die Waren verrosten, verschimmeln, verfaulen“.

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Dies nun ist der Anreiz, es wieder zu investieren und in produktive Prozesse einfließen zu lassen. Durch Aufhebung der Golddeckung und die Einführung freier Wechselkurse soll der Geldwert marktwirtschaftlichen Prinzipien unterliegen. Ein Entrinnen ins Gold oder in ausländische Devisen wäre keine Lösung, ebenso wenig die bei Kaufkraftverlusten übliche Flucht in Sachwerte, die Gesell bei Nichtnutzung enteignen will.

Silvio Gesell wurde am 17. März 1862 im Eifelstädtchen Sankt Vith geboren. Seine Biografie ist typisch für die Geschichte und die sozialen Bedingungen im heute belgischen, damals zur Rheinprovinz gehörenden Grenzgebiet. Das siebte von neun Kindern eines protestantischen preußischen Beamten und einer katholischen wallonischen Lehrerin besuchte das Gymnasium in Malmedy. Später musste er es verlassen, da „das tausendmal verfluchte Geld“ zum Schulbesuch fehlte. In Berlin, wo sich bereits zwei seiner Brüder niedergelassen hatten, kam Gesell kurzfristig unter, vermutlich im Weinhandel seines Onkels Romain Talbot. Bald danach schloss sich ein zweijähriger Aufenthalt in Malaga an, ebenfalls im Weingeschäft.

Gesell hatte nicht genug Zeit

Später wanderte Gesell nach Argentinien aus. Dort erlebte er mehrere wirtschaftliche Krisen, das zusätzliche Abwürgen der Konjunktur durch Deflation und Geldhortungen, daraus resultierende Firmenpleiten mit Massenentlassungen und sozialen Unruhen. Er stellte erste Überlegungen an, wie mit „rostenden“ Banknoten Investitionen begünstigt und die Geldmenge durch Angebot und Nachfrage gesteuert werden könnte. Gesell scheint sehr von seinem Konzept eingenommen. Ein Scheitern? Kommt nicht infrage! Alle möglichen Einwände ignoriert er, auch die des Reichsbankpräsidenten Rudolf Havenstein, der ihm schreibt: „Ich warne Sie vor Experimenten!“

Gesell lässt sich nicht beirren. In weniger als einer Woche, vom 9. bis 15. April, verlassen 15 Verordnungen, programmatische Entwürfe und Aufrufe („Gegen die Papiergeldflut“, „An die Geldhamster“) sein Ministerium. Um auch nur irgendetwas in die Tat umzusetzen, reicht die Zeit nicht. Die erste Räterepublik in Bayern wird am 1. Mai von Berlin aus, auf Geheiß von Reichspräsident Ebert, blutig niedergeschlagen.

Gesell muss einen Hochverratsprozess über sich ergehen lassen, wegen seines beabsichtigten Vorgehens gegen die Reichsbank und damit gegen den Staat. Er hält eine beeindruckende Verteidigungsrede und wird, anders als der Großteil der Räterepublikaner, freigesprochen. Gesells Freigeldexperiment findet ebenfalls noch statt, im tirolischen Wörgl. Ein Jahr hat die zinsfreie Wirtschaft mit eigens von der Gemeinde herausgegebenen Geldscheinen Bestand. Dann wird sie von der österreichischen Regierung verboten, die Nationalbank fürchtet um ihr Geldmonopol.

Dabei kann sich das Ergebnis sehen lassen: Die Arbeitslosigkeit in der Gemeinde in Wörgl geht innerhalb eines Jahres um ein Viertel zurück, während sie im selben Zeitraum im übrigen Österreich um zehn Prozent steigt.

Von Ralf Holler

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