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FR vom Juni 1967

VDS ruft zum Vorlesungsstreik auf

Appell an alle Universitäten / Geldsammlung für Ohnesorgs Witwe läuft

Zu einem Vorlesungsstreik gegen den Akt des Polizeiterrors und die Erschießung des Studenten Ohnesorg anläßlich des Schah-Besuches am Freitag in Berlin hat am Montag der Verband Deutscher Studentenschaften (VDS) die Universitäten und Hochschulen der Bundesrepublik aufgerufen. In der vom VDS in Bonn verbreiteten Erklärung heißt es zur Erschießung Ohnesorgs durch die Berliner Polizei: "Fassungslos stellen wir fest, daß der Regierende Bürgermeister und die Senatsverwaltung Berlins einen ganzen Tag lang nicht die geringste Geste des Bedauerns gefunden haben und mit verschärftem Druck die durch keine Umstände zu rechtfertigende Brutalität der Polizei zu verschleiern suchen." -"Versagen" und "Brutalität" der Polizei müßten Gegenstand staatsanwaltschaftlicher Untersuchungen, richterlicher Aburteilung und politischer Konsequenzen sein. Wie der Allgemeine Studentenausschuß (AStA) der FU mitteilte, hoben zwei verschiedene Sammlungen, die am Wochenende für die Witwe Ohnesorgs begonnen wurden, inzwischen mehr als 10000 Mark erbracht. Der VDS kündigte an, die Beisetzung Ohnesorgs werde in dessen Heimatort Hannover stattfinden. Ein genauer Termin stehe noch nicht fest. Jedoch werde man nach den Trauerfeierlichkeiten eine Großkundgebung veranstalten. Außer dieser zentralen Veranstaltung sollen zahlreiche örtliche Kundgebungen stattfinden.

In München fand bereits am Montag ein Schweigemarsch statt. 7000 Münchener Studenten gedachten dabei ihres Berliner Kommilitonen Ohnesorg. Viele Münchener standen an der Straße, während der Zug mit schwarzen Fahnen und Transparenten von der Universität zum Platz der Opfer des Nationalsozialismus zog. Die Demonstranten begegneten kaum einem Polizisten auf ihrem Weg. Es gab lediglich einen Zwischenfall, als eine Gruppe junger Leute auf einem Plakat den Erschossenen zum Märtyrer des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) stempelte. Die Zugteilnehmer folgten nach kurzem Handgemenge den Aufforderungen der studentischen Ordner. An dem Gedenkstein für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft legten sie einen Kranz nieder. Der Schweigemarsch wurde vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund veranstaltet. Er hatte zuvor einen Aufruf gegen die Vorfälle in Berlin erlassen, dem sich auch der Liberale Studentenbund und die Internationale der Kriegsgegner angeschlossen hatten.

"Benno Ohnesorg war kein wirrköpfiger Radikaler"

In Tübingen versammelten sich vor der Universität 1500 Studenten zu einer Protestkundgebung. Dabei wurde besonders scharf die "falsche Berichterstattung" der Berliner Presse kritisiert. Rektor Möllenstedt erklärte, er sei tief betrübt über die Ereignisse. Er trat für das Demonstrationsrecht der Studenten ein. Auf Antrag des AStA veranlaßte er, daß am Tag der Beerdigung des Studenten der Lehrbetrieb an der Universität eingestellt wird. In einer Resolution erklärte der AStA: "Der Student wurde das Opfer des brutalen Vorgehens der Polizei, einer Polizei, die sich selbst nicht mehr unter Kontrolle hatte und von den Verantwortlichen nicht kontrolliert wurde, ja sogar zu diesem Vorgehen ermuntert wurde." Die Berliner Studenten hätten sich "in Solidarität mit vielen persischen Kommilitonen" zum Sprecher eines allgemeinen Unwillens über die Einladung eines Mannes ,gemacht, "der in seinem Land nachweislich Politiker, Journalisten, Studenten und Oppositionelle aus allen Kreisen hat hinrichten lassen", erklärten die sechs Studentenpfarrer der evangelischen Studentengemeinden in West-Berlin zu den Demonstrationen gegen den Schah.

Die Demonstrationen seien Ausdruck einer tiefgehenden politischen und hochschulpolitischen Krise in einem großen Teil der Studentenschaft, weil sie alle wesentlichen Anläufe einer seit langem notwendigen Studien- und Hochschulreform scheitern sieht. Viele Studenten hätten sich daher in die Lage gedrängt gesehen, zur Selbsthilfe zu greifen "Die Mittel waren nicht immer gut und überzeugend, aber die Studenten hatten keine andere Wahl als öffentliche Demonstrationen."

Sprecher und Referenten der Katholischen Studentengemeinschaft Berlin (KSG) erhoben am Wochenende schwere Vorwürfe gegen die Polizei und die Berliner Presse. In einem Flugblatt, das am Sonntag im Anschluß an die Abendmesse an verschiedenen Kirchentüren verteilt wurde, wird behauptet, die Berliner Zeitungen verschwiegen oder verfälschten die Tatsachen im Zusammenhang mit dem Tod Ohnesorgs.

Aus der FR-Sonderausgabe von Anfang Juni 1967

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