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Deutsche Männer und Frauen ziehen im Juli 1945 Karren mit Holz und Säcken durch das zerstörte Berlin (Archivfoto). Hunger und Kälte quälten die von pausenlosen Bombenangriffen verschreckten Menschen, die in den Ruinen einst stolzer Städte hausten. Um etwas Wärme zu bekommen, verheizten sie Holz aus Grünanlagen, Parkbänke, Bücher - Kohlen gab es kaum noch.
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Deutsche Männer und Frauen ziehen im Juli 1945 Karren mit Holz und Säcken durch das zerstörte Berlin (Archivfoto). Hunger und Kälte quälten die von pausenlosen Bombenangriffen verschreckten Menschen, die in den Ruinen einst stolzer Städte hausten. Um etwas Wärme zu bekommen, verheizten sie Holz aus Grünanlagen, Parkbänke, Bücher - Kohlen gab es kaum noch.

Nur die Rüstungsproduktion lief noch

1945 war Deutschlands HungerjahrDeutschland im Frühjahr 1945: Hunger und Kälte quälten die von pausenlosen Bombenangriffen verschreckten Menschen, die in den Ruinen einst stolzer Städte hausten. Die Wirtschaft war vollständig auf den "totalen Krieg" ausgerichtet, es fehlte an allem.

Von HORST HEINZ GRIMM (HAMBURG, DPA)

Deutschland im Frühjahr 1945: Hunger und Kälte quälten die von pausenlosen Bombenangriffen verschreckten Menschen, die in den Ruinen einst stolzer Städte hausten. Um etwas Wärme zu bekommen, verheizten sie Holz aus Grünanlagen, Parkbänke, Bücher und sogar Parkettböden; Kohle gab es kaum noch. Schlechte Hygieneverhältnisse förderten die Verbreitung von Krankheiten, für deren Bekämpfung die notwendigen Medikamente fehlten.

Diese heute unvorstellbare Not, zu der noch die Trauer um getötete Familienmitglieder und die Sorge um die an die Front geschickten Männer und Söhne kamen, war eine Folge des längst schon verlorenen Krieges. Diese Tatsache ignorierte die Nazi-Führung in Berlin und peitschte das Volk mit Parolen und Sanktionen zum letzten Widerstand.

Die allgegenwärtige Propaganda fantasierte weiter vom "Endsieg". Die Rüstungsbetriebe arbeiteten deshalb bis zuletzt. Im Januar 1945 beispielsweise betrug der Ausstoß unter anderem fast 400 Millionen Schuss Munition, 300.000 Gewehre, über 3100 Flugzeuge, Hunderte Panzer, fast 6000 Lastfahrzeuge und selbst U-Boote. Entscheidenden Anteil an der Fertigung hatten die von den Nazis während der Eroberungsfeldzüge verschleppten Millionen Zwangsarbeiter und Juden sowie auch Kriegsgefangene.

Ohne Schwarzmarkt ging nichts mehr

Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Gütern des täglichen Verbrauchs sank auf ein katastrophales Minimum. Schon im Februar hatte das Finanzministerium in Berlin eine Ausbreitung des "Schwarzen Marktes" festgestellt, "die es bisher nur in den Ländern gab, die kurz vor dem Zusammenbruch standen". Um zu überleben, tauschten viele Bürger Stücke aus ihrem Besitz gegen Brot, Fleisch oder Kartoffeln.

Ein Erwachsener konnte Ende März, wenn die Zulieferung noch funktionierte, pro Woche mit maximal 1700 Gramm Brot, 250 Gramm Fleisch, 125 Gramm Fett und derselben Menge Zucker rechnen. Alle drei Wochen gab es 100 Gramm Kaffee-Ersatz, 62,5 Gramm Käse und 225 Gramm "Nährmittel" wie Teigwaren. Die eigene Landwirtschaft und Viehzucht konnte den Bedarf längst nicht mehr decken, die Bauern mussten für den NS-Staat kämpfen, mit dem in dieser Zeit niemand mehr Handel treiben wollte.

"Totaler Krieg" statt Konsumgüter

Das Hitler-Regime hatte seit der Machtübernahme 1933 die deutsche Wirtschaft auf einen bevorstehenden Krieg ausgerichtet. Der Schwerpunkt lag auf der Rüstung, die später von einem eigenen Ministerium gesteuert wurde.

Spätestens seit 1943 musste sich die gesamte Nationalökonomie dem von Propagandaminister Joseph Goebbels verkündeten "totalen Krieg" unterordnen. Mit Erfolg, wie die ergebenen Funktionäre ihrem "Führer" meldeten. Den höchsten Ausstoß gab es im Jahr 1944, als die alliierten Bomberflotten schon das Reichsgebiet angriffen. Die Rüstungsbetriebe fertigten mehr als drei Mal so viel wie 1942; selbst im Januar 1945 produzierten sie noch die doppelte Menge.

Ganz anders sah es in der Konsumgüterversorgung aus, zu deren Bewirtschaftung schon Ende August 1939, unmittelbar vor dem Angriff auf Polen, die Grundlagen gelegt worden waren. Die Planer verzichteten bewusst auf alle "überflüssigen" Fertigungen wie Güter für die gehobene Nachfrage - beispielsweise Lippenstifte. Beim Zusammenbruch Deutschlands erreichte die Produktion gerade noch zwischen zehn bis 15 Prozent des fünfeinhalb Jahre zuvor erreichten Volumens, um dann vorübergehend ganz zum Stillstand zu kommen. Von den im Februar unter schwierigsten Bedingungen in Deutschland geförderten Steinkohlemengen hatte zuletzt nur noch knapp die Hälfte ihre Bestimmungsorte erreicht. Das Verkehrsnetz gehörte zu den bevorzugten Zielen der alliierten Bomberflotten.

Der für die Kriegswirtschaft verantwortliche Minister Albert Speer (er wurde von den Alliierten wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 20 Jahren Haft verurteilt) informierte Hitler schließlich Mitte März eindringlich über die aussichtslose Lage. "Es ist daher in vier bis acht Wochen mit dem endgültigen Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft mit Sicherheit zu rechnen.... Nach diesem Zusammenbruch kann auch der Krieg nicht mehr fortgesetzt werden." Vier Tage darauf gab der "Führer" den berüchtigten "Nero"-Befehl, der auch als "Verbrannte-Erde-Befehl" in die Geschichte eingegangen ist: Deutsche Truppen sollen beim Rückzug alle für den Feind nutzbaren Industrie- und Versorgungsanlagen zerstören. Er wurde jedoch weitgehend unterlaufen. Das unter Androhung der standrechtlichen Todesstrafe von fanatischen Nazi-Bonzen erzwungene Durchhalten sollte noch bis Anfang Mai dauern.

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