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Der neue große Mann bei der CSU: Alexander Dobrindt.

Alexander Dobrindt CSU

Ein Rüpel wird Minister

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Ob Linke, Grüne, Homosexuelle oder Sigmar Gabriel - der hitzige CSU-Mann Alexander Dobrindt pöbelte in fast alle Richtungen. Nun - als künftiger Minister - verändert sich der Stil. Dobrindt gibt sich kühl.

Er hat seine Sachen schon gepackt. Das Büro in der Münchner CSU-Zentrale, das sich im Sommer so gut aufheizt, muss demnächst ein anderer ertragen. Alexander Dobrindt wird demnächst ein Ministerbüro in Berlin haben – so der SPD-Mitgliederentscheid zum Koalitionsvertrag positiv ausfällt zumindest.

Dobrindt weiß das schon ziemlich lange, seit dem bayerischen Wahlabend genauer gesagt. Nur die Kanzlerin war sich ihres Kabinettspostens in den letzten Wochen ähnlich sicher. Die beliebteste Politikerin und einer der unbeliebtesten Politiker haben etwas gemeinsam. Laut einer Umfrage wollen nur 17 Prozent der Bundesbürger Dobrindt im Kabinett sehen, es ist der schlechteste Wert gewesen.

Machtwort von Seehofer

Aber es entscheiden über die Besetzung der Ministerposten ja nicht die Bürger, auch nicht die SPD-Mitglieder. Es entscheiden die Parteichefs und bei der CSU ist das Horst Seehofer. Der hat Dobrindt den Karrieresprung öffentlich zugesagt, nachdem die CSU die absolute Mehrheit wiedergewonnen hatte.

Damals war christsoziale Weltordnung wiederhergestellt geworden. Seehofer war der neue Bayernkönig. Und Dobrindt, sein Generalsekretär und Wahlkampforganisator, hatte ihn also mit dazu gemacht. Da kann man sich schon erkenntlich zeigen.

Ausgerechnet Dobrindt nun also. Bekannt und unbeliebt geworden ist er durch seine Grobheiten. Gurkentruppe, hat er die FDP genannt zu Beginn der schwarz-gelben Koalition. Das entsprach ziemlich genau dem Eindruck von außen. Doch das trug nicht dazu bei, dass sich das Klima in der Koalition besserte.

Dobrindt pöbelte in alle Richtung, immer hübsch auf oder unter Stammtisch-Niveau. Die Linkspartei wollte er verbieten lassen. EZB-Präsident Mario Draghi sah er als Falschmünzer. Homosexuelle waren für ihn eine „schrille Minderheit“. Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft verlieh er den Titel „das faulste Ei der Politik“. Und die Grünen seien „der politische Arm von Krawallmachern und Brandstiftern“. Grünen-Politiker Volker Beck bezeichnete er als „Chef der Pädophilen-AG“. Und auch Sigmar Gabriel bekam was weg: Er sei „übergewichtig und unterbegabt“.

Stammtisch und dumpfe Provinz

Dobrindt sah das als seine Aufgabe als Generalsekretär, als zulässige Zuspitzung, als Möglichkeit der Wähleransprache. Gemäßigtere Leute in seiner Partei und vor allem in der CDU rümpften die Nase.
Die Grenze von der zulässigen Zuspitzung zur Beleidigung war fließend, die Herabwürdigung des eigenen Berufsstands der Politiker inbegriffen. Einem ähnlich robusten Formulierer aus der FDP, Wolfgang Kubicki, hielt Dobrindt vor, diesem habe offenbar „die Schweinegrippe aufs Gehirn geschlagen“.

Bei seiner Vorstellung als Generalsekretär Anfang 2009 – sein Vorgänger Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) war gerade für den zurückgetretenen Michael Glos ins Wirtschaftsministerium gewechselt – hatte Dobrindt erwähnt, er sei gerade in seinem Heimatort Peißenberg südlich des Starnberger Sees zum dritten Mal Schützenkönig geworden. Vielleicht wollte er damit seine Treffsicherheit hervorheben, aber es klang eher wie Stammtisch und dumpfe Provinz. Es passte zu den Sprüchen.

In der CDU befand man, Dobrindt sei wohl etwas schlicht. Das hat sich geändert. „Dobrindt ist ein kluger, strategischer Kopf“, hört man nun von früheren Kritikern. Das liegt am Wahlerfolg, der jede Entscheidung im Nachhinein zur klugen Strategie macht.

Allerdings war Dobrindt, einer der wenigen Soziologen unter vielen Juristen in der CSU-Spitze, tatsächlich mit Plan vorgegangen: Er hat sich vorgenommen, Frauen und junge Wähler anzusprechen, die der CSU besonders fehlten. Der 43-Jährige sagt, sein Schlüsselerlebnis sei gewesen, dass die CSU von einer TV-Nachrichtenmoderatorin mal als „gefühlt älteste Partei“ tituliert worden sei.

Stefan Raab adelte Dobrindt

Darauf reagierte Dobrindt: Mit Betreuungsgeld und Sekt-Lounge-Empfängen als Lockmittel für die Frauen. Mit Facebook-Partys für die Jungen. Es war holzschnittartig, es gab viel Spott. Aber der Blödel-Moderator Stefan Raab adelte die neuen CSU-T-Shirts im US-College-Look mit der Bewertung: „Gar nicht schlecht, hätte man gar nicht von der CSU erwartet“. Dobrindt freute sich. Endlich war die CSU cool, zumindest wurde sie gut vermarktet.

Dobrindt hatte sich in der Zwischenzeit auch selbst überarbeitet. Er hatte abgenommen, trug jetzt plötzlich eine auffällige Brille, figurbetonte Anzüge und spitze Schuhe. Man konnte sich fragen, ob er beim Schützenverein nun noch Zutritt hatte, zuhause in Peißenberg, wo er aufgewachsen ist und immer noch wohnt.

Wenn Dobrindt über die CSU spricht, dann redet er wie über eine Marke, die eben positioniert werden muss im Markt. Er redet über Schlüsselbegriffe.

Dabei klingt er dann gar nicht hitzköpfig, sondern berechnend kühl. Wenn man genau hinschaut, tritt er auch so auf. Dobrindt poltert nicht unkontrolliert vor sich hin. Er setzt seine Sätze, er konzentriert sich dabei. Er ist nicht immer schnell mit seinen Antworten. Er will nicht einfach irgendetwas sagen und dann nicht erwähnt werden. So kommt es zu den Zuspitzungen.

Einfach nur die Linkspartei beschimpfen, da wäre er ja einer von vielen. Also fordert er ihr Verbot. Damit kommt er in die Nachrichten. Man kann sagen, Dobrindt stellt das Ziel gerne mal über den Inhalt.
Während der Koalitionsverhandlungen hat er sich mit seiner Amtskollegin Andrea Nahles (SPD) zum Essen getroffen. Der Zufall wollte es, dass ein Fotograf einer Boulevardzeitung das Essen dokumentierte – oder eben Bescheid wusste.

Statthalter in Berlin

Bei den Pressekonferenzen zu den Verhandlungszwischenständen, entschied sich Gröhe für mäandernde Sätze, Nahles für Gediegenheit. Dobrindt aber hatte sich stets einen bildhaften Satz überlegt, genau in der Länge, die für Fernsehnachrichten tauglich sind. Die Arme hielt er bei seinen Auftritten seltsamer Weise verschränkt, als müsse er sich selbst festhalten. Oder eben kontrollieren.

Als nächstes wird er also Minister sein, wegen der engen Anbindung an Seehofer der wichtigste der drei CSU-Minister – sozusagen dessen Statthalter in Berlin.

Für die CSU bedeutet das noch etwas anderes: Weil in Berlin drei CSU-Männer Minister sein werden, wird wohl eine Frau oberste Wahlkämpferin der Partei. Und die Riege der Seehofer-Kronprinzen hat wieder ein neues Mitglied bekommen.

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