Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Rücktritt ohne Entschuldigung: Konfrontiert mit Vorwürfen sexueller Belästigung beruft sich der (Noch-) Gouverneur Andrew Cuomo auf „Generationsunterschiede“.
+
Rücktritt ohne Entschuldigung: Konfrontiert mit Vorwürfen sexueller Belästigung beruft sich der (Noch-) Gouverneur Andrew Cuomo auf „Generationsunterschiede“.

#Metoo

Rücktritt von New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo: Bye bye, Macho!

  • Sebastian Moll
    VonSebastian Moll
    schließen

Für manche ist es der tiefe Fall des Pandemiehelden „Gouverneur Covid“. Doch für viele in New York bedeutet der Rücktritt von Andrew Cuomo das Ende einer korrupten Ära.

Andrew Cuomo gab sich größte Mühe, noch einmal wie ein Würdenträger zu wirken, als er sich am Abend des vergangenen Dienstag in seiner Dienstvilla in Albany vor die Kameras setzte. Der Hintergrund war angefüllt von einer amerikanischen Flagge und dem Staatssiegel des Staates New York. Der noch immer amtierende Gouverneur trug einen dunkelblauen Anzug und, wie es sich für einen Amtsträger in den USA gehört, eine Anstecknadel mit dem Star Spangled Banner im Revers. Mit ernster Miene und getragener Stimme wandte er sich ein letztes Mal an sein Wahlvolk und versuchte irgendwie zu retten, was an seinem Ruf noch zu retten ist.

Das Bühnenbild glich dem Bild, das Cuomo täglich präsentierte, während er vor gerade einmal 15 Monaten furchtlos und mit harter Hand seinen Staat so erfolgreich durch die Covid-Krise gesteuert hatte. Damals stieg er praktisch über Nacht zum nationalen Polit-Superstar auf, man gab ihm den Spitznamen Gouverneur Covid. Cuomo war auf einmal der Anti-Trump und Trump fürchtete Cuomo mehr, als jeden anderen politischen Herausforderer.

Elf Frauen werfen Andrew Cuomo sexuelle Belästigung vor – Gouverneur von New York kündigt Rücktritt an

Und weil das damals so gut geklappt hatte, bemühte Cuomo auch diesmal wieder jenen Gestus, der ihn vorübergehend zum politischen Aufsteiger der USA gemacht hatte. Er packte den Stier – in diesem Fall nicht Covid, sondern die Vorwürfe von elf Frauen wegen sexueller Belästigung – bei den Hörnern. Das sollte „New York tough“ aussehen, von jener furchtlosen Attitüde geprägt, mit der Cuomo der Pandemie in die Augen geschaut und in seinem Staat gezähmt hatte.

Doch anders, als seinerzeit das Virus, das er anders als der Präsident ernst nahm, wählte er diesmal die Taktik der Verharmlosung. Er sei nun einmal ein jovialer Mensch, gab er zum Besten, er berühre Menschen, um Verbundenheit her zu stellen. Dabei habe er nie wissentlich Grenzen der Sittsamkeit überschritten. Er müsse aber wohl anerkennen, sagte der 63-Jährige, dass er zu einer anderen Generation gehöre und die Sitten sich gewandelt haben.

Weil es ihm niemals um ihn selbst gehe, fuhr Cuomo fort, werde er aber wohl trotzdem sein Amt niederlegen. Um keine Ablenkung vom Wesentlichen mehr darzustellen und die Regierung dazu zu befähigen, sich auf die anstehenden Aufgaben wie etwa die Verbreitung der Delta Variante in New York, zu konzentrieren. Die restlichen zehn Minuten seiner 20-Minütigen Ansprache brachte Cuomo dann damit zu, die Errungenschaften seiner zehn Jahre im Amt zu preisen, die ja, ganz nüchtern betrachtet, wie er meinte, ihre Gültigkeit gar nicht verlieren könnten.

Rücktritt ohne ernsthafte Entschuldigung: Andrew Cuomo gesteht sexuelle Belästigung nicht ein

Es war ein etwas trauriger Versuch, die letzten Reste nicht nur seiner eigenen politischen Reputation sondern die seiner Familie zu schützen. Schon sein Vater Mario, wie Andrew lange Zeit ein überaus populärer Gouverneur, war nur knapp am Einzug in das Weiße Haus gescheitert. Mit Andrews nun unrühmlichem Abschied aus der Politik, den ein Kommentator als nachgerade Shakespeare-hafte Tragödie beschrieb, ist der Name Cuomo in der US-Politik aber wohl irreparabel beschädigt.

New York zeigt sich bereit für einen Regierungswechsel.

Die Reaktionen auf Cuomos Abschiedsrede waren durchweg negativ. Das Magazin Politico verglich die Rede mit der Rücktrittsrede von Richard Nixon. Die Parallelen waren verblüffend, einige Formulierungen glichen sich praktisch wörtlich. Beide Politiker hatten die Kunst gezeigt, sich zu entschuldigen, ohne wirklich für irgendetwas Verantwortung zu übernehmen.

Das Portal Slate vermerkte derweil, dass Cuomos „Dinosaurier“-Ausrede nicht ziehe. Cuomos Behauptung, er sei als älterer Herr einfach nicht mit dem Sittenwandel der #Metoo-Ära mitgekommen, habe aber niemals etwas Schlimmes im Schilde geführt, sei allzu fadenscheinig.

Viel eher ist man dazu geneigt, der Justizministerin des Staates New York, Letitia James, zu folgen, die in ihrem 165 Seiten langen Report befand, die Anschuldigungen der elf Frauen seien überaus glaubwürdig. Es sind Anschuldigungen von Mitarbeiterinnen, die ein Bild von jahrelanger, gewohnheitsmäßiger sexueller Belästigung zeichnen.

Vor den Belästigungsvorwürfen wurde Andrew Cuomo auch der Korruption beschuldigt

So, wie etwa der Fall einer Staats-Polizistin, die Cuomo zu seinem persönlichen Schutz angefordert hatte, nachdem er sie bei einer Veranstaltung kennen gelernt hatte. Bei Begegnungen in seinem Amtssitz sei es dann zu unsittlichen Berührungen und anzüglichen Bemerkungen gekommen.

Oder der Fall seiner ehemaligen Assistentin Lindsay Boylan, die bereits im Februar 2020 mit ihren Vorwürfen an die Öffentlichkeit gegangen war. Laut Boylan forderte Cuomo sie mehrmals während Dienstflügen dazu auf, Strip-Poker zu spielen und berührte sie auf eindeutig sexuelle Art und Weise.

So oder so ähnlich geht die Liste weiter. Cuomo überschritt nie, wie etwa Harvey Weinstein, die Grenze zum sexuellen Angriff oder gar zu einer Vergewaltigung. Aber er schaffte eine Atmoshpäre in seinem Stab und seinem Umfeld, in dem er Frauen förderte und begünstigte, wenn er sie attraktiv fand und ihnen knallhart seine Gunst entzog, wenn sie sich seinen schlüpfrigen Avancen entzogen.

Andrew Cuomo: Politik wurde seit Jahren von einem Stil der Einschüchterung geprägt

Als Lindsay Boylan etwa an die Öffentlichkeit ging, lancierte Cuomos Stab über Nacht Unterlagen an die Presse, die vermeintlich Boylans Inkompetenz und Unzuverlässigkeit dokumentieren sollten. Boylan versuchte zu jener Zeit gerade ihre eigene politische Karriere auf die Spur zu bringen, indem sie für das Amt der Stadtteil-Vorsteherin von Manhattan kandidierte.

Dieser Stil der Einschüchterung, hatte offenbar über viele Jahre hinweg Cuomos politische Praxis geprägt. Doch irgendwie, war er immer damit durch gekommen. Ironischerweise war es erst die große Popularität, die er während der Covid-Krise erlangte, die die Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit auf Cuomos mafiosen Regierungsstil lenkte.

So bestimmte im vergangenen Frühjahr nicht alleine Cuomos sexuelle Übergrifflichkeit die nationalen Schlagzeilen. Die republikanische Partei nahm auch genüsslich zur Kenntnis, dass sich der vermeintliche Covid-Held inmitten der Krise weder heldenhaft noch besonders ethisch verhalten hatte.

Cuomo hatte offenbar während Corona die wahrhaften Todeszahlen in New Yorker Altersheimen gezielt unterschlagen. Gleichzeitig hatte er Pflegekräfte, die positiv getestet wurden, weiterhin in diesen Heimen arbeiten lassen und somit ganz direkt zu dem Sterben in diesen Einrichtungen bei getragen.

Andrew Cuomo: In New York wurde „Gouverneur Covid“ schon lange kritisiert

Als ein Lokalpolitiker im New Yorker Stadtteil Queens, der in einer Kommission für die Anliegen der älteren Bevölkerung arbeitete, diese Information an die Öffentlichkeit trug, erging es ihm wie Lindsay Boylan. Der Gouverneur nahm es persönlich auf sich, den Mann einzuschüchtern und zu bedrohen.

Für diejenigen, die Andrew Cuomo erst so richtig als „Gouverneur Covid“ wahrgenommen und kennen gelernt hatten, sah all das wie die epische Implosion eines nationalen Hoffnungsträgers aus. Für die Menschen in New York und besonders für diejenigen, die Cuomos Karriere eng verfolgt hatten, kamen die Enthüllungen über seine „toxische Art, Macho-Politik“ zu machen, wie es das New York Magazine beschrieb, jedoch kaum als Überraschung.

So schrieb bereits auf der Höhe von Cuomos Politik der New Yorker Journalist David Freedlander einen Essay mit dem Titel: „Ich hoffe, dass Covid bald vorbei ist, damit ich Cuomo weder hassen kann“. Gerade unter der Linken war Cuomo mit seinem autoritären Stil und seiner Machtbesessenheit schon lange ein Objekt der leidenschaftlichen Abneigung.

So war man es seit langem Leid, wie sich Cuomo in die Politik der Stadt New York einmischte und den Bürgermeister ohne erkennbaren Grund sabotierte. Nur, um den anfänglich populären Bill de Blasio nicht zu mächtig werden zu lassen, gab er Lippenbekenntnisse zu beliebten Maßnahmen ab, nur um sie dann hinten herum durch Verschleppungen und Verweigerung von Zuschüssen zu unterwandern. Aus eben diesem Grund warf der Brite Andy Byford, der von der Stadt angeheuert wurde, um das marode U-Bahn System zu überholen, nach einem Jahr das Handtuch. Mit Cuomo, sagte er, könne er nicht effektiv seine Vorstellungen umsetzen.

Lügen über Corona-Todeszahlen, Korruption, sexuelle Belästigung: Viele Vorwürfe gegen Andrew Cuomo

New Yorkerinnen und New Yorker wussten auch bereits vor Covid, dass Cuomo im Jahr 2014 die Arbeit einer Kommission behindert hatte, die Korruption in der Staatsregierung in der New Yorker Hauptstadt Albany untersuchte. Wann immer die Kommission Firmen aufs Korn nahm, zu denen Cuomo Kontakt hatte, intervenierte dessen Sekretär. Der Bundes-Staatsanwalt des Staates New York, Preet Bharara, leitete daraufhin eine Untersuchung von Cuomo ein, die jedoch jäh endete, als Bharara im Jahr 2016 von Donald Trump aus dem Amt entlassen wurde.

Cuomos Stellvertreterin Kathy Hochul gehört zu seinen schärfsten Kritikerinnen. Nun übernimmt sie den Posten.

So ist für alle, die New Yorker Politik schon länger beobachten, der Fall von Cuomo weniger der Sturz eines Helden, als das längst überfällige Ende einer korrupten, toxischen Ära in New York. So schrieb das linke Magazin „Mother Jones“: „Cuomo war weniger eine Alternative zu Donald Trump als vielmehr dessen demokratischer Cousin.“ Insofern könne man nur froh sein, dass das nun vorbei ist: „Good Riddance“.

Nun hat New York die Chance, die Zeit des Filzes und des toxischen Machismo im Staat zu beenden. Auf Cuomo folgt seine Stellvertreterin Kathy Hochul, die in 14 Tagen als erste weibliche Gouverneurin in der 400 Jahre langen Geschichte des Staates vereidigt wird. Hochul ist eine moderate Demokratin, welche die ländlichen und städtischen Bezirke des Staates auf sich vereinigen kann.

Als im Frühjahr die ersten Meldungen über Cuomos sexuelles Fehlverhalten an die Öffentlichkeit traten, kritisierte Hochul ihren Chef auf das Schärfste. Seither hat er mit ihr kein Wort mehr gewechselt. Nun ist sie dran.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare