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„Die letzten 33 Jahre waren eine fordernde, aber auch eine erfüllende Zeit“, sagt Schäfer-Gümbel.

Letztes Interview

Hessens SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel vor Rücktritt: „Jammern geht gar nicht"

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Seit 2003 war Thorsten Schäfer-Gümbel auf der großen politischen Bühne unterwegs, zuletzt als kommissarischer SPD-Vorsitzender. Nun widmet er sich anderen Aufgaben. Der Frankfurter Rundschau gibt er sein letztes Interview als Politiker.

Wie fühlt sich das an, wenn einer die Politik verlässt? Seit 2003 war Thorsten Schäfer-Gümbel auf der großen politischen Bühne unterwegs, als Landtagsabgeordneter und Fraktionschef, als SPD-Landesvorsitzender und Vizechef seiner Partei im Bund – und zuletzt sogar noch als kommissarischer Bundesvorsitzender. In der Frankfurter Rundschau gibt er sein letztes Interview als Politiker. Am Dienstag beginnt für ihn ein neues Leben, als Arbeitsdirektor der Entwicklungshilfe-Organisation GIZ. Es ist der Tag, an dem er seinen 50. Geburtstag feiert.

Herr Schäfer-Gümbel, sind Sie froh, aus dem Haifischbecken der Politik rauszukommen?
Die letzten 33 Jahre waren eine fordernde, aber auch eine erfüllende Zeit. Es ist schon eine gehörige Portion Wehmut dabei, das hinter sich zu lassen.

Was nehmen Sie an persönlichen Erinnerungen mit?
Viele Begegnungen haben sich tief eingegraben, beispielsweise meine Reise in den Irak zu den UN-Flüchtlingscamps 2016, immer mit meinen schwer bewaffneten Begleitern wegen der Bedrohung durch den „Islamischen Staat“. Das ist natürlich prägend, ebenso wie mein Besuch in Tibet, in den buddhistischen Klöstern, oder der Tag auf der Krankenstation im Krankenhaus in Darmstadt. Es waren auch schwierige Begegnungen dabei mit Menschen, die keinerlei Vertrauen und Hoffnung mehr in politische Entscheidungen haben.

Wie war das, wenn Sie von einer Landtagssitzung, einem Parteitag oder einer China-Reise nach Hause gekommen sind?
Ich hatte keine Rituale, wenn Sie das meinen. Ich habe mal ein Glas Rotwein getrunken, habe mit meiner Frau geredet, laut Musik gehört, habe mich aufs Sofa gesetzt oder auf die Treppe, die in den Garten führt, um eine Tasse Kaffee zu trinken. Übrigens gerne morgens zum Sonnenaufgang und nachgedacht. Einfach mal ein paar Minuten runterkommen, Gedanken sammeln.

Wie geht es Ihrer Familie mit Ihrer Entscheidung?
Gut, sehr gut sogar. Ein Leben in der Öffentlichkeit hat Auswirkungen auf Familie und Kinder. Es ist jetzt sicher auch eine Erleichterung.

Hessen-SPD: Schäfer-Gümbel tritt zurück

Hat es Sie geerdet, als Vater von drei schulpflichtigen Kindern in der Politik gewesen zu sein?
Ja, definitiv. Ich hatte das unfassbare Glück, dass meine Familie das alles mitgetragen, manchmal auch ertragen hat. Meine Frau hat mir unfassbar viel abgenommen, nachdem ich mir den Erziehungsurlaub für die älteste Tochter noch mit ihr geteilt hatte. Es tut gut, dass man sich neben dem Politikbetrieb auch mit den Alltagsthemen beschäftigen muss. Dann muss man aus der Politikmühle zwangsläufig raus.

Gibt das auch Impulse für die Politik?
Ja, natürlich. Meine Frau hat ihre eigene Sicht auf Themen und auch meine älteste Tochter ist meinungsstark. Beide haben klare Standpunkt, die mich auch immer wieder in Erklärungen fördern und manchmal auch eine Selbstkorrektur eingeleitet haben.

Sie haben sich noch in Ihrer Amtszeit als Vormund um einen jungen Eritreer gekümmert, ohne viel Aufhebens darum zu machen. Was ist aus ihm geworden? Konnte er in Deutschland bleiben?
Ja. Wir sind immer noch im Kontakt. Er ist auf dem Weg zu einer Ausbildung in einem pflegenden Beruf.

Was haben Sie aus diesen Erfahrungen mitgenommen?
Man wird daran erinnert, dass die Entscheidungen, die man trifft, konkrete Auswirkungen auf Menschen haben. Wenn wir im Hessischen Landtag über die Humanitätskrise und über die Beschulung von Flüchtlingen geredet haben, war es mir wichtig, den Einzelnen dabei nicht aus dem Blick zu verlieren.

Hessen-SPD: Schäfer-Gümbel über Drohungen gegen seine Person

Sie haben Homestorys weitgehend vermieden. Wie viel Öffentlichkeit verträgt das Familienleben?
Wir haben uns sehr früh und sehr klar entschieden, im November 2003, dass wir nicht zulassen, dass die Familie ein öffentlicher Teil meiner politischen Karriere wird. An der Haustür war Schluss. Ich glaube, dass es gut ist, die Tür so zu wie möglich zu halten.

Sie sind vor allem in der Anfangszeit auch persönlich angegangen worden, wegen Ihrer dicken Brille etwa und wegen Ihres Doppelnamens. Ist Ihnen das unter die Haut gegangen?
Das ist nicht spurlos an mir vorübergegangen. Es ist oft spekuliert worden, dass mein manchmal distanziertes Verhältnis zu Medien darauf zurückführen ist. Und die Spekulation trifft sicher den Nagel auf den Kopf.

In den vergangenen Wochen, insbesondere seit dem Mord an Walter Lübcke, sind Mobbing und Bedrohungen gegen Politiker in der öffentlichen Diskussion. Wie sind Ihre Erfahrungen?
Es gab immer mal wieder Drohungen gegen mich. Bis auf einen Fall habe ich das immer zur Seite gelegt und nicht ernst genommen. Einmal waren sie so konkret und fordernd, dass meine Frau und ich sie nicht ignorieren konnten. Die Zusammenarbeit mit dem Landeskriminalamt war sehr gut, wir haben unsere eigenen Sicherheitsmaßnahmen überprüft und die Polizei hat ihrerseits die Maßnahmen erhöht. Ich habe mich aber entschieden, das nicht öffentlich zu machen, sondern den Profis zu überlassen, auch um die Nachahmereffekte nicht zu groß werden zu lassen. Massive Morddrohungen wie jüngst gegen Martin Dulig aus Sachsen oder andere Kolleginnen und Kollegen habe ich nicht erfahren. Vielleicht habe ich sie auch nicht mitbekommen, weil ich schon beim Anschein einer Drohung, die Dinge zur Seite lege und mich damit nicht beschäftige.

Wie weit haben solche Belastungen Ihre Entscheidung mitgeprägt, die Politik zu verlassen?
Gar nicht. Meine Entscheidung resultiert schlicht und einfach daraus, dass klar war, dass ich in Hessen kein weiteres Mal antreten kann, dass ich einen Neuanfang für mich will, dass ich einen Neuanfang für meine Partei ermöglichen wollte. Und ich wollte das zudem selber entscheiden. Ich bin sozialdemokratischer Politiker mit Leidenschaft. Politik prägt mein Leben. Das wird mich sicherlich nicht loslassen.

Hessen-SPD: Schäfer-Gümbel über ein mögliches Comeback

Werden wir Sie wiedersehen auf der politischen Bühne?
Ich habe noch 20 Jahre Berufsleben vor mir. Kein Mensch weiß, was in 20 Jahren passiert. Ich unterstreiche aber zweimal: Ich plane es allerdings nicht! Ich freue mich jetzt auf meine neue Aufgabe. Und der gilt meine Kraft und Aufmerksamkeit.

Für einige Monate waren Sie einer der kommissarischen Vorsitzenden der SPD. Ist, wie Franz Müntefering gesagt hat, der SPD-Vorsitz das schönste Amt nach dem Papst?
Ja, das ist nah dran. Auch wenn ich als Konvertit den Papst nicht mehr als Orientierungsperson nehme. Diese Mischung aus Tradition und Wirkungsmacht, die viele Mitglieder stolz und verantwortlich vor dieser Tradition macht und gleichzeitig dem sozialdemokratischen Versprechen auf eine bessere Zukunft, das ja die Hoffnung darauf stark macht, macht das Besondere dieser Partei aus. Das gilt auch wenn wir momentan in einer strukturellen Schwäche sind.

Ihr Vater und Ihr Großvater haben bei Ihnen zu Hause gestritten, ob man mehr auf Willy-Brandt- oder Helmut-Schmidt-Linie liegen sollte. Wer ist für Sie das größere Vorbild, Brandt oder Schmidt?
Für mich ist die prägende Figur in den letzten Jahren immer mehr Georg August Zinn geworden, der frühere hessische Ministerpräsident. Insofern würde ich mich weder Willy Brandt noch Helmut Schmidt zuordnen. Wenn es ein Vorbild neben (dem früheren EU-Kommissionspräsidenten, Anm. d. Red.) Jacques Delors gibt, dann ist es Georg August Zinn.

Was macht eigentlich Freude an der Politik?
Die Gestaltungsmöglichkeiten, die Begegnung mit Anderen, der Austausch über den besseren Weg. Darüber, Dinge verändern zu können, das ist für einen Sozialdemokraten wichtig. Es gibt andere politische Kräfte, für die ist die Sicherung des Status Quo, das Konservative prägend. Für mich ist es ausdrücklich die Gestaltung.

Hessen-SPD: Schäfer-Gümbel feiert runden Geburtstag

Das hört sich ein bisschen nach dem Idealbild der Demokratie an. Ist es in Wahrheit nicht frustrierend, wenn man vieles nicht oder nur sehr langwierig gestalten kann?
Das ist wie immer im Leben. Es ist nicht alles nur schön und alles nur einfach. Es gibt Widerstand und es gibt bittere Rückschläge. Ehrlich gesagt: Mir ist vieles zu langsam gegangen. Aber da gilt der Satz meiner Frau Annette: Jammern geht gar nicht.

Am Dienstag werden Sie 50 Jahre alt. Wie wird der Tag?
Am 50. Geburtstag werde ich früh bei der GIZ in Eschborn sein und meinen ersten Arbeitstag beginnen. Der Tag ist mit einer ganzen Reihen von Terminen geplant, ich werde sicherlich mit vielen Kolleginnen und Kollegen reden. Abends will ich bei meiner Familie sein. Ich feiere selten meine Geburtstage. Aber da es ein runder ist, wird es eine private Feier am Wochenende geben.

Was haben Sie bei der SPD noch zu erledigen?
Ich nehme die letzten Male an Gremiensitzungen teil. Das wird enden mit den Parteitagen von Landes- und Bundespartei im November und Dezember. Öffentlich werde ich nach dem Montag nicht mehr auftreten.

Werden Sie eine Träne verdrücken, wenn es soweit ist und Sie auf den Parteitagen Abschied nehmen?
Ganz sicher. Ich habe so viel zu tun, dass ich noch gar nicht an den Punkt gekommen bin, da richtig Abschied zu nehmen. Das wird noch kommen.

Nachdem SPD-Chef Schäfer-Gümbel abtritt, will diese Politikerin seine Nachfolge übernehmen.* Wie er sich nach seinem Rücktrittsgesuch fühlte, verriet er im Interview.* In der Vergangenheit hatte der SPD-Mann sich unter anderem für einen bundesweiten Mietendeckel ausgesprochen.* Die SPD hatte bei den Landtagswahlen in Hessen ein historisch schlechtes Wahlergebnis,* obwohl Schäfer-Gümbel sich im Wahllokal noch optimistisch gezeigt hatte.*

Zur Person

Thorsten Schäfer-Gümbel ist noch bis Dezember einer der stellvertretenden Vorsitzenden der SPD. Der 49-jährige Hesse nimmt das Amt aber nur noch formal wahr, weil er am 1. Oktober die Politik verlässt und eine neue Aufgabe bei der Entwicklungshilfe-Organisation GIZ in Eschborn antritt.

Als der junge Abgeordnete vor fast elf Jahren Partei- und Fraktionsvorsitzender der hessischen SPD wurde, war er selbst in seinem Heimat-Bundesland ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Schäfer-Gümbel sprang in die Bresche, nachdem die vorgesehene Wahl seiner Vorgängerin Andrea Ypsilanti zur Ministerpräsidentin an vier Abweichlern aus den eigenen Reihen gescheitert war. Drei Mal trat Schäfer-Gümbel als Spitzenkandidat der hessischen SPD an. Doch es gelang ihm 2009, 2013 und 2018 nicht, seine Partei in die Landesregierung zu führen. Wegen seines Doppelnamens und seiner dicken Brille wurde der Sozialdemokrat nicht selten veralbert. Das hat ihn tief getroffen und seinen Umgang mit Medien geprägt.

In der Gießener Nordstadt, einem Arbeiterstadtteil, ist Schäfer-Gümbel aufgewachsen. Sein Vater war Lkw-Fahrer, seine Mutter Putzfrau. Er war das einzige von vier Kindern, das studieren durfte. Seit 1998 ist Schäfer-Gümbel mit Annette Gümbel verheiratet, einer promovierten Historikerin. Sie leitet als Geschäftsführerin die Geschicke der Kinderhilfe-Stiftung Kiwis. Das Paar hat zwei Töchter und einen Sohn. (pit)


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