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Archivbild von 1989 zeigt die deutsche Ehrenstätte von Al Alamein.

Al Alamein - Gedenkfeier

Rückkehr zu den Wüstengräbern

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Vor 70 Jahren begann die Schlacht von Al Alamein. Tausende Deutsche, Italiener, Briten und Australier starben. Heute versammeln sich Veteranen zur Gedenkfeier.

Vor 70 Jahren begann die Schlacht von Al Alamein. Tausende Deutsche, Italiener, Briten und Australier starben. Heute versammeln sich Veteranen zur Gedenkfeier.

Die Sonne knallt vom Himmel. Wüste, gelb-graue Wüste, soweit das Auge reicht. Nur in der Ferne blitzt es blau: das Mittelmeer. „Die Menschen, die hier gewesen sind, die hier gekämpft haben, die haben ganz besondere Erinnerungen an diesen Ort“, sagt Abdel Raouf Wair.
Der 65-jährige Ägypter trägt das lange weiße Gewand der Beduinen, und ein Tuch bedeckt seinen Kopf. Er sitzt im Schatten eines Baums. Über die Härten des Kriegs kann er nicht mitreden, denn 1942, als hier die Alliierten das Deutsche Nordafrikakorps vernichtend schlugen, war er noch nicht geboren. Doch Wair ist Wächter der deutschen Gedenkstätte. So wie sein Vater vor ihm und so wie es auch seine Söhne und Enkel ihm nachtun. Er hat den großen Schlüssel, öffnet das Tor zur Grabstätte, wenn Besucher kommen. Er hat gesehen, wie die Veteranen immer älter wurden und weniger. Er hat beobachtet, wie manche von ihnen erst im hohen Alter zum ersten Mal zurückkehren an diesen Ort, weil die Erinnerung im Alter wichtiger wird. Er kennt die Hinterbliebenen. Kurz, Abdel Raouf Wair ist ein Experte für Gedenken.

Blumen für die toten Kameraden

„Natürlich, die Gruppen werden kleiner, in diesem Jahr sind es nur noch zwei deutsche Veteranen, die zur jährlichen Gedenkfeier kommen, aber mit vielen anderen stehen wir im Briefkontakt. Manche bitten uns, Blumen ans Grab ihrer Kameraden zu legen“, sagt Moneim Wair, der Sohn. Er war gerade in Deutschland, auf Einladung der Tochter eines in Al Alamein Gefallenen. Die Wairs haben viele Geschichten zu erzählen – die von der Uhr eines australischen Soldaten etwa. Ein Beduinenjunge hatte sie aus dem Sand gezogen, und dann machte der Englischlehrer aus der Dorfschule tatsächlich einen Bruder des Verstorbenen ausfindig; ausgerechnet der hatte dem Soldaten die Uhr geschenkt, bevor dieser in den Krieg zog und nicht wiederkehrte.

Es sind nicht nur alte Geschichten, es sind auch neue hinzugekommen. Wie die vom Angriff der Plünderer auf die Gedenkstätte. Im März 2011, im Chaos der ägyptischen Revolution. „Denen haben wir es aber gezeigt“, sagt Moneim. Bevor es den Dieben gelang, die Kupfertür am Eingang zu stehlen, trommelte er die Männer der Umgebung zusammen, sie fassten die Diebe.

„Die deutsche 88-Millimeter haben wir da drüben“, sagt Islam Abdelwahab mit lauter Stimme. Er arbeitet für die Firma Magi-Tours und ist spezialisiert auf Führungen durch die Gedenkstätte und zu den Schauplätzen des Kriegs. Gerade führt er eine große Gruppe australischer Veteranen durch das Museum von Al Alamein. Interessiert schauen die Herren in khaki-farbenen Shirts auf das Flugabwehrgeschütz. „Jetzt sieht sie eigentlich recht harmlos aus, aber damals haben uns die Deutschen damit ganz schön zugesetzt“, sagt einer der Männer und macht ein Foto. Das Museum ist die erste Station ihrer „Battlefield-Tour“ zu den ehemaligen Kriegsschauplätzen. „Ich habe mit britischen Militärausbildern viele Touren in die Wüste gemacht. Sie studieren bis heute die Schlacht von Al Alamein. Nicht nur weil sie einer der Wendepunkte des Zweiten Weltkriegs war, auch weil sie strategisch so interessant war“, sagt Magdy Osman, der Chef von Magi-Tours. Er fährt mit den Veteranen zur „Kidney Riche“, einer damals umkämpften Senke, und zur Ruine der australischen Klinik. „An vielen Orten sieht man zwar nur Sand. Aber die Menschen haben ihre Erinnerungen, und so hat genau dieser Fleck Wüste eine besondere Bedeutung“, erklärt er.

17 Millionen Landminen

Osman achtet darauf, dass kein Veteran auf eigene Faust in die Wüste geht, Denn noch immer liegen schätzungsweise 17 Millionen Landminen in der Gegend von Al Alamein. Die Truppen zogen 1942 ab, doch gestorben wird bis heute: Kinder beim Spielen, Ziegen auf der Suche nach Futter, Hirten. Seit Jahrzehnten fordert Ägypten von den Kriegsparteien, dass sie die Minen räumen. Doch die Reaktion ist zögerlich. Seit 1998 zahlt Deutschland einen Beitrag an die UNDP, unterstützt das Minenräumprogramm der Vereinten Nationen. „Die Minen sind ein schreckliches Erbe des Kriegs“, sagt Alaa Ezzat. Der 24-jährige Wehrpflichtige führt Besuchergruppen durch das Kriegsmuseum von Al Alamein. Die meisten Ägypter könnten der Schlacht nicht viel abgewinnen. Trotzdem gefällt ihm die Arbeit im Museum. Er mag die alten Herren mit ihren Erinnerungen. „Auch wenn man sich fragt, was die hier eigentlich machten. So weit weg von ihren Ländern kämpften sie, um die Macht ihrer Herrscher zu vergrößern.“ Doch die Alternative zu seinem Job im Museum wäre für Alaa Wehrdienst in der Wüste.

„Soldat sein in der Wüste ist hart“, sagt Hans-Werner Richter. Der 92-Jährige war vor 70 Jahren dabei, als die Deutschen nach einem so schnellen Vormarsch in Nordafrika im Herbst 1942 von den alliierten Truppen in Al Alamein geschlagen wurden. Richter war Fallschirmjäger. „Der Brite nahm uns hier ins Trommelfeuer, und da blieb uns keine Wahl. Rückzug! Aber wir waren so schnell vorgerückt, da hatten wir nicht genug Fahrzeuge. Vor uns lag ein Fußmarsch von hundert Kilometern“, erzählt er. Doch es gelang seiner Einheit, eine britische Nachschubkolonne zu überfallen, und dann ging es weiter bis fast nach Tripolis.

Gerhard Neubauers Einheit – er gehörte zum Fuhrpark – wurde vom Kommandanten einfach aufgelöst: „Wir wurden des Eides enthoben und dann: Rette sich wer kann!“, erinnert sich der heute fast 90-Jährige. Die beiden sind die einzigen deutschen Veteranen, die an der Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Schlacht von Al Alamein am Samstag teilnehmen. Beide sind zum ersten Mal da. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge organisiert die Reise. „Mich lassen die Stimmen der gefallenen Kameraden nicht los“, sagt Richter. „Als ich älter wurde, habe ich angefangen, mehr nachzudenken, jetzt ist es Zeit, hierher zurückzukehren“, sagt er. Das Schlachtfeld, das Stück Wüste, wo er sich damals verschanzt hatte, würde er auch gern wiedersehen, aber wichtiger noch ist ihm der Besuch bei den Gräbern.

Urlaubsziel für reiche Ägypter

Zu den Gefallenen, dorthin zieht es auch Dorothee Heiser. „Es ist immer so viel von den Toten und den Veteranen die Rede, dabei sind es doch die Hinterbliebenen, welche den größten Verlust erlitten haben“, sagt die grauhaarige Dame. Sie hat ein Fotoalbum dabei. Nicht einmal zwei Jahre waren ihre Eltern verheiratet, als ihr Vater in Al Alamein fiel. Sie selbst hat ihn nie getroffen. In der Grabstätte fand sie mit dem Namen des Vaters nicht nur eine Spur von ihm, sondern auch außergewöhnliche Freunde. Schon dreimal ist sie hierher gekommen. Sie war es, die den Beduinen Moneim Wair kürzlich nach München einlud.
Seit drei Generationen bewachen die Wairs die Gedenkstätte, sie wohnen direkt daneben. Früher in Zelten, jetzt haben sie Häuser. Auch sonst hat sich das Leben hier verändert. Inzwischen ist die Gegend von Al Alamein zum Lieblingsurlaubsziel der ägyptischen Mittel- und Oberschicht geworden. „Wir haben jetzt riesige Supermärkte direkt vor der Tür, Vergnügungsparks und Hunderte Restaurants“, schwärmt Abdel Raouf Wair. Das Leben geht weiter.

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