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KOMMENTAR

Rückkehr zur Ratlosigkeit

Der Krieg in Afghanistan hatte die Basis von Al Qaeda zerstört. Doch der Konflikt in Irak hat der Organisation des islamistischen Terrors Zeit verschafft,

Von Rolf Paasch

Der Krieg in Afghanistan hatte die Basis von Al Qaeda zerstört. Doch der Konflikt in Irak hat der Organisation des islamistischen Terrors Zeit verschafft, sich neu zu erfinden. In regelmäßigen Abständen versandte Osama bin Laden Meldungen von seinem Überleben und neuen Terror-Zielen an die wachsende Schar seiner Sympathisanten. Mit den Anschlägen von Riad und Casablanca hat sich Al Qaeda jetzt als dezentralisiertes Netzwerk zurückgemeldet: mit Selbstmord-Attentaten gegen "weiche" Ziele als Antwort auf den westlichen Anti-Terror-Krieg.

Alle Annahmen und Verlautbarungen über dessen Erfolg sind damit widerlegt. Diese mögen - im Falle von George W. Bush - naiv oder ideologisch gewesen sein, ignorant oder politisch motiviert, aber sie waren in jedem Fall falsch. Die Erfinder des Kriegs gegen den Terror müssen die Prämissen ihres militärischen und politischen Handelns hinterfragen, sonst wird den Feldzügen in Afghanistan und Irak auf den neuen Schlachtfeldern von Wohnsiedlungen, Clubs und Diskotheken eine Serie von Niederlagen folgen.

Al Qaeda war nie eine so hierarchisch strukturierte Organisation mit festen Kadern, wie die Terror-Bekämpfer des Westens dies nach den Anschlägen vom 11. September 2001 annahmen. Spätestens seit dem Sturz der Taliban fungiert selbst die "Führung" - wenn dies denn überhaupt die richtige Bezeichnung sein sollte - nicht mehr als Auftraggeber, sondern eher als Anlaufstelle für lokal entwickelte Terror-Projekte. "Al Qaeda", so schreibt der britische Journalist Jason Burke, "kann nur als Ideologie verstanden werden"; als eine von einer wachsenden Zahl junger, muslimischer Männer "geteilte Weltsicht". Die enorme Reichweite dieser Bewegung von Marokko bis Malaysia lässt das militärische Vorgehen im Anti-Terror-Kampf dagegen wie hilflose, verspätete und kontraproduktive Reaktionen des Westens auf ein Phänomen aussehen, das weder die Politik noch das Pentagon bislang verstanden haben.

Nachdem sich in den vergangenen Tagen 23 Selbstmord-Attentäter in einer Choreografie des Terrors mit ihren Opfern in die Luft gesprengt haben, verdrängen neue oder bisher vernachlässigte Fakten über das Ausmaß der Bedrohung den voreiligen Triumphalismus der Regierung Bush. Der Bundesnachrichtendienst hält die Netzwerke von Al Qaeda in Saudi-Arabien, Jemen, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Kuwait für weiterhin intakt. US-Geheimdienste sprechen von einer erfolgreichen Reorganisation der Islamisten in Kenia, Sudan, Tschetschenien und Pakistan. Und in der New York Times wird nachträglich die Festnahme zweier Verdächtiger enthüllt, die in den USA angeblich auf der Suche nach neuen Bombenzielen unterwegs waren.

Erstmals erkennen Terrorismus-Experten auch Anzeichen dafür, dass der Irak-Krieg und seine Folgen Al Qaeda zu neuen Rekruten verhilft. Kein US-Kolumnist, der seinem Präsidenten in diesen Tagen des Terrors nicht einen anderen Umgang mit den saudischen Herrschern empfohlen hätte. Sogar demokratische Präsidentschaftsbewerber wagten am vergangenen Wochenende den Vorwurf, George W. Bush habe sich durch den Irak-Krieg vom Kampf gegen den Terror ablenken lassen. Die Bomben von Riad und Casablanca haben nicht zuletzt die innenpolitische Autorität des US-amerikanischen Präsidenten erschüttert.

Doch so berechtigt die Kritik am Irak-Krieg und einer primär militärischen Bekämpfung des Terrorismus auch sein mag, so schwierig bleibt es, Alternativen zu benennen. Denn wenn es noch eines Beweises für die Dimension der Bedrohung bedurfte, dann wurde er von den Anhängern und Adepten von Al Qaeda in der vergangenen Woche geliefert. Die islamistische Bewegung droht mit Schreckensszenarien nicht nur für westliche Touristen, sondern für den Nahen Osten, die arabische Welt und sogar den indischen Subkontinent. Während die Öffentlichkeit auf die Blutbäder in Saudi-Arabien und Tschetschenien blickte, explodierten zugleich in Karatschi 18 Sprengladungen; alle in der Nähe von Tankstellen des Öl-Konzerns Shell. Die Netzwerke der Terroristen müssen zerschlagen werden, sagt der deutsche Innenminister Otto Schily. Aber wie, wenn das Reservoir an freiwilligen Helfern weiterhin wächst?

Eine Friedenslösung für Palästina stellt sicherlich eine notwendige, aber längst keine hinreichende Bedingung für die erfolgreiche Bekämpfung des Terrorismus dar. Ähnliches gilt für die Lösung sozialer Konflikte in den arabischen Ländern. Die Ursachenforschung für die Attraktivität von Al Qaeda ist komplizierter, als dies mancher Gegner der in der Tat verfehlten US-Politik zu Irak, Saudi-Arabien und Nahost zugeben mag. Es war nicht ganz so einfach, dass die Regierung Bush allein zur Etablierung eines Empire und zur Sicherung des Öls in den Irak-Krieg gezogen wäre. All das und andere vordergründigen Interessen haben dabei eine Rolle gespielt. Aber zu den Gründen für diesen Krieg gehörte auch die völlige Ratlosigkeit Washingtons im Umgang mit dem Terrorismus. Zu ihr ist die Welt nach der machtvollen Demonstration des islamistischen Terrors jetzt wieder zurückgekehrt.

Dossier: Irak nach dem Krieg

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