1. Startseite
  2. Politik

Rudis Gedächtnis

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

"Er erholte sich, aber für ihn und für uns war etwas Unwiderrufliches geschehen": Rudi Dutschke mit Ehefrau Gretchen und Kindern (1970).
"Er erholte sich, aber für ihn und für uns war etwas Unwiderrufliches geschehen": Rudi Dutschke mit Ehefrau Gretchen und Kindern (1970). © dpa

Eine Begegnung in der italienischen Villa des Komponisten Hans Werner Henze dreieinhalb Monate nach dem Attentat.

Am Nachmittag traf ich die Familie Dutschke und Thomas Ehleiter und seine Frau. Die Begrüßung durch Gretchen war herzlich, Rudi selbst schien es ihr nur nachzutun, als er mich umarmte, er wirkte abwesend. Thomas Ehleiter stellte mich wie einen Fremden vor; mit lauter Stimme, jedes Wort betonend, sagte er: Das ist der Peter Schneider aus Berlin, du weißt, der Peter vom Springertribunal. "Pjotr", verbesserte ich Ehleiter, denn das war der Name, mit dem Rudi mich meistens angesprochen hatte. Rudi Dutschke nickte, aber er blieb merkwürdig reserviert. Ich verbot mir den Blick auf die Narbe an seinem Kopf; schon als ich ihn hereinkommen sah, hatte ich erleichtert festgestellt, daß er keinen Verband mehr trug. Seit dem Attentat waren dreieinhalb Monate vergangen, und offenbar war ich der erste deutsche Besucher in Dutschkes italienischem Refugium. Die einzige Person im Raum, für die er sich wirklich interessierte und mit der er ohne Mühe kommunizieren konnte, schien der kaum sechs Monate alte Sohn Hosea Che zu sein.

Thomas Ehleiter nahm mich beiseite. Ich kannte den aus Ungarn stammenden Arzt aus Berlin, wußte jedoch nicht, daß er Dutschke nach Marino begleitet hatte. Er sei nach Marino mitgekommen, um mit Rudi ungestört zu "arbeiten" - um all die Fähigkeiten wiederherzustellen, die durch die Schüsse und die nachfolgende Operation beschädigt oder verloren seien: die Fähigkeit zu sprechen, zu lesen, sich zu erinnern, die Fähigkeit, die Herrschaft über seine Motorik wiederzuerlangen. Oft fehlten ihm die Wörter für die einfachsten Dinge. Andere, schwierigere Wörter erlerne er rasch, weil sie für ihn eine emotionale Bedeutung hätten: Wörter wie "Freundschaft", "Liebe", "Befreiung" oder auch "autoritäres Bewusstsein". (...)

Rudi schritt gleich energisch aus, ein gemächlicher Spaziergang ohne Ziel schien ihm auch nach dem Attentat fremd zu sein. In dem großen, üppig mit Bäumen, Weinreben und Hecken bepflanzten Garten war genügend Platz für rasches Ausschreiten. Rudi begann sofort mit der Unterhaltung, ich war verblüfft, wie flüssig er sprach. Er fragte mich, wo ich gerade herkäme und was ich in Italien vorhätte. Die Frage war so gezielt, daß ich einen Augenblick lang ernsthaft überlegte, ob er von mir eine Einschätzung der italienischen Klassenkämpfe erwartete. Als ich mit meiner Antwort zögerte, stellte Rudi eine weitere Frage, die mir das Blut gefrieren ließ.

"Kennen wir uns?" fragte er. Und dann, nach einer Pause, wie ich eigentlich heiße.

Ich erzählte ihm von unserer Begegnung auf dem Teach-in, auf dem ich meine "Wir-haben-Fehler-gemacht"-Rede gehalten hatte. Er nickte, schien angestrengt nachzudenken, nickte wieder und sah mich ratlos an. Mir wurde klar, daß mein Hinweis und mein Name keinerlei Erinnerung in ihm auslösten. So erzählte ich ihm denn von einem Tischtennis- Match, das wir einmal - bei einer Tagung in Pichelsdorf, wo die "Machtfrage in Berlin" erörtert worden war - ausgetragen hatten.

"Und wer hat gewonnen?" fragte er.

"Ich. Wahrscheinlich ist es die einzige Sportart, in der ich besser bin als du."

Er blickte mich kampflustig an. "Das glaube ich nicht. Das müssen wir demnächst in Ordnung bringen!" Dabei stieß er mir mit dem Ellbogen in die Seite und lachte sein altes Lachen, das im Ausklang mit einem fröhlichen Juchzer endete. In diesem Augenblick, glaubte ich, hatte er mich wiedererkannt oder wenigstens wahrgenommen und neu im Gedächtnis verzeichnet.

Unsere beste Ablenkung und Zerstreuung war das Krocketspiel in Henzes Garten. Rudi freute sich wie ein Kind, wenn es ihm gelang, mit seiner Kugel eine gegnerische Kugel aus der Bahn zu schlagen. "Ja, ja, Pjotr, jetzt mußt du dich wieder hinten anstellen!" (...)

Ich spürte, daß es mit Rudi aufwärts ging; es war unmöglich, von seinem Lebensmut nicht angesteckt zu werden. Tagsüber drehte sich alles um Rudis Fortschritte; abends, wenn ich mich in meinem Luxuszimmer an den englischen Sekretär setzte, suchten mich andere Gedanken heim. Auf dem blaßblauen, durchsichtigen Briefpapier der Villa La Leprara verfaßte ich ein halbes Dutzend Heiratsanträge an L., die ich allesamt nicht abschickte.

Rudi hatte das Attentat überlebt, und ich traute ihm durchaus zu, daß er durch seine ungeheure Disziplin und seinen Lerneifer einen Großteil seiner verlorenen Fähigkeiten zurückerlangte.

Dennoch war mit dem Attentat für ihn und für uns etwas Unwiderrufliches geschehen. Selbst bei einer optimistischen Prognose würde es lange dauern, bis er seine Rolle als Führer der Bewegung wieder übernehmen könnte, und ich glaubte nicht eine Sekunde daran, daß er ersetzbar sei. Sein verwüstetes Gedächtnis war für mich ein Bild für den hohlen, hoffnungsleeren Zustand der Bewegung. Spätestens, wenn ich im Bett lag, gewannen die Berliner Alpträume wieder die Oberhand über meine Hoffnungen. Ich schämte mich dieser Träume, ich war wütend auf diese Träume, aber sie scherten sich nicht um meine Scham und meine Wut.

Gestern brief an L. geschrieben, den ganzen vormittag lang, die nacht habe ich mich dann mit alpträumen herumgeschlagen. Ich träumte, daß L. auf dem schoß eines mannes saß, ich weiß nicht mehr, von wem. Sie hatte ihr blaues kordkostüm an, und als ich sie sah, ging ich nah vor sie hin, um sie aufzufordern, mitzukommen. Sie seufzte tief und schmerzhaft (das letzte mal, als ich sie mit einem anderen mann im republikanischen club traf, war es so gewesen) und gab mir ein zeichen, ich solle verschwinden. Wie soll ich mit solchen nächten fertig werden? Ich müßte ja wie Kafka schreiben, um damit arbeiten zu können. Alle kraft, die ich habe, verwende ich seit zwei jahren darauf, die gefährlichen wünsche niederzuhalten, und es kommt mir manchmal ziemlich lächerlich vor, daß ich für die revolution arbeiten will. Manchmal ist mir, als könnte ich nichts mehr ändern, nur noch beschreiben. (undatiert)

In meiner nur wenig später entstandenen "Rede an die deutschen Leser und ihre Schriftsteller", die im Kursbuch 16, auf braunes Packpapier gedruckt, als Faltplakat eingelegt war und dann auf viele Wohngemeinschaftswände geklebt wurde, steht das genaue Gegenteil: "Was wir da um uns herum sehen und erleben, ist überhaupt nicht mehr zu beschreiben, nur noch zu ändern." Ich bin ziemlich sicher, daß ich diesen Widerspruch zwischen öffentlicher Rede und Tagebucheintragung nicht bemerkt habe.

Auszug aus Peter Schneiders Buch "Rebellion und Wahn"

Auch interessant

Kommentare