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Gretchen Dutschke (77) ist fest überzeugt, dass die nächste Weltkrise kommt.  

Interview

Gretchen Dutschke: Was Rudi von „Fridays for Future“ gehalten hätte

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Gretchen Dutschke über die „Fridays for Future“ und warum ihr an Heiligabend 1979 gestorbener Mann heute mit der Jugend fürs Klima streiten würde.

Gretchen Dutschke, Witwe des klügsten und radikalsten Wortführers der Studentenbewegung von 1968: Die heute 77-jährige mehrfache Großmutter lebt 40 Jahre nach dessen Tod im dänischen Aarhus wieder in Berlin, in Friedrichshain. Die gebürtige US-Amerikanerin war in den 60er Jahren zum Studieren nach Westberlin gekommen und lernte dort den aus Ostberlin hinübergewechselten Dutschke kennen und lieben. Die beiden lebten inmitten des wilden Aufbruchs eine klassische Ehe – und Gretchen wurde zu einer der ersten einflussreichen Frauen der Protestbewegung. 

Weihnachten ist eine Zeit der Trauer für die Dutschkes. Am Heiligabend 1979 starb Rudi Dutschke nach einem epileptischen Anfall in der Badewanne. Er wurde 39 Jahre alt. Der Anfall war Spätfolge des Attentats durch den von rechter Propaganda beeinflussten Arbeiter Josef Bachmann am Gründonnerstag 1968.

Frau Dutschke, wie werden Sie dieses Jahr Weihnachten feiern?

Ich werde mit meiner Familie feiern. Die vergangenen Jahre war ich bei meinem jüngsten Sohn Marek, der auch hier in Berlin wohnt. Dieses Jahr treffen wir uns wieder in Aarhus bei meinen beiden ältesten Kindern.

Hosea-Che (51) und Polly-Nicole (50), die beiden ältesten Dutschke-Kinder, leben mit ihren Familien in Aarhus. Dorthin zog die Familie Ende 1971, nach Stationen in Italien und Großbritannien. Gretchen und viele Freunde hatten viel dafür getan, dass Rudi nach dem Attentat sein Sprachzentrum wieder entwickelte und neu sprechen lernte. Hosea-Che hat drei Kinder, Polly-Nicole Zwillinge. Rudi-Marek (39), der jüngste Sohn, hat zwei Kinder, die Familie lebt im selben Berliner Kiez wie Gretchen.

Werden Sie an Heiligabend mit Ihren Enkeln auch über den Großvater, den sie nie kennenlernen durften, sprechen?

Bisher haben wir das vermieden. Die Kinder sollten ja auch Freude an Weihnachten haben, es war schon schwer genug. Die ersten Jahre nach Rudis Tod haben wir Weihnachten nicht gefeiert. Dann haben wir es wieder aufgenommen. Wir haben viel darüber geredet, wie schwer es nachher war. Jetzt ist es 40 Jahre her, da werde ich am Heiligabend vielleicht doch mit meinen Enkeln über ihn sprechen.

Wie ist Ihre Erinnerung an seinen Tod?

Ich stand in der Küche, hatte die Weihnachtsgans im Ofen. Rudi war sehr lange im Badezimmer. Als ich nachschaute, lag er dort. Rudi hatte manchmal noch epileptische Anfälle, aber nur sehr kurze, nur ein paar Sekunden. So etwas, dass er das Bewusstsein verloren hat, gab es seit Jahren nicht mehr. Mein Sohn Hosea hat noch versucht, ihn wiederzubeleben.

Er war damals elf Jahre alt.

Ja, fast zwölf, Polly war zehn. Dann kam der Krankenwagen, aber es war zu spät.

Visionärer Vordenker der Linken: Rudi Dutschke.

Sie waren schwanger, allein mit den Kindern in einem fremden Land – wie haben Sie die Monate nach Rudis Tod überstanden?

Ich fühlte mich, als wäre ich in einem Eisblock eingeschlossen. Wir sind zu Freunden gezogen, das ging, bis Marek im April zur Welt kam. Die Freunde haben sich um alles gekümmert, damit ich nicht zu viel machen musste. Während der Schwangerschaft ging mein Blutdruck immer weiter runter, bis es bedrohlich war. Wir sind nicht dorthin zurückgegangen, wo Rudi gestorben war, wir haben uns eine neue Wohnung gesucht. Wir haben versucht, wieder zu leben. Und ich habe mich um das Baby gekümmert. Was blieb mir anderes übrig?

Rudi-Marek heißt ihr Sohn, der vier Monate nach Rudis Tod zur Welt kam. Hatten Sie den Namen bereits mit Rudi ausgesucht?

Marek hatten wir gemeinsam ausgesucht. Das kam so: Rudi las ein Buch des österreichischen Kommunisten Franz Marek. Es lag auf dem Schreibtisch, und ich sagte: Marek, das wäre doch ein schöner Name. Rudi meinte: Franz Marek ist ein Guter, das können wir machen. Das „Rudi“ habe ich dann hinzugefügt.

Die Welt kennt Sie als Gretchen Dutschke, aber offiziell heißen Sie heute Gretchen Klotz. Wann sind Sie zu Ihrem Mädchennamen zurückgekehrt?

Das war 1976 und hatte einen besonderen Grund. Rudi hatte mich gebeten, in die SPD einzutreten, um dort ein bisschen zu spionieren. Wir dachten, es fällt nicht auf, wenn ich unter meinem Mädchennamen dort eintrete.

Und was haben Sie über die SPD herausfinden können?

Noch bevor ich zu einer Parteiversammlung gehen konnte, haben sie mich schon wieder rausgeschmissen. Jemand muss ihnen gesteckt haben, wer ich bin.

Gretchen hat für das Gespräch mit der Presse ein kleines Café mit gemütlichen Sesseln ausgesucht, die aussehen, als kämen sie vom Sperrmüll. An der Markise des Cafés steht „Die Kunst der kleinen Schritte...“ Passender könnte es nicht sein.

Was halten sie von den neuen SPD-Vorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans?

Nun, sie reden, als wären sie zumindest etwas weiter links als die SPD bisher. Aber es sieht nicht gut aus für sie und die Partei. Kevin Kühnert finde ich gut, der macht mir Hoffnung. Aber viele kritisieren ihn dafür, dass er zu links ist. Ich sehe keine Chancen, dass die SPD linke Politik macht, jedenfalls nicht in der nächsten Zeit.

Vor 40 Jahren wurden die Grünen gegründet. Ihr Mann war an den Vorbereitungen maßgeblich beteiligt, sein Tod hat verhindert, dass er die Grünen prägen konnte. Wo wäre er heute?

Ich weiß nicht, ob er den Kurs der Grünen bis zur Regierungspartei mitgetragen hätte. Vielleicht wären es ihm zu viele Kompromisse gewesen, die er auf dem Weg dorthin hätte machen müssen. Natürlich war ihm der Unterschied zwischen parlamentarischer und außerparlamentarischer Politik bewusst. Sein Ziel war, dass der außerparlamentarische Arm den parlamentarischen Arm beeinflusst und treibt. Das war auch 1968 seine Position. Er wollte eine USPD zustande bringen, eine neue linke parlamentarische Partei. Daher bin ich mir sicher: „Fridays for Future“ und „Extinction Rebellion“ hätten ihn fasziniert, deren Ziele sind viel konkreter als damals die antiautoritären Strukturen. Die hätte er unterstützt.

Tun Sie es auch?

Ja, natürlich. Ich war bereits zwei Mal beim Klimastreik in Berlin dabei, im September und im November.

Vor einem Jahr haben Sie in Ihrem Buch „Worauf wir stolz sein können“ (Kursbuch Kulturstiftung) geschrieben: Jetzt sind die Jungen dran.

Und jetzt sind sie dran und tun etwas, das ist toll! Greta Thunberg hat so vielen Menschen die Augen geöffnet.

Nachdenkliche Ikone der Jugend: Greta Thunberg.

Glauben Sie, dass die junge Klimabewegung Erfolg haben wird?

Ich finde es hervorragend, was gerade passiert. Aber ich habe nicht sehr viel Hoffnung, dass der Wandel schnell kommen wird. Die 68er haben 20 Jahre gebraucht, bis sich ihre Ideen in der Gesellschaft durchgesetzt hatten. Das Problem ist: Beim Kampf gegen den Klimawandel haben wir diese 20 Jahre nicht mehr.

1968 spielte die Umweltzerstörung keine Rolle, die Epoche war sehr technikgläubig und eigentlich zukunftsfroh – wann kam der Gesellschaft die Erkenntnis, dass die Umwelt an erster Stelle steht?

Ich glaube, die breite Bevölkerung hat das erst jetzt durch Greta Thunberg und „Fridays for Future“ erreicht. Aber die Gründung der Grünen vor 40 Jahren war natürlich der wichtigste Meilenstein. Rudis erste Vorstellung war wie gesagt, eine neue Partei links von der SPD zu machen, also eine Art neue USPD. Aber durch seine Kontakte mit der Umweltbewegung änderte er seine Meinung. Wenn wir die Umwelt so zerstören, dass wir keine Zukunft haben, brauchen wir auch keine neue linke Partei. Deshalb müssen wir uns erst um Umweltschutz kümmern.

Um es als „Fridays for Future“-Slogan zu sagen: „Es gibt keinen Sozialismus auf einem toten Planeten.“

Ja, genau so. Und Rudi hat das bereits gesehen.

„Warum habt ihr so lange nicht gehandelt?“ werfen die demonstrierenden Schüler den Alten vor. Was sagen Sie dazu?

Wir haben gehandelt, wir haben protestiert, wir waren immer da. Nur die andere Seite war stärker, sie hatte mehr Geld. Wir waren immer eine Minderheit. Was die Gesellschaftsreformen der 60er Jahre angeht, die Ideen der antiautoritären Bewegung – das ist inzwischen auf die Mehrheit übergegangen, würde ich sagen. Aber die Umweltfragen waren und blieben das Interesse einer Minderheit. Heute sagt die Mehrheit, dass Umwelt- und Klimaschutz eine wichtige Aufgabe sind. Aber es ist immer noch nur eine Minderheit, die bereit ist, genug zu tun. Wir haben nun mal eine Wirtschaft, die auf Wachstum und Profit ausgerichtet ist –und das ist nicht anders möglich als mit Umweltzerstörung.

Wie könnte man das ändern?

Was die Wirtschaft wirklich treffen würde, wäre Konsumverzicht. Aber dazu sind die Leute nicht bereit. Das zeigen alle Umfragen. Die Menschen wollen nicht auf ihren Komfort verzichten. Doch die wirtschaftliche Boomphase ist vorbei, es wird nicht mehr lange dauern bis zur nächsten Krise.

Woher nehmen Sie die Sicherheit, dass es so kommt?

Das ist einfach zyklisch bedingt. Die letzte Krise war 2008, der Boom danach ging schon ziemlich lang. Was viel wichtiger ist als die Frage, wann genau die Krise kommt: Wir müssen vorbereitet sein. Dieses Mal dürfen zum Beispiel die Banken nicht gerettet werden.

Die 68er hatten einen Vorteil: Die Nachkriegsgesellschaft ließ sich durch Aktionen der Kommune 1, aber auch durch Menschen wie Rudi und Sie provozieren. Ihnen war maximale Aufmerksamkeit garantiert. Fridays for Future hat jetzt nach einem Jahr die wöchentlichen Schulstreiks eingestellt, viele sind resigniert. War es das bereits?

Es ist schwer, auf Dauer jede Woche viele Menschen auf die Straße zu kriegen. Ich glaube nicht, dass sie aufhören sollen. Noch einmal: Große Veränderungen dauern mehrere Jahrzehnte. Auf 68 folgte der ganze Irrsinn, der in den 70er Jahren passierte ...

... die Sektierer, der Terror der RAF ...

... und erst danach haben wir uns durchgesetzt. 1968 ist als Begriff irreführend, es waren 20 Jahre. Oder nehmen Sie 1989: Die DDR-Bürgerrechtsbewegung hatte gerade mal ein Jahr, um das Land zu demokratisieren. Mit der Vereinigung brachen diese Anfänge ab, die Demokratisierung wurde weggewischt. Aber in einem Jahr kann man das nicht schaffen. Auch das erklärt die Stärke der AfD in Osten.

Auch die AfD hofft auf eine Wirtschaftskrise, um dann Wahlen gewinnen zu können. Macht Ihnen deren Aufstieg Sorgen?

Ich glaube im Augenblick noch, dass es die extreme Rechte in Deutschland schwerer hat als anderswo, an die Macht zu kommen. Deutschlands Umgang mit seiner Geschichte ist dabei viel wert. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es so bleiben wird. Deswegen sage ich: Die Linken müssen auf die kommende Krise vorbereitet sein, aber sie reden noch nicht mal darüber. Man muss einen Plan haben, was man tut. Nur wie der aussehen soll, müssen wir mit den Experten in verschiedenen Gebieten diskutieren.

Sie leben nun seit zehn Jahren wieder in Berlin – ist es ihre Stadt geworden?

Ich werde hier nicht mehr wegziehen. Dabei war es zufällig, dass ich herkam, ich wollte aus den USA wieder nach Europa, um bei meinen Kindern zu sein. Ich habe versucht, nach Aarhus zurückzugehen, aber die Dänen wollten mir kein Visum geben. Ich spreche so gut Dänisch wie Deutsch, ich habe am ernährungswissenschaftlichen Institut in Aarhus die Ernährungstabellen entwickelt, die in Dänemark vielleicht immer noch genutzt werden, zwei Kinder und fünf Enkel leben dort – aber nein, sie wollten mich nicht. Dann bin ich nach Berlin gezogen, weil Marek hier wohnt. Und bin geblieben.

Interview: Jan Sternberg

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