150 000 Rubel und ein Großbildfernseher, damit die Waffen schweigen

In den "befreiten Zonen" Tschetscheniens handeln die russischen Kommandeure nach ihren eigenen Maßstäben

Von Florian Hassel (Moskau)

Seit die russische Armee vor fünf Wochen ihr Dorf umstellte und nach Rebellen durchsuchte, dürfen sich die Menschen von Tschiri-Jurt zu den "befreiten Gebieten" Tschetscheniens zählen. Doch mit der Freiheit ist es nicht weit her.

Noch immer stehen russische Soldaten und Polizisten in einem engen Kreis um Tschiri-Jurt. Der Zugang ist beschränkt, das Verlassen mit wenigen Ausnahmen untersagt. Von den versprochenen Mehl- und Zuckersäcken, der Versorgung mit Strom, der Auszahlung von Löhnen haben die 7000 Bewohner bisher ebenso wenig gesehen wie die 7500 Flüchtlinge. "Wir sind nichts als Geiseln", sagt Bürgermeister Issa Madajew. "Tschiri-Jurt ist ein großes Konzentrationslager, wie die anderen von den Russen ,befreiten' Dörfer." Tschiri-Jurt, 40 Kilometer südlich von Grosny gelegen, ist eine Schlüsselstellung: Es liegt vor dem Eingang zur Argun-Schlucht, dem wichtigsten Weg in die südlichen Berge, von wo die Tschetschenen ihren Partisanenkrieg gegen die russischen Truppen führen. Seitdem die russische Luftwaffe intensiv die Bergdörfer bombardiert, sind nach Schätzung Madajews "40 000 Menschen zu uns und in unsere Nachbardörfer geflüchtet".

Als die Luftwaffe Tschiri-Jurt am 28. November und 5. Dezember bombardierte und zwölf Menschen tötete, wählten die Einwohner Madajew zum Bürgermeister. "Ich habe nur eine Aufgabe: Mein Dorf zu retten", sagt der Mann, der als Oberst schon im ersten Tschetschenien-Krieg gegen die Russen kämpfte. Als die Russen Tschiri-Jurt umstellten, ließ sich Madajew zu ihrem Kommandeur bringen. Er versicherte, dass im Dorf keine Kämpfer seien, und bot dem General an, die Kontrolle gemeinsam durchzuführen.

Am 12. Dezember wurde Tschiri-Jurt durchkämmt. Die Russen nahmen 30 Männer fest, die sie verdächtigten, Kämpfer zu sein. "Alle Festgenommenen kamen wieder frei", sagt der Bürgermeister und lobt Oberst Rjabykow, den Kommandeur der Rubop-Einheiten aus dem russischen Pitigorsk. "Rjabykow hat jede Plünderung und Übergriffe unterbunden." Andere Dörfer kommen nicht so glimpflich davon. Einwohner von Katyr-Jurt südwestlich von Grosny sagten der Moscow Times, sie hätten einem russischen General 150 000 Rubel, mehr als 10 000 Mark, und einen Großbildfernseher übergeben, damit ihr Dorf nicht bombardiert und geplündert werde.

Im benachbarten Atschchoj-Martan sollen die Bombardierungen erst geendet haben, als die Dorfbewohner gesammeltes Bestechungsgeld überreichten. In Tschiri-Jurt dagegen schweigen die Waffen. Flüchtlinge dürfen freilich nur zwischen 12 und 16 Uhr kommen, die Einwohner ihr Dorf "nicht einmal zum Holzsammeln verlassen", sagt Madajew. Erst nach langen Verhandlungen durfte er gehen, um Hilfe zu organisieren. Eine tschechische Organisation stellte ihm 40 Tonnen Lebensmittel in Aussicht. Seit 11. Januar verhandelt Madajew nun im inguschetischen Nasran, damit das russische Katastrophenhilfeministerium die Hilfsgüter nach Tschiri-Jurt bringt oder den Transport genehmigt. Bisher ohne Erfolg.

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