Gesine Schwan

Im roten Salon

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Wie SPD-Chef Müntefering höchst dezent für Präsidentschaftskandidatin Schwan wirbt. Von Karl Doemens

BERLIN. Rot sind die Polster im Saal, rot changiert der Vorhang hinter der Bühne und rot strahlt der Schal von Gesine Schwan. "Ich habe meinen extra unten liegen lassen", sagt Franz Müntefering. Die Harmonie wirkt perfekt. Nichts lenkt ab von der Hauptperson des Abends: der SPD-Präsidentschaftskandidatin, die ihr Buch "Woraus wir leben" vorstellt.

Kurz zuvor noch haben die Agenturen ihre Attacke auf den Amtsinhaber Horst Köhler gemeldet, dem Schwan ziemlich grobschlächtig vorwarf, er nehme "eine Erosion der Demokratie in Kauf". Doch davon soll nun nicht die Rede sein. Einmal nur setzt die Herausforderin zu einer "Klarstellung" an. Doch dann klagt sie allgemein über die "Kluft zwischen denen, die professionelle Politik betreiben, und denen, die nicht".

Als "öffentliche Intellektuelle" und "politische Philosophin" hat ihr Buch-Gesprächspartner Christian Geyer die Professorin vorgestellt. Tatsächlich wohnen die Zuhörer zwei Stunden einem gepflegten bürgerlich-linksliberalen Salongespräch bei, in dem es viel um Zivilgesellschaft, um Partizipation, Freiheit, Mitbestimmung und am Ende gar um Religion geht.

In der Sache sind der 69-jährige Müntefering und die gut drei Jahre jüngere Schwan meist einer Meinung. Sie intonieren die Gedanken nur unterschiedlich. Die Bürger seien keine Kunden der Politik, sagt Schwan: "Ich komme von der athenischen Politik." Bei Müntefering heißt das: "Es gibt zu viele, die auf der Tribüne sitzen."

Wo Schwan den "Primat der Politik" anmahnt, fordert Müntefering: "Ich will nicht, dass Geld die Welt regiert." Man müsse "die Regression der Krise zugunsten einer konstruktiven Betrachtung" überwinden, verlangt die Kandidatin. "Erklären, wohin die Reise gehen kann", heißt das im Münte-Sprech. Zur Wirtschaftskrise, das lässt sich kaum verbergen, hat der SPD-Chef ("Weg mit der Verharmlosungssülze!") mehr und Klareres zu sagen als die Professorin.

"Aber hallo!" antwortet Müntefering auf die Frage, ob die Partei die Kandidatur von Schwan unterstütze. Tatsächlich hegen viele in der SPD-Spitze arge Zweifel, ob die absehbare Niederlage trotz Unterstützung durch die verpönte Linkspartei die Partei im Superwahljahr weiter bringt. Sparsam fällt auch Münteferings Bekenntnis aus: "Ich finde, dass Köhler seine Arbeit gut macht. Aber zu einer Demokratie gehört, dass es auch mal einen Wechsel gibt."

Am Ende signiert Schwan noch Bücher, während draußen eine eisige Berliner Winternacht wartet. Auf dem Heimweg denkt man unwillkürlich, was für eine tolle Kandidatin Gesine Schwan 2004 war und wie gut es wäre, wenn Müntefering ins Schloss Bellevue einzöge. Aber der kandidiert ja nicht.

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